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Plünderer mit langem Atem

Im schwersten Treuhand-Betrugsfall verschwanden 100 Millionen Euro.Der Drahtzieher war 14 Jahre auf der Flucht. Nun sprachen die Richter Michael Rottmannfrei. Seine Taten sind verjährt.

Ende Oktober hätte Michael Rottmann sicher nicht für möglich gehalten, dass er Weihnachten in Freiheit erleben würde. Vor sechs Wochen bewohnte der 67-Jährige noch eine Einzelzelle in der Berliner Justizvollzugsanstalt Moabit – vom Berliner Landgericht verurteilt zu drei Jahren und neun Monaten Haft wegen schwerer Untreue in drei Fällen.

Am 28. Oktober fiel in Leipzig eine folgenschwere Entscheidung. Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofes hob das Berliner Urteil gegen Rottmann auf und ordnete dessen sofortige Entlassung an. Die Straftaten, so die Begründung der Richter, waren am 10. Dezember 2009, dem Tag seiner Verurteilung, bereits verjährt. Ein Sozialarbeiter soll Rottmann Stunden später die Nachricht überbracht haben. Der Gefangene habe sofort seine Sachen gepackt, sein Jackett angezogen, einen Schlips umgebunden, die Formalitäten erledigt und das Gefängnis verlassen. So beschreibt „Der Spiegel“ den Abgang des Mannes, der ein ganz besonderes Kapitel Kriminalgeschichte geschrieben hat. Niemand habe auf ihn gewartet. Im Taxi sei der Mann mit unbekanntem Ziel verschwunden, der vor 20 Jahren den wohl größten Treuhandskandal bei der Privatisierung der DDR-Volkswirtschaft eingefädelt hat – beim Kauf der Firma Wärmeanlagenbau Berlin (WBB).

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Im Herbst 1990 tauchte Michael Rottmann, damals 47, erstmals in der Berliner Wallstraße auf. Dort hatte die WBB ihren Sitz. Am Pförtner sei er einfach vorbeigelaufen und in die Chefetage gefahren, so erzählte man es sich damals. Für die Deutsche Babcock AG