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Pirnas Südumfahrung unerwünscht

© Archiv: Marko Förster

Zerstörte Natur, verwaiste Pirnaer Innenstadt, mehr Verkehr – für Kritiker ist die neue, jetzt wahrscheinlicher gewordene Trasse kein Segen. Im Gegenteil.

Von Thomas Möckel

Pirna. Anfang Dezember 2015 kam noch einmal Leben in die längst herbstlich entlaubten Bäume an der B 172 in Pirna. Nahe der Serpentinen zum Sonnenstein seilten sich Umweltschützer von Baumkronen ab, einige hingen kopfüber an Ästen, andere saßen entspannt in ihrem Klettergeschirr. Erst nach zwei Stunden war es mit der Aktion vorbei. Aber was sollte das? Die Aktivisten, ein spontaner Zusammenschluss von Naturfreunden aus dem Landkreis, hatten während ihrer Aktion ein Transparent in eine Buche gehängt, darauf stand der Spruch: „Wald ohne Asphalt – Klimawandel stoppen – Südumfahrung? Nö!“. Eine klare Botschaft. Die Truppe um Sprecher Gernot Kranz mochte sich mit der geplanten neuen Ortsumgehung so gar nicht anfreunden. Die Widerständler einte erstens die Sorge ums Klima. Zweitens befürchteten die Protestler große Eingriffe in die Natur und zunehmenden Verkehr in Pirna. Einen Effekt, dass die Trasse Pirnas Zentrum vom Verkehr entlastet, konnte die Gruppe nicht erkennen. Mit dieser Ansicht ist sie nicht allein.

Auch wenn der Protest inzwischen weniger spektakulär daherkommt, sind die Kritiker längst nicht verstummt. Trotz des kollektiven Jubels über einen möglicherweise raschen Baustart für die Südumfahrung gibt es viele Menschen, die diese Straße keineswegs als Segen empfinden. Für die Gegner ist es in erster Linie ein Asphaltband, das die Landschaft zerschneidet, die Natur zerstört und potenzielle Ausflügler von Pirna weglotst.

Die Aktivisten um Gernot Kranz befürchteten vor allem, dass der Straßenbau massiv Naturstrukturen zerstöre, weil für die Trasse ein Tunnel durch den Kohlberg gegraben wird und die Strecke überdies das bei Pirnaern so beliebte Waldgebiet Viehleite streift. Seit der erteilten Baufreigabe für die Südumfahrung ist auch im Internet eine gewaltige Diskussion zu diesem Thema entflammt. Bebsch Schulz schreibt beispielsweise bei Facebook, leider ginge bald wieder ein Stück Natur flöten. Auch Silke Gäbisch kann der Straße nur wenig abgewinnen. „Das Chaos in Pirna ist dann vielleicht weg, aber wieder ist ein Stück Natur unwiederbringlich zerstört“, schreibt sie. Eine Menge Projekte sollen den Eingriff in die Natur kompensieren. Doch sie können die Kritiker offensichtlich nicht beruhigen.

Nach Auskunft des sächsischen Wirtschaftsministeriums müssen im Vorfeld des Straßenbaus etliche Umweltschutzauflagen erfüllt werden. Es wird beispielsweise ein Fledermaus-Leitsystem, neue Bäume, einen Teich, neue Streuobstwiesen und ein Ausweichgelände für Brutvögel geben. Überzeugen kann das viele nicht. Es sei doch jetzt schon klar, schreibt Henryk Schultz, dass mindestens 60 Hektar wertvolle Ackerflächen zubetoniert, anderweitig versiegelt oder mit fragwürdigen Ausgleichspflanzungen versehen würden. Dies alles ginge zulasten der Landwirte, der Natur und der Kulturlandschaft. Schultz ist Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Hinzu kommt, dass die Straßenkritiker der Südumfahrung keine entlastende Wirkung für den Verkehr zugestehen. Gernot Kranz mutmaßt, mit der Straße werde das Verkehrsaufkommen eher noch steigen. So ganz unrecht hat er damit nicht. Beim Blick auf die Verkehrsprognose für Pirna bis zum Jahr 2025 lässt sich zwar erkennen, dass sich das Verkehrsaufkommen von bald 30 000 Fahrzeugen pro Tag auf der innerstädtischen B 172 durch die Südumfahrung nahezu halbiert. Auf anderen Straßen in Pirna ist hingegen kaum ein Rückgang des Verkehrs zu sehen, im Gegenteil. Auf dem Autobahnzubringer und der neuen Ortsumgehung kommen gewaltige Verkehrsströme hinzu, auf der Südumfahrung sind dann über 20 000 Fahrzeuge pro Tag vorhergesagt, womit sich wohl die landläufige Vermutung bestätigt: Neue Straßen ziehen neuen Verkehr an.

Gegner der Südumfahrung sehen in der Trasse nur eine fragwürdige Entlastung – nämlich die der Pirnaer Innenstadt und der im Zentrum ansässigen Händler. Viele befürchten, dass dann noch mehr Ausflügler an Pirna vorbeirauschen und die Innenstadt links liegenlassen. Andere wiederum halten den Skeptikern entgegen, dass diejenigen, die sowieso ein anderes Fahrziel als Pirna haben, eh nicht in die Innenstadt kommen – egal, auf welcher Straße sie unterwegs sind. Und das Pirnaer Rathaus argumentiert, dass staugeplagte Besucher der Sächsischen Schweiz nach zermürbender Wartezeit auf der Bundesstraße ja jetzt schon kaum Lust hätten, in der Stadt einen Zwischenstopp einzulegen. Trotzdem: Mit entsprechenden Marketing-Projekten wolle man die neugierigen Besucher zukünftig noch entspannter in die Innenstadt leiten, heißt es aus dem Rathaus.

Andere halten überdies die gesamte Südumfahrung für überflüssig, vor allem angesichts der geschätzten Baukosten von 97 Millionen Euro. Es hätte völlig gereicht, wenn die sowieso schon vorhandene Strecke von Krietzschwitz über den Cottaer Kreisverkehr – freilich um Cotta herum – als Umgehung ausgebaut worden wäre. Und selbst Befürworter der Südumfahrung hadern mit einigen Details an der Trasse. So plädiert die Bürgerinitiative „Pro Sächsische Schweiz – Südumfahrung Pirna jetzt“ weiterhin dafür, die neue Trasse hinter dem Sonnenstein mittels Kreisverkehr an die alte B 172 anzubinden. Bislang ist dort eine Ampelkreuzung vorgesehen. Und die, so die Bürgerinitiative, würde den Verkehr ausgerechnet eher bremsen und zu zusätzlicher Umweltbelastung führen.