merken

Plötzlich Asylheim

Eine Meißner Mehrzweckhalle wird über Nacht zur Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Die ersten sind schon da.

© hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Eine halbe Stunde. Länger dauert es nicht, bevor sich die Mehrzweckhalle der Fachhochschule der Sächsischen Verwaltung aus einem großen leeren Raum zumindest ansatzweise zu einem Zuhause auf Zeit wandelt. Zwölf Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes arbeiten im Akkord, tragen unzählige Klappstühle, Feldbetten und Kartons mit der Aufschrift „Decke, Woll, 5 Stk.“ aus den Lastern vor dem Eingang die Steintreppe hoch in den ersten Stock. Bevor überhaupt alles ins Gebäude geschafft ist, steht schon die erste Reihe aus Feldbetten Seit‘ an Seit‘ entlang der hinteren Hallenwand. Es ist kurz nach zwölf am Freitagnachmittag. Die meisten Arbeiter im Kreis machen wohl gerade Mittag oder freuen sich auf das Wochenende. Für die DRK-Leute wird es kein „Freitag ab eins“ geben.

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

Vor dem Gebäude der Fachhochschule deuten Dixi-Klos und Fahrzeuge des DRK auf die neuen Bewohner hin.
Vor dem Gebäude der Fachhochschule deuten Dixi-Klos und Fahrzeuge des DRK auf die neuen Bewohner hin. © hübschmann

Wie viel Arbeit auf den Kreisverband Dresden-Land zukommen würde, erfuhren seine Mitglieder erst einen Tag zuvor. „Seitdem arbeiten wir rund um die Uhr“, sagt Geschäftsführer Frank Sipply, der selten nicht das Handy am Ohr hat oder gerade darauf eintippt. Große Pausen können er und seine Leute sich nicht leisten. Gegen 17 Uhr werden Busse mit bis zu 200 Menschen in der Herbert-Böhme-Straße halten. Dann muss das meiste geschafft sein.

Auch Rektor Frank Nolden erfuhr erst einen Tag zuvor, dass die Fachhochschule praktisch über Nacht zur Asylunterkunft werden würde. Morgens erhielt er die Einladung ins Innenministerium nach Dresden – ohne zu wissen, worum es eigentlich ging – und gegen 14 Uhr fiel nach einer längeren Gesprächsrunde beim Staatssekretär die Entscheidung für die Fachhochschule. „Das ist auch aus einer Not geboren“, sagt Ordnungsamtsleiter Markus Renner, der in der Halle vor Ort ist. „Die Kapazität in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Chemnitz und Schneeberg hat wohl nicht mehr ausgereicht. So hat der Freistaat seine eigenen Objekte durchgeschaut und sich dann für die Hochschule entschieden.“ Der Staatssekretär habe ihm deutlich gemacht, dass der Freistaat in einer Notsituation ist, sagt Rektor Nolden. Für ihn stand daher außer Frage, dass Flüchtlinge in der Halle untergebracht werden müssen.

Froh ist Nolden aber auch, wenn die Asylbewerber bis Mittwoch, wie bisher angekündigt, wieder verschwunden sind. „Das Problem ist, dass wir hier eigentlich auch Veranstaltungen haben, zum Beispiel Kongresse. Dienstag soll gerne wieder Schluss sein.“

Genau so spät wie DRK, Rektor und Stadt wurden auch die Anwohner der Fachhochschule informiert: Erst am Morgen fanden sie Zettel in ihren Briefkästen, welche die Ankunft der Flüchtlinge erklären. Daniela Kuge (CDU), die zum Mittagessen in die Mensa kam, kann dies nicht verstehen. „Es gehört sich, dass man sagt, es kommen hier Menschen, bereiten Sie sich darauf vor“, sagt die Politikerin. “Ich bin ja doppelt betroffen. Wir wohnen ja auch hier im Viertel.“

Wer kommt eigentlich und wie viele?

Kritik an der Informationspolitik hält Rektor Nolden dagegen für unangebracht. „Die in der Staatsregierung haben ja selbst erst vorgestern erfahren, dass hunderte oder tausend Leute ankommen und die ganzen Erstaufnahmeeinrichtungen alle voll sind.“

Worin sich Nolden und Kuge dagegen einig sind: Die Flüchtlinge sollen nicht länger hier bleiben als unbedingt nötig. „Es heißt, es kommen Kosovo-Albaner“, sagt Kuge. „Das ist ein sicheres Land, das sind also Wirtschaftsflüchtlinge. Ich bin dafür, dass schnell entschieden wird, was mit denen passiert.“ Bei Kindern sehe die Sache für sie noch mal anders aus als bei jungen Männern.

Wer tatsächlich nach Meißen kommt, das können alle Beteiligten am Freitagmittag noch nicht einschätzen. Erst sei von 200 Flüchtlingen die Rede gewesen, dann wieder nur von 100, erklärt der stellvertretende Hochschulrektor Fritz Lang. Die letzte Information der Stadt Meißen Nolden erzählt, in Dresden sei am Vortag noch von Männern gesprochen worden, nun heiße es, vor allem Familien müssten aufgenommen werden.

Weiterführende Artikel

Flüchtlinge sollen Sporthalle verlassen

Flüchtlinge sollen Sporthalle verlassen

Die kurzfristig zur Asylunterkunft umfunktionierte Mehrzweckhalle der Fachhochschule der sächsischen Verwaltung soll wie angekündigt bereits am Dienstag wieder geräumt werden.

Meißner spenden für die neuen Flüchtlinge

Meißner spenden für die neuen Flüchtlinge

Es gibt aber Kritik an den engen Räumlichkeiten und der schlechten Informationspolitik.

Das DRK, das auch die Betreuung der Flüchtlinge während ihres Aufenthalts übernimmt, bereitet sich auf alle Möglichkeiten vor. Mit seinen Kollegen bespricht Geschäftsführer Frank Sipply, ob die Kinder draußen auf der Wiese Fußball spielen können, ob es überhaupt Babynahrung gibt und wo am besten Windeln zu besorgen sind. Schnell Menschen unterzubringen und zu betreuen, das seien die Kameraden bereits von den Elbehochwassern gewöhnt, so Sipply.