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Feuilleton

Plastik zu verbieten ist nicht die Lösung

Ein Verbot von Strohhalmen allein ist nicht die Lösung. Wir müssen Chemie zu einem nachhaltigen Wirtschaftszweig machen, sagt ein Umweltexperte. 

Eine Meeresschildkröte unter Plastikmüll im Indischen Ozean. © OKAPIA/Paulo de Oliveira

Von Friedrich Barth

Ständig neue Meldungen von riesigen Plastikstrudeln im Meer, von Mikroplastik-Rückständen in Nahrungsmitteln und sogar im menschlichen Körper haben die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Im vergangenen Jahr hat auch die Europäische Union reagiert und wird ab 2021 Plastikstrohhalme und Wegwerfbesteck verbieten. Dadurch sollen einige der etwa 26 Millionen Tonnen Plastikmüll, die in Europa jährlich anfallen, vermieden werden.

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Das ist ein guter und richtiger Ansatz, betrachtet man allerdings das weltweite Ausmaß der Plastik-Herstellung, ist es kaum ein Tropfen auf dem heißen Stein. Auf einem extrem heißen Stein: Zwischen 1950 und 2017 hat die Menschheit, nach Zahlen der Universität of California, etwa 9,1 Milliarden Tonnen Plastik hergestellt, 79 Prozent davon werden schon heute nicht mehr gebraucht und sind entweder in Mülldeponien oder einfach nur in der Umwelt und damit auch im Meer gelandet.

Man muss der EU an dieser Stelle zugutehalten, dass sie über das Verbot von Strohhalmen und Einweggeschirr hinaus auch eine längerfristige „Plastikstrategie“ erarbeitet hat, die vorsieht, dass ab 2030 alle Kunststoffverpackungen auf dem EU-Markt recyclingfähig sein sollen. Allerdings ist das Recycling von Plastik nur eine Möglichkeit, das Problem zu beheben. Wesentlich sinnvoller ist es, bestimmte Plastiksorten erst gar nicht in Umlauf zu bringen.

Selbst einfache Kunststoffe, die zum Verpacken von Lebensmitteln verwendet werden, enthalten oft mehrere unterschiedliche Bestandteile und können somit nur sehr aufwendig und mit einem hohen Energieaufwand wiederaufbereitet werden. Noch größer sind übrigens die Herausforderungen beim Recycling von Kunststoffmaterialien in Haushaltsgegenständen, technischen Geräten, Fahrzeugen oder auch Windrädern und Dämmmaterialien.

Wer wirklich Veränderungen herbeiführen möchte, muss grundlegender ansetzen: Das anzustrebende Ziel ist ein nachhaltiger Lebenszyklus von Produkten – von der Herstellung bis zur Entsorgung. An dieser Stelle kommt die Chemie ins Spiel. Auch wenn viele Menschen im Alltag damit wenig zu tun haben oder haben wollen: Bis zu 97 Prozent aller Produkte, die wir täglich nutzen, bestehen aus chemischen Bestandteilen oder synthetischen Materialen. Chemie spielt in unserem Wirtschaftssystem eine Schlüsselrolle, und die Herausforderung besteht darin, diesen Sektor in einen nachhaltigen Wirtschaftszweig mit umweltverträglichen Produkten und Kreislaufprozessen zu transformieren.

Nachhaltige Produkte und Herstellungsprozesse fallen jedoch nicht vom Himmel, dafür brauchen wir Forschung und Innovation. Der Gewinn neuer Erkenntnisse im Bereich der grünen und nachhaltigen Chemie ist die wichtigste Grundvoraussetzung. Dabei geht es auch darum, Schadstoffe zu vermeiden oder energiesparender zu produzieren, aber nicht nur. Auf der „Green and Sustainable Chemistry Conference“, einer wissenschaftlichen Tagung, die vom 5. bis zum 8. Mai 2019 in Dresden stattfindet, diskutieren Forscher zum Beispiel, wie sie Stoffe zielgerichtet so designen können, dass sie nach der Nutzung natürlich und ohne die Umwelt zu schaden abgebaut werden können. Damit kann grüne und nachhaltige Chemie ein wichtiger Pfeiler und Innovationstreiber für energieeffiziente und ressourcenschonende Produkte und umweltfreundliche Fertigungsprozesse werden.

