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Dohnas verschwundene Dörfer

Inmitten der Obstbaumplantagen zwischen Dohna und Heidenau finden sich Hinweise auf eine Siedlung. Sie gibt es schon lange nicht mehr. Aber ihr Name lebt.

Kathrin Penndorf an der Stelle oberhalb von Heidenau, wo einst das Vorwerk Meuscha stand.
Kathrin Penndorf an der Stelle oberhalb von Heidenau, wo einst das Vorwerk Meuscha stand. © Matthias Schildbach

Von Matthias Schildbach

In und um Dohna gibt es in jeder Ecke etwas Historisches zu entdecken, sagt Kathrin Penndorf. Sie ist seit vorigem Jahr Leiterin des Dohnaer Heimatmuseums. Die studierte Vor- und Frühgeschichtlerin kam als Mittelalterfan nach Dohna und wurde vor vier Jahren Mitglied in der Sektion Mittelalter des Kulturvereins. Die historischen Plätze kann man nicht mit ein paar Wochenendspaziergängen abgrasen, sagt sie. Den Gang zur Wüstung Meuscha hat sie sich schon lange vorgenommen. Inmitten der Obstplantagen, nur wenige Meter oberhalb des Heidenauer Real-Marktes, lag einmal ein Dorf. Es wurde von seinen Bewohner aufgegeben und fiel „wüst“.

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Auch die Erlichtmühle gehörte dazu

Ein hervorragender Siedlungsplatz, sagt Kathrin Penndorf fest. Sie ist überrascht von der Lage, vom Ausblick ins Elbtal und zu den Tafelbergen der Sächsischen Schweiz. Mit etwas Fantasie lässt es sich gut vorstellen, wie sich die wenigen Häuser auf der leicht zur Elbe geneigten Fläche verteilten. Groß kann das Dorf nicht gewesen sein, aber dass es in Ost-West-Ausdehnung angelegt war, lässt sich am Bodenprofil erkennen.

Die früheste Erwähnung stammt aus sehr alter Zeit: 1283 wird Meuscha in einem Bericht über das Kloster zu Sankt Petri in Merseburg als kirchliches Lehen genannt. Später gehörte es zu Dresden und ging 1546 als Lehnsgut in den Besitz der Dohnaer Kirche. In dieser Zeit bestand es aus einem Erbgericht, vier Bauerngütern, einigen Häusern und der späteren Erlichtmühle im Müglitzgrund.

Der Versuch einer zeichnerischen Rekonstruktion des Vorwerks Meuscha, um 1800.
Der Versuch einer zeichnerischen Rekonstruktion des Vorwerks Meuscha, um 1800. © Zeichnung: Mario Wiese

Den Dreißigjährigen Krieg überlebte der Ort nicht. Seuchen, Plünderung und Verelendung waren die Hauptursache, dass die Einwohner Meuschas starben und die Letzten den Ort verließen. Als nach Jahrzehnten der Friede zurückkehrte, waren die Häuser längst verfallen.

Dörfer wurden in unserer Region oft nach den Überfällen der aus Böhmen eindringenden Hussiten zu Beginn des 15. Jahrhunderts aufgegeben. Im 17. Jahrhundert waren es die Pestwellen und die Drangsale des Dreißigjährigen Krieges 1618 bis 1648, die die Ortschaften entvölkerten. Meuscha reiht sich ein in eine Handvoll Wüstungen im Gebiet der Stadt Dohna: Knickwitz, Blochwitz, Heinitz, Olberndorf. Fünf verschwundene Dörfer. Ein Zufall?

Kathrin Penndorf hat nur eine Vermutung: Vielleicht spielten die vorbeiführenden Verkehrsadern eine Rolle. Über Dohna verlief seit jeher der Kulmer Steig, eine wichtige Fernverbindungsroute über den bei Nollendorf /Naklerov seicht verlaufenden Erzgebirgspass. Armeen und Söldnerhaufen nutzten immer wieder diese Strecke, die Dörfer am Wegesrand litten unter Plünderung, Brandschatzung, Gewaltübergriffen und eingeschleppten Seuchen.

Tausend Jahre alte Spuren

Aus ihren Grabungserfahrungen im Studium weiß Penndorf, wie schnell Orte von der Bildoberfläche verschwinden können. In Russland sah sie Orte, die von Bewohnern aufgegeben worden waren. Es gab dort wo sie lebten einfach keine Arbeit mehr. Sie hatten ihre Habe gepackt und Teile ihrer Häuser demontiert, um sie mitzunehmen. Die zurückgelassenen Ruinen waren nach zehn Jahren verfallen. Nach fünfzig Jahren war von dem Ort überirdisch nichts mehr erkennbar. Aber unter der Erde bleiben die Siedlungsspuren tausend Jahre und mehr konserviert, wenn sie nicht gestört werden.

Nach der Verwüstung im Dreißigjährigen Krieg erfuhr die Wüstung Meuscha eine Wiederbelebung. 1656 kaufte der Rittergutsbesitzer von Gamig von der Kirche zu Dohna die Meuschaer Fluren für 400 Taler und ließ ein Vorwerk, ein zu Gut Gamig gehöriges Bauerngut, errichten.

Wittwen-Sitz und italienische Pappeln

1747 wird das Vorwerk als „Adelicher Wittwen-Sitz“ bezeichnet. Neun Jahre später, als die Armee des Preußenkönigs Friedrich des Großen Sachsen besetzte, lagerten die Armee auf den Meuschaern Höhen bis nach Großsedlitz hinüber. Auch 1813, als der Befreiungskrieg gegen Napoleon auf sächsischem Boden ausgetragen wurde, fand sich das Vorwerk Meuscha immer wieder inmitten französischer, preußischer, russischer und österreichischer Heerlager wieder. Es wurde immer wieder ausgeplündert bis aufs letzte Korn, die letzte Kuh, das letzte Huhn. Doch es überstand auch diese schweren Jahre.

Mitte des 19. Jahrhunderts war das einzeln liegende Gut schon von weitem erkennbar. Eine Reihe italienischer Pappeln umrahmten das Gebäudeensemble. 1842 umfasste die Gutsblockflur Meuscha ganze 95 Hektar. Zuletzt wohnten im Vorwerk Meuscha der Pächter des Hofes und mehrere Arbeiterfamilien. Es bestand aus dem Wohnhaus, einer Scheune, dem alten Wohngebäude, den Schuppen und dem alten Hof im Garten.

Ein Brand besiegelte das endgültige Ende

Der Abend des 16. März 1868 besiegelte das endgültige Ende. Das Vorwerk brannte bis auf die Grundmauern nieder. Es wurde nie wieder aufgebaut. Warum die Gamiger Rittergutsbesitzer sich gegen den Wiederaufbau entschieden, ist nicht mehr nachvollziehbar. Die Mauern verfielen, die Steine wurden weggeschafft. Meuscha verschwand von der Erde.

Die Grundmauern und Keller ruhen sicher noch im Boden. Davon ist Kathrin Penndorf fest überzeugt. Es gibt noch viel zu erforschen, alle Quellen zu studieren und auszuwerten, sagt sie. Doch dafür fehlt ihr schlichtweg die Zeit.

Die Anhöhe trägt heißt noch heute Meuschaer Höhe. Auch Flurnamen wie Raubbusch, Schindanger, Krautgarten, Viehtreibe, Mühlfeld und Weinberg-Feld deuten auf die Besiedlung hin.

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