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PISA-Rückschlag für Deutschland

Der beruhigende Aufwärtstrend, den Deutschland nach dem „PISA-Schock“ von 2001 erlebt hat, scheint vorerst vorbei. Die aktuelle Auflage der Untersuchung bereitet Bildungsexperten besonders in einem Bereich neue Sorgen.

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© dpa

Berlin. Das deutsche Bildungssystem hat beim weltweiten Schulvergleichstest „PISA 2015“ einen Rückschlag erlitten. Die 15-jährigen Schüler erzielten in Naturwissenschaften und Mathematik schlechtere Ergebnisse als drei und sechs Jahre zuvor, blieben aber mit ihren Leistungen im oberen Drittel der internationalen Rangliste. Im Testbereich Lesekompetenz ging es bei der Punktzahl leicht aufwärts, wie am Dienstag die für PISA zuständige Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mitteilte.

OECD-Experte Heino von Meyer fasste den Befund für das deutsche Bildungssystem nach der sechsten PISA-Studie in Berlin so zusammen: „Deutschland hat das Jammertal des PISA-Schocks von 2001 verlassen“ - es befinde sich aber nun lediglich auf einem „Hochplateau des oberen Mittelfeldes“ ohne spürbare Reformdynamik. Der „PISA-Schock“ von 2001 mit miserablen Test-Ergebnissen hatte zahlreiche Bildungsreformen zur Folge.

Deutschland kam in Naturwissenschaften, dem PISA-Schwerpunktfach 2015, auf 509 Punkte (2012: 524), in Mathematik auf 506 (514), in Lesekompetenz/Textverständnis auf 509 (508). Hier schnitten die 15-Jährigen so gut ab wie nie zuvor. Insgesamt nahm gut eine halbe Million Mädchen und Jungen aus rund 70 Staaten und Großregionen an „PISA 2015“ teil, erstmals auch im Bereich Problemlösen im Team als Indikator für soziale Kompetenz.

„PISA 2015“ - was und wie getestet wurde

Nach 2006 wurde bei „PISA 2015“ zum zweiten Mal schwerpunktmäßig die Naturwissenschaftliche Kompetenz von 15-Jährigen auf den Prüfstand gestellt. Aus diesem Bereich stammte diesmal ein Großteil der Fragen, der „NaWi“-Katalog umfasste insgesamt gut 180 Aufgaben. Die für PISA zuständige Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veranschlagte alles in allem rund dreieinhalb Stunden für die als „wirklichkeitsnah“ beschriebenen Testfragen.

Jeweils ein kleinerer Teil der PISA-Aufgaben 2015 betraf die Bereiche Mathematik sowie auch Lese-/Textverständnis. Dies wird von der OECD definiert als Fähigkeit, „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“. Gut 10000 Schüler aus Deutschland wurden getestet und außerdem Zehntausende Eltern, Lehrer und Schulleiter im Rahmen von „PISA 2015“ befragt.

Der 2015er Test wurde Erstmals komplett computerbasiert bearbeitet. Dies galt auch für die in dieser sechsten PISA-Auflage enthaltenen übergreifenden Kompetenzen des Problemlösens im Team. Die Jugendlichen mussten am Computer Aufgaben bearbeiten, in denen sie nicht auf sich allein gestellt waren, sondern virtuell Mitschüler oder Partner haben. Diese für soziale Kompetenz aussagekräftigen Testergebnisse werden als PISA-Teilstudie erst 2017 veröffentlicht, weil das Datenmaterial äußerst umfangreich ist.

Für jeden der drei Bereiche wurden fünf Kompetenzstufen definiert - nur sehr gute oder herausragende Schüler schaffen die Stufen IV und V. Die PISA-Stichprobe gilt laut OECD als repräsentativ für 15-jährige Schüler, die eine Schule in Deutschland besuchen. Weltweit nahmen im April/Mai 2015 gut eine halbe Million Mädchen und Jungen aus etwa 70 Staaten und Regionen teil - stellvertretend für etwa 29 Millionen Schüler dieser Länder.

Eine regionale Aufschlüsselung nach Bundesländern gibt es nicht. Diese lieferte zuletzt Ende Oktober der „Bildungstrend“ des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB).

In Abgrenzung zur italienischen Stadt Pisa durchgehend groß geschrieben, stehen die vier Buchstaben PISA für „Programme for International Student Assessment“. Es wird alle drei Jahre im Auftrag der Regierungen oder in Deutschland für die Kultusministerkonferenz (KMK) der 16 Länder organisiert. (dpa)

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Trotz des ersten Leistungsknicks nach jahrelangem Aufwärtstrend beim „Programme for International Student Assessment“ (PISA) steht Deutschland alles in allem solide im Vorderfeld der Ränge 10 bis 20. Die Leistungen der im April/Mai 2015 getesteten gut 10 000 Mädchen und Jungen lagen auch weiterhin jeweils über dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Jeder Neunte (11 Prozent) brachte bei „PISA 2015“ Spitzenleistungen - drei Prozentpunkte über OECD-Niveau.

PISA-Testsieger mit klarem Abstand ist wieder Singapur: In den Naturwissenschaften liegt der südostasiatische Insel- und Stadtstaat mit 556 Punkten vor Japan (538) und Estland (534) als bestem europäischen Land. In Mathematik rangiert Singapur mit 564 Punkten vor den chinesischen Großregionen Hongkong (548) und Macao (544), in Lesekompetenz mit 535 Punkten vor Kanada und Hongkong (jeweils 527) sowie dem langjährigen europäischen PISA-Champion Finnland (526).

Insgesamt gingen nicht nur für Deutschlands 15-Jährige, sondern auch bei vielen anderen, im „PISA-2015“-Ranking teils besser platzierten Teilnehmerländern und -regionen die Punktzahlen herunter. Dies betraf beispielsweise die Schweiz (minus 17 Punkte bei Lesekompetenz), Österreich (minus 11 in Naturwissenschaften) oder die Niederlande (minus 11 in Mathematik). Frankreich erreichte sogar in keinem einzigen Teilbereich 500 Punkte. Und die USA stürzten etwa in Mathematik von vorher schon mäßigen 481 Punkten auf 470 ab.

Der OECD-Durchschnitt sank in Naturwissenschaften im Vergleich zu 2012 von 501 auf 493 PISA-Punkte, in Mathematik von 494 auf 490 und in Lesekompetenz von 496 auf 493.

Für Deutschland stellt der aktuelle PISA-Report der OECD fest, dass hierzulande der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildung weiterhin vorhanden ist. Allerdings habe sich die Kluft zwischen Schülern aus sozial gutgestellten, bildungsnahen Elternhäusern auf der einen Seite und ärmeren, bildungsferneren Haushalten auf der anderen Seite in den vergangenen zehn Jahren etwas verringert.

Weiterhin gibt es viele „Risikoschüler“ mit sehr schwachen PISA-Leistungen, so erreichten in Lesekompetenz 16 Prozent nicht einmal die zweite von fünf Leistungsstufen. In Deutschland sind weniger Mädchen sehr gut in Naturwissenschaften als in vergleichbaren Ländern - und selbst leistungsstarke Mädchen gehen zu selten davon aus, dass dieser Bereich für sie beruflich in Frage kommt.

Zu dem für Deutschland seit langem brisanten Thema der Schüler mit Migrationshintergrund schreibt die OECD in ihrer neuen Studie: Diese Mädchen und Jungen liegen zwar 72 PISA-Punkte (das ist der Lernerfolg von zwei Schuljahren) unter dem Niveau von Schülern, deren Eltern hier geboren wurden. Rechnet man aber den oft schwachen sozialen Status inklusive Bildungsferne der Elternhäuser als schulische Hypothek heraus, dann verringert sich der Kompetenzabstand von Migrantenkindern auf 28 Punkte. (dpa)