Es reicht natürlich nicht, Ideen für neue nachhaltige Synthese- oder Produktionsprozesse auf Konferenzen zu diskutieren, sie müssen einen Weg in den Markt finden. Allerdings müssen Start-ups und Innovatoren im Bereich der Chemie oder Biotechnologie meist höhere Hürden überwinden als beispielsweise im IT-Bereich.

Für die Entwicklung von neuen Herstellungsverfahren oder Materialien brauchen die Entrepreneure Kapital, Zugang zu Laboren und vor allem Zeit. Während ein IT-Gründer schon mit einer Betaversion den Fördergeldgebern konkrete Ergebnisse präsentieren kann, stehen die Gründer von Chemie-Start-ups meist noch im Labor. Damit sie trotz vielversprechender Innovationen nicht auf der Strecke bleiben, brauchen sie eine ausreichende, angepasste und globale Förderung. Denn gute Ideen gibt es auch in Entwicklungs- und Schwellenländern, und dort ist der Förderbedarf oft besonders hoch.

Innovationen in der Chemie kommen natürlich auch von etablierten Chemie-Unternehmen, dort gibt es schon lange Ansätze, die Produktion auf Kreislaufprozesse umzustellen. Die Branche beobachtet zudem sehr genau, ob sich disruptive Innovationen abzeichnen. Kein Konzern möchte wie einst Nokia oder Kodak eine disruptive Entwicklung verschlafen. Außerdem wissen Unternehmen, dass sie ohne Rückhalte in breiten Gesellschaftsschichten immer weniger Handlungsspielräume haben. Diese Erfahrung haben im vergangenen Jahr der Energiekonzern RWE und nun auch die Bayer AG gemacht, deren Vorstand jüngst auf der Aktionärsversammlung nicht entlastet wurde.

Ein weiterer wichtiger Baustein für eine nachhaltige Chemie sind Regeln, die sich die internationale Gemeinschaft auferlegt. Dabei handelt es sich meist um zähe Prozesse, bei denen sich die Teilnehmer nur sehr mühsam auf verbindliche Ziele einigen können. Trotzdem brauchen wir die internationale Diskussion und das Ringen um gemeinsame Werte. Über ein neues internationales Chemikalien- und Abfall-Management soll beispielsweise im Oktober 2020 in Bonn auf der Internationalen Chemikalien-Management-Konferenz (ICCM5) entschieden werden – unter deutschem Vorsitz. Ein erfolgreiches Beispiel, dass die Weltgemeinschaft effektive Regeln aufstellen kann, ist übrigens das völkerrechtlich verbindliche Montreal-Protokoll. Bei der 1989 verabschiedeten Vereinbarung hat sich die Weltgemeinschaft auf ein Verbot von allen Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) verständigt und konnte die weitere Zerstörung der Ozonschicht erfolgreich stoppen.

Damit die Welt nicht in Plastik versinkt, müssen alle Akteure zusammenarbeiten: Verbraucher, Wissenschaftler, Start-ups, global agierende Konzerne sowie die nationale und internationale Politik. Einen erfreulichen Lichtblick gibt es schon jetzt: Indien hat angekündigt, ab 2021 sämtliches Einwegplastik zu verbieten. Bei einer Bevölkerung von über 1,3 Milliarden Menschen wird das einen Unterschied machen. Für Unternehmen und Start-ups ist es ein riesiger Anreiz, bessere Alternativen zu entwickeln.

Unser Autor:

Friedrich Barth ist Managing Director des International Sustainable Chemistry Collaborative Center in Bonn. Diese unabhängige, internationale Institution fördert und entwickelt weltweit nachhaltige Lösungen für die Chemie. Barth studierte Physik, Geo-Ökologie und Hydrologie, ist Oliven-Bauer aus Leidenschaft und Mitglied im Club of Rome.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

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