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Wer braucht Experten fürs Online-Geschäft?

Der Handel übers Internet wächst. Ein neuer Ausbildungsberuf soll Kompetenzen in der Region halten. Doch Firmen zögern. Was der Kreis SOE für Berufsschulen plant.

Einkaufen vom Sofa aus. Für Kaufleute im E-Commerce soll es zukünftig eine Extra-Ausbildung im Landkreis geben.
Einkaufen vom Sofa aus. Für Kaufleute im E-Commerce soll es zukünftig eine Extra-Ausbildung im Landkreis geben. © dpa-tmn

Die zwangsgeschlossenen Läden im Lockdown haben dieser Entwicklung noch mal neuen Schub gegeben. Immer mehr Menschen kaufen online ein. Laut Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) gab es 2020 im Vergleich zum Vorjahr in vielen Handelssegmenten zweistellige Steigerungsraten.

Mit dem Handel übers Internet haben sich auch Händler und Produzenten aus der Region beholfen, um Umsatzausfälle insbesondere wegen der angeordneten Schließungen wenigstens etwas abzufedern. Da reicht die Palette von Bekleidung bis zum Striezel.

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Weiter Weg zur nächsten Berufsschule

Doch die Fachleute fürs Verkaufen im Internet sind noch rar. Das ist auch keine Erkenntnis, die erst in der Corona-Pandemie entstanden ist. Seit 2018 wird das Berufsbild Kaufmann/-frau im E-Commerce als dreijährige Ausbildung angeboten. Allerdings nicht im hiesigen Landkreis und auch nicht anderswo in Ostsachsen.

Derzeit lernen 43 junge Leute den Beruf im Berufsschulzentrum (BSZ) Oschatz und jeweils acht im BSZ Plauen und im BSZ Chemnitz. Der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge zählt bei den Berufen im E-Commerce zum Einzugsgebiet des BSZ Oschatz.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln benötigt man von Dippoldiswalde nach Oschatz etwa zwei Stunden. Von Sebnitz sind es mehr als drei Stunden. Aus Dörfern des Landkreises ist es noch weiter. Da verwundert es wenig, dass sich Jugendliche aus der Region kaum für eine solche Ausbildung interessieren, obwohl die Chancen für den Berufseinstieg angeblich groß sind.

In der Unterhaltungs-Elektronik werden die größten Umsätze im Online-Handel gemacht.
In der Unterhaltungs-Elektronik werden die größten Umsätze im Online-Handel gemacht. © dpa Grafik

Nachteile für Ländlichen Raum befürchtet

Das kann die Arbeitsagentur Pirna allerdings noch nicht bestätigen. Freie Arbeitsstellen im Bereich Internet-Handel sind zwar gemeldet, sie befinden sich aber eher im Raum Dresden, Riesa oder Bautzen. In ganz Deutschland gab es rund 200, im Januar zuletzt rund 250 gemeldete Arbeitsstellen, teilt die Arbeitsagentur mit. Dabei entfallen aktuell 15 auf Sachsen. Lehrstellen gibt es im Freistaat etwa doppelt so viele. Ein Bedarf sei damit erkennbar.

Darauf hat die CDU-Fraktion im Kreistag schon länger hingewiesen. Seit fast einem Jahr wird über den Berufsschulnetzplan im Freistaat diskutiert. Den ersten Entwurf kritisierte die Kreistags-CDU, weil es "erhebliche Nachteile für den Ländlichen Raum" gibt. Jungen Leuten müssten wohnortnah attraktive Ausbildungsmöglichkeiten angeboten werden, heißt es.

Im Juni vorigen Jahres hatte die CDU im Kreistag den Antrag gestellt, dass sich der Landkreis unter anderem dafür einsetzen solle, dass das Berufsfeld E-Commerce im hiesigen Landkreis als Ausbildung angeboten wird. Das Landratsamt hatte die Forderungen der CDU-Fraktion übernommen.

Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage

Der Landkreis forderte nun beim federführenden Kultusministerium die Aufnahme der Ausbildung E-Commerce in den Teilschulnetzplan Berufsbildender Schulen. Umgesetzt wurde es aber noch nicht. "Derzeit sind die Schülerzahlen sehr gering, weshalb die Entwicklung zunächst beobachtet wird. Ein weiterer Standort kann erst bei steigenden Schülerzahlen in Erwägung gezogen werden", teilt Kati Kade (CDU), Beigeordnete des Landrats, auf Nachfrage mit.

Wächst die Nachfrage, wenn das Angebot der Ausbildung im Landkreis ermöglicht wird? Oder müssen erst mehr Lehrstellen von Betrieben angeboten werden? Die Arbeitsagentur geht jedenfalls davon aus, dass sich "die Bedarfslage in der Region mit einer Ausbildungsmöglichkeit für den theoretischen Teil der dualen Ausbildung innerhalb des Landkreises steigern könnte".

Kreistag stimmt im März ab

Am BSZ Pirna waren im ersten Entwurf des Kultusministeriums zum Berufsschulnetzplan von März 2020 massive Änderungen geplant. Das Berufsschulzentrum sollte beispielsweise den Bereich Bautechnik, Maurer und Hochbaufacharbeiter abgeben. Was verhindert werden konnte, erklärt Kade.

Die einzig negative Veränderung im Konzept des Kultusministeriums ist die Abgabe im Berufsbereich Fahrzeugtechnik, Schwerpunkt Nutzfahrzeugtechnik. Ab dem Jahrgang 2021/22 stehen die Standorte Pirna und Dresden für Auszubildende zum Kraftfahrzeugmechatroniker nur noch für das erste Ausbildungsjahr im Rahmen der gemeinsamen Beschulung im Berufsbereich Fahrzeugtechnik zur Verfügung. Danach ist das BSZ Meißen-Radebeul für diese Lehrlinge aus dem hiesigen Landkreis zuständig.

In einer nicht öffentlichen Sitzung des Bildungsausschusses haben sich die Kreisräte jetzt zum Entwurf des Berufsschulnetzplans ausgetauscht. Öffentlich soll das am 22. März zur nächsten Sitzung des Kreistags diskutiert werden.

Corona-Pause wird schrittweise beendet

Neu ins Konzept sollten für den Landkreis unter anderem die Berufe Fachpraktiker im Verkauf, Fachpraktiker Lager, Beton- und Stahlbetonbauer, Hochbaufacharbeiter (zweijährig) in der Spezialisierung Beton-und Stahlbetonbauarbeiten sowie Bauwerksmechaniker für Abbruch und Betontrenntechnik aufgenommen werden. Im Berufsbereich Elektrotechnik ist es dem Landkreis gelungen, die Ausbildungsrichtung Energie- und Gebäudetechnik am Standort in Pirna zu halten, heißt es vom Landratsamt. Das BSZ soll zudem Kompetenzzentrum für das Berufsfeld Hochbau werden.

Das würde eine deutliche Stärkung der Berufsschulen in Trägerschaft des Kreises bedeuten. "Somit kann der Landkreis mit seinen Berufsschulzentren in den vorhandenen Berufsfeldern und Ausbildungsberufen seinen Beitrag zur Nachwuchskräftesicherung der Wirtschaft und zur demografischen Stabilisierung leisten", erklärt Kade.

Aktuell wäre man an den Berufsschulen aber froh, wenn sie überhaupt wieder Präsenzunterricht anbieten könnten. Als Maßnahme im Lockdown wurden sie komplett geschlossen. Jetzt verkündete der Freistaat aber immerhin, dass nach den Winterferien ab 8. Februar wenigstens schon mal die Abschlussklassen an den Berufsschulen, den Berufsfachschulen und den Fachschulen wieder zum Unterricht in die Schule dürfen.

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