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Übers Hofgespräch zur Lehrstelle

Wegen Corona lag das Thema Berufsorientierung völlig brach. Mit einem neuen Format will das Bildungszentrum Pirna nun Azubis finden.

Volker Großmann (l.), Leiter des bsw-Bildungszentrums Pirna, Dr. Ralf Hübner, Geschäftsführer des Bildungswerks der Sächsischen Wirtschaft: Hofgespräche als neues Angebot bei der Lehrstellensuche.
Volker Großmann (l.), Leiter des bsw-Bildungszentrums Pirna, Dr. Ralf Hübner, Geschäftsführer des Bildungswerks der Sächsischen Wirtschaft: Hofgespräche als neues Angebot bei der Lehrstellensuche. © Daniel Schäfer

Jung, gebildet, orientierungslos: Wegen der Corona-Pandemie mussten Schüler auf einmal mit einem völlig ungewohnten Alltag klarkommen. Monatelang wurden sie daheim unterrichtet, sahen weder Bildungsstätte oder Lehrer noch den Großteil ihrer Klassenkameraden. Lernplattformen im Internet funktionierten teilweise nur mangelhaft, vieles Gewohnte konnte nicht stattfinden, manches fiel sogar gänzlich flach.

Vor allem Schulabgänger, kurz vor dem Start in einen neuen Lebensabschnitt, brachte das in eine noch ganz andere missliche Situation.

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Berufsorientierung kommt zu kurz

In den zurückliegenden Monaten gab es weder Berufs- und Ausbildungsmessen noch Tage der offenen Tür in den Betrieben. Praxisberater konnten nicht in die Schulen. "Das komplette Thema Berufsorientierung ist unter den Tisch gefallen", sagt Volker Großmann, Leiter des Bildungszentrums Pirna des Bildungswerks der Sächsischen Wirtschaft (bsw).

Das bsw-Bildungszentrum in Pirna bildet für viele regionale Betriebe Lehrlinge aus, vorwiegend in Metall- und Elektroberufen. Aufgrund der ausgefallenen Berufsberatung hätten laut Großmann nun viele Schulabgänger weder einen Ausbildungsplatz noch eine Vorstellung davon, welche Berufsvielfalt es gibt.

Diese Auswirkungen bekam das bsw-Bildungszentrum, im Frühjahr 2020 an den neuen Standort Fabrikstraße 1 im Gewerbepark "An der Elbe" gezogen, auch selbst zu spüren. Die Bildungsstätte übernimmt für etwa 90 Betriebe aus dem Landkreis die Lehrlingsausbildung. Doch mit Ausbruch der Pandemie geriet dieses Gefüge ins Wanken.

Sollen wir noch ausbilden?

Viele Betriebe standen plötzlich vor der Frage: Bilden wir in diesen unsicheren Zeiten noch aus oder nicht? "Die Zahl der Azubis ist daraufhin merklich gesunken", sagt Großmann. Normalerweise beginnen mit dem Start eines neuen Ausbildungsjahres im Schnitt 50 Lehrlinge eine Ausbildung im bsw-Bildungszentrum, im September 2020 waren es nur 30.

Damit es dennoch irgendwie weitergeht, bot die Bildungsstätte alternative Ausbildungen an, auch, um die Betriebe zu unterstützen. "Das hat uns viel Kraft gekostet, aber es ist auch viel Neues entstanden", sagt Großmann.

Das Ganze hatte letztendlich auch etwas Gutes: Der Kontakt zu vielen Firmen wurde dadurch enger, viele Firmen sagten zu, ihre Lehrlinge nach der Flaute 2020 künftig wieder in Pirna ausbilden zu lassen - wenn sie denn welche finden.

Doch trotz allem blieben die Fragen: Wie finden Schulabgänger die passende Lehrstelle? Und wie finden Betriebe und potenzielle Azubis zueinander?

Lockere, ungezwungene Plauder-Runde

Aus diesem Grund entwickelte das bsw-Bildungszentrum ein neues Format: die sogenannten Hofgespräche. Auf diese Weise will die Bildungsstätte weitgehend unabhängig von Inzidenzen und ausfallenden Berufsmessen über ihre zahlreichen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten informieren und Fachkräftenachwuchs suchen.

Die Hofgespräche starten am 30. Juni und finden dann jeden Mittwoch von 14 bis 16 Uhr auf dem Hof der Bildungsstätte an der Fabrikstraße statt. "Auf diese Weise sind wir an etwas weniger strikte Hygieneregeln gebunden als im Innenbereich", sagt Dr. Ralf Hübner, Geschäftsführer des Bildungswerks der Sächsischen Wirtschaft mit Hauptsitz in Dresden.

Bei diesem Alternativangebot handelt es sich nicht um Vorstellungsgespräche, sondern um lockere, ungezwungene Plauder-Runden, bei denen Schulabgänger Infos aus erster Hand bekommen. "Wir wollen damit möglichst viele Jugendliche erreichen", sagt Großmann. Er hofft auf regen Zuspruch.

Hilfe bei der Lehrstellen-Suche

Eingeladen sind alle, die noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind oder sich beruflich weiterentwickeln wollen. Ebenso diejenigen, die Hilfe benötigen, um sich in der vielfältigen Bildungslandschaft und im Dschungel von Bildungsgutscheinen und Bildungsprämie zurechtzufinden. "Selbstverständlich sind auch die Eltern angesprochen, deren Kinder noch keinen Plan haben, wie es nach der Schule weitergeht", sagt Großmann.

Die Gespräche beginnen zunächst im kleinen Kreis zwischen Schule und Jugendlichen, später sollen auch ausbildende Firmen hinzukommen. Bis dahin sieht sich das Bildungszentrum als Brückenbauer zwischen Schulabgängern und Unternehmen.

"Wir wissen ja, was die Betriebe suchen", sagt Großmann, "und wollen den Schulabgängern eine Ausbildungsmöglichkeit in der Region vermitteln."

Eine der modernsten Bildungsstätten

Das bsw-Bildungszentrum in Pirna gilt als eines der modernsten der Unternehmensgruppe. Lehrwerkstatt, Schulungs- und Büroräume sind auf einer Fläche von 1.700 Quadratmeter untergebracht. Herzstück ist die Maschinenhalle sowie die Schweißerei auf einer Fläche von 450 Quadratmeter.

Umgebaut wurde die ehemalige Mehrzweckhalle für Gewerbetreibende an der Fabrikstraße mithilfe der Stadtentwicklungsgesellschaft Pirna (SEP), die das Gebäude vor mehreren Jahren errichten ließ.

Die Bildungsstätte ist gewerblich-technisch ausgerichtet und biete unter anderem die Verbundausbildung in Metall- und Elektroberufen. Verbund bedeutet: Die Ausbildung setzt sich aus Praxis-Einheiten und Berufsschulbesuchen zusammen. Zudem bildet das Zentrum Fachkräfte weiter, auch werden Menschen im Auftrag der Arbeitsagentur qualifiziert oder umgeschult.

Einen wichtigen Schwerpunkt am Standort Pirna bildet das Schweißen: Die Bildungsstätte ist geprüfte Kursstätte vom Deutschen Verband für Schweißen und bietet Lehrgänge und Wiederholungsprüfungen für alle gängigen Schweißverfahren an.

Angebot für Unentschlossene

Und noch völlig unentschlossene Schulabgänger oder jene ohne Lehrstelle können an der Fabrikstraße ein berufsvorbereitendes Jahr absolvieren, um in viele Bereiche hineinzuschnuppern.

Im September 2020 begannen 18 junge Leute dieses berufsvorbereitende Jahr, daraus wurde schnell eine Erfolgsgeschichte. "Schon im Mai 2021", sagt Großmann, "waren 80 Prozent von ihnen in eine gewerbliche oder kaufmännische Ausbildung in einem Unternehmen der Region vermittelt."

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