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Plötzlich Bruder und Schwester

Otto Wiesenthal trifft in Riesa nach 70 Jahren zum ersten Mal seine Schwester. Die wusste bis dahin nicht, dass sie einen Bruder hat.

© Sebastian Schultz

Von Britta Veltzke

Riesa bleibt für Otto Wiesenthal wohl immer ein Ort des schmerzhaften Abschieds. Was nicht bedeutet, dass er nur schlechte Erinnerungen an die Kleinstadt an der Elbe hätte. Ganz im Gegenteil. Riesa ist die einzige Stadt, in der er jemals die Nähe einer eigenen Familie gespürt hat. 70 Jahre danach versucht Wiesenthal, dieses Gefühl wiederzufinden. Bei Edith Weber, einer Frau, die er noch nie gesehen hat. Zumindest nicht bewusst. Ihre Nachbarn tuscheln schon. Ein neuer Liebhaber?

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Otto Wiesenthal als etwa dreijähriger Junge in Riesa.
Otto Wiesenthal als etwa dreijähriger Junge in Riesa. © privat
Die Großeltern nehmen Otto Wiesenthal mitten im Zweiten Weltkrieg bei sich in Riesa auf. Nachdem der Junge wieder in Polen ist, sucht der Großvater seinen Enkelsohn vergeblich über das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR.
Die Großeltern nehmen Otto Wiesenthal mitten im Zweiten Weltkrieg bei sich in Riesa auf. Nachdem der Junge wieder in Polen ist, sucht der Großvater seinen Enkelsohn vergeblich über das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR. © privat
Otto Wiesenthal und seine Mutter um das Jahr 1960 in Posen/Polen.
Otto Wiesenthal und seine Mutter um das Jahr 1960 in Posen/Polen. © privat

Der käme ihr nicht ins Haus, sagt die 80-Jährige und hält kurz inne, um ihre Entschlossenheit zu betonen. Die Riesaerin wohnt in einem sanierten Mehrfamilienhaus. Inzwischen ist auch ihr zweiter Ehemann gestorben. Seither lebt sie allein mit ihrer 19 Jahre alten Katze, die ihre ganze Aufmerksamkeit braucht. Auf der Anrichte im Wohnzimmer stehen Familienfotos: Kinder, Enkel, ein altes Hochzeitsbild. Vor ihrer Heirat trug sie ebenfalls den Nachnamen Wiesenthal – wie der ältere Herr, der jetzt auf der Eckcouch sitzt und ein Foto ihres Vaters betrachtet.

Im vergangenen Dezember hat Edith Weber einen Brief vom Standesamt bekommen. Darin hieß es, ein Halbbruder wünsche Kontakt zu ihr. Ein Halbbruder? Was für ein Halbbruder? Ob sie Kontakt zu dem Mann namens Otto Wiesenthal aufnehmen wolle, fragte die Rathausmitarbeiterin. „Nach dem Brief konnte ich drei Nächte lang nicht schlafen“, erinnert sie sich. Ruhige Weihnachtstage? Passé! Und irgendwann dämmerte ihr da etwas ...

Noch immer ist Edith Weber aufgeregt. Ganz besonders jetzt, in diesem Moment. Denn nun sitzt er auf ihrem Sofa: Otto Wiesenthal. Rundes Gesicht, graue Haare mit rötlichem Schimmer, polnischer Akzent – das also ist der Bruder. Bei ihrer ersten Begegnung war der Zweite Weltkrieg gerade ein paar Jahre vorbei. Das Mädchen ahnte damals nicht, dass sie den gleichen Vater hat wie der kleine Junge neben ihr.

Der Geruch von verkohltem Essen holt Edith Weber zurück in die Gegenwart. „Ach, jetzt habe ich die Knödel vergessen.“ Husch, ist sie in der Küche. Zum Wiedersehen sollte es doch Gulasch geben – zumindest die Beilage ist nun hin. „So was ist mir ja noch nie passiert.“

Otto Wiesenthal hieß nicht immer Otto Wiesenthal. Zwischendurch trug er den Namen seiner Mutter, einer Polin. Und darüber war er auch ganz froh. Geboren wurde Otto mitten im Zweiten Weltkrieg, 1941 in Posen, das heute in Westpolen liegt. Der Vater war ein Wehrmachtssoldat aus Riesa. Im Krieg hatte er sich offenbar auf eine Liaison eingelassen. Zu Hause in Deutschland warteten Ehefrau und die Tochter Edith, vergeblich. Wie Otto musste sie als Halbwaise aufwachsen. Der Vater fiel in Borowzy/Russland. „Danach, mit zwei Jahren, hat mich meine Mutter von Polen aus nach Riesa zu den Großeltern gegeben“, erzählt Herr Wiesenthal. Warum? Er zuckt mit den Achseln. „Ich weiß es nicht.“

In Polen war es wie in allen damals besetzten Ländern verpönt, wenn einheimische Frauen sich mit Deutschen einließen, dem Feind. „Die Verbrechen an den polnischen Juden, aber auch an der nicht jüdischen Zivilbevölkerung waren ja enorm“, sagt die Historikerin Maren Röger von der Universität Augsburg. „Und zur direkten Gewalt kamen die wirtschaftliche Ausbeutung und die symbolische Erniedrigung noch hinzu.“ Auf Flugblättern warnten Widerstandsgruppen polnische Frauen vor Beziehungen mit Deutschen. „Während des Krieges kam es zu Droh- und Strafaktionen gegen die Frauen“, sagt Maren Röger. „In manchem Ort wurden Namenslisten ausgehängt – hier ging es um öffentliche Stigmatisierung.“

Frauen wie Otto Wiesenthals Mutter versuchten in der Regel, ihre Beziehungen zu Deutschen zu verheimlichen. Funktioniert hat das nicht immer. Nicht nur die Ächtung veranlasste Mütter von Besatzungskindern, den Nachwuchs während des Krieges abzugeben. Auch die Ernährungssituation war schwierig, jeder weitere Esser eine Belastung. In manchen Fällen wandten sich die jungen Frauen auf der Suche nach Hilfe auch an die deutschen Behörden. „Dann wurde eine Maschinerie in Gang gesetzt, die am Ende dazu führen konnte, dass die Kinder den Müttern weggenommen wurden. Die deutschen Rassenplaner untersuchten das Kind nach ihren pseudowissenschaftlichen rassischen Kriterien“, erklärt Maren Röger. Hunderte vornehmlich blonde Kinder gelangten so aus den besetzen Gebieten nach Deutschland.

Als der zweijährige Otto nach Riesa kam, wohnten die Großeltern am Poppitzer Platz, wo sich heute ein großer Teil des kulturellen Lebens der Kleinstadt abspielt: Die Bibliothek ist in dem 1892 als Kaserne erbauten Haus ebenso untergebracht wie das Stadtmuseum. 1944 richtete die Luftschutzpolizei dort vorübergehend auch die Sanitätsbereitschaft ein. An das Kriegsende erinnert sich Otto Wiesenthal noch genau, an die Trümmer überall und die russischen Soldaten, die Bonbons an die Kinder verteilten. „Meine Oma hat immer gesagt, dass wir die Süßigkeiten nicht nehmen sollen. Sie seien vergiftet.“ Wiesenthals Kindheitserinnerungen unterscheiden sich nicht von denen der anderen Jungs aus Riesa, an Sommertage im Schrebergarten, im Freibad im Park. Doch anders als für die meisten Klassenkameraden ging sein Leben nicht einfach so weiter. Jedenfalls nicht in seinem Riesaer Zuhause.

Mit acht Jahren änderte sich noch einmal alles. Die Stadtverwaltung erhielt 1951 ein Schreiben aus dem polnischen Übergangslager in Berlin-Lichtenberg. Darin heißt es: „Wir bitten Sie, sofort mit den Pflegeeltern Wiesenthal Verbindung aufzunehmen und eindringlichst darauf zu bestehen, dass das Kind schnellstens dem polnischen Durchgangslager zugeführt wird.“ Ottos Großeltern sollten ihn abgeben. „Ich musste zurück nach Polen.“ Den Grund dafür hat er damals nicht verstanden und versteht ihn bis heute nicht. Am Abreisetag versteckte sich der Junge am Riesaer Bahnhof hinter Säulen. Doch das half ihm nicht. Im Waggon fuhr er mit einer jungen Frau nach Berlin. Sie brachte ihn in das Lager, wo auch andere Kinder warteten. Von dort aus ging es Wochen später nach Osten an die Grenze. Zurück in ein fremdes Land voller Menschen, die sich in einer fremden Sprache unterhielten. „Ich weiß noch, dass wir alle ein Schild um den Hals gehängt bekamen. An der Grenze wurden dann alle Kinder abgeholt, nur ...“ Otto Wiesenthal kann den Satz nicht beenden. Er steht vom Sofa auf, kneift die Augen zusammen, muss schlucken. Dann geht es wieder. „Ich und zwei weitere Kinder wurden als einzige nicht abgeholt.“ Auch die Frau, von der man ihm gesagt hatte, dass sie seine Mutter sein soll, ließ sich nicht blicken. Und niemanden konnte er verstehen. Man brachte Otto in ein Kinderheim.

Damals forderte die junge Volksrepublik alle polnischstämmigen Kinder zurück, die während des Krieges nach Deutschland gebracht worden waren. Selbst wenn dort niemand auf sie wartete. „Polen ist eines der Länder, das am schwersten getroffen wurde vom Zweiten Weltkrieg“, sagt die Historikerin Maren Röger. „ Man brauchte jeden, um das geschundene Land wieder aufzubauen. Auch jedes Kind.“ Zudem wollte die Regierung den Kindern und ihren Familien Gerechtigkeit widerfahren lassen, auch wenn das nicht immer funktionierte. Manche waren von ihrer Familie schon völlig entfremdet, ihre Erinnerungen längst verblasst.

Im Heim hatte es der rotblonde Junge mit dem deutschen Nachnamen schwer. Die Kinder, deren deutsche Herkunft nicht geheim blieb, haben den Hass der Straße zu spüren bekommen. „Ich sah anders aus, ich sprach ihre Sprache nicht. Essen im Heim war ein Kampf“, erzählt Otto Wiesenthal. Freunde? Hatte er kaum. „Aber in den Heimen – ich war in verschiedenen – gab es immer Hunde, die ich mochte. Und sie mochten mich.“ Später konnte er zumindest seinen deutschen Namen ablegen. „Darüber war ich sehr froh.“ Fortan hieß Otto Wiesenthal wie seine Mutter: Kaczmarek. Lange ahnte er nicht, dass er sie noch einmal wiedersehen würde. „Aber plötzlich, nach vielen Jahren, tauchte sie im Heim auf, kurz vor meinem Abitur.“ Die Fremde war Leiterin einer Kinderkrippe und nahm ihn zu sich. „Ich bekam einen Abstellraum.“ In seinem neuen Zuhause lernte Otto auch seinen Halbbruder Karl-Heinz kennen. Er hieß ebenfalls Wiesenthal – obwohl der Namensgeber, jener Riesaer Soldat, zur Zeugung von Karl-Heinz längst tot gewesen war. Warum die Mutter auch ihren Zweitgeborenen so genannt hat? „Sie hat sich immer wieder in Lügen verstrickt.“ Der Kontakt zu seiner Mutter brach daher in den 60er-Jahren ab. Sie blieb ihm fremd. Für ihn war das verschmerzbar, schließlich war er nun erwachsen – machte Abitur, studierte Sport in Posen.

In Riesa verlebte Ottos Halbschwester Edith eine ganz andere Kindheit. „Ich wurde überbehütet. Meine Mutter hatte immer Angst davor, mich abgeben zu müssen.“ Daher erzählte sie ihrer Tochter auch nichts von der Familie des toten Vaters. Nur einmal durfte sie zu Besuch an den Poppitzer Platz – ohne zu wissen, dass sie mit den Wiesenthals, die dort wohnten, verwandt ist. Dazu kam es, nachdem Edith ihren Stiefvater im Krankenhaus besucht hatte. „In der Klinik kam plötzlich ein Mann auf mich zu, ich kannte ihn nicht, aber er drückte mich herzlich.“ Es war ihr Großvater. Ob er den verstorbenen Sohn im Gesicht seiner Enkelin erkannt hat? Jedenfalls flatterte kurz darauf eine Einladung ins Haus: Die Großeltern wollten ihre Enkelin kennenlernen. „Meine Mutter wollte das partout nicht“, erzählt Edith Weber. „Erst nach langem Hin und Her durfte ich gehen. Allerdings nur mit meinem Cousin.“ Und da ist noch eine Erinnerung: dieser kleine Junge, der bei den Großeltern wohnte. „Das war wohl Otto“, sagt Frau Weber, und blickt dabei zu ihrem Bruder, der immer noch auf ihrem Sofa sitzt. Der erinnert sich nicht. Fünf Jahre alt muss er zu diesem Zeitpunkt gewesen sein.

Bruder und Schwester sind sich im Grunde völlig fremd, trotzdem entdecken sie Gemeinsamkeiten: der rötliche Teint, die Liebe zu Tieren. Dass sie sich so rege austauschen können, ist dabei keine Selbstverständlichkeit. Schließlich verlernte der kleine Otto in Polen die deutsche Sprache völlig. Nur einzelne Wörter blieben ihm im Gedächtnis: Hund, Haus, so einfache Dinge. Das wäre sicher auch so geblieben – wäre er nicht wieder zurückgekommen. Mit Ende 30 durfte Otto Wiesenthal, der damals immer noch Kaczmarek hieß und inzwischen geheiratet hatte, mit seiner Frau als Spätaussiedler aus Polen ausreisen.

Das Ehepaar ging nach Süddeutschland. Schließlich ließ er auch seinen Namen ändern, wieder mal. Aus Otto Kaczmarek wurde so wieder Otto Wiesenthal. Er arbeitete als Krankengymnast in Baden-Württemberg. „Die Arbeit mit den Patienten war der beste Sprachunterricht.“ Als Herr Wiesenthal in den Ruhestand ging, überredete ihn seine Frau, an die östliche Grenze Deutschlands nach Frankfurt an der Oder zu ziehen – eine Autostunde entfernt von der Familie seiner Frau in Polen. Ein praktischer Kompromiss zwischen den beiden Heimatländern. Eigene Kinder haben sie nie bekommen.

Erst als Rentner begann Otto Wiesenthal, sich für seine Herkunft zu interessieren. Über das Standesamt erfuhr der 75-Jährige von seiner Halbschwester in Riesa. Edith Weber freut sich über den unverhofften Familienzuwachs. „Es ist eine Bereicherung.“ Gerne würde sie auch der Einladung ihres Bruders nach Frankfurt folgen. Wäre da nicht die altersschwache Katze. Wie es aussieht, wird der ältere Herr sie nun wohl öfter in Riesa besuchen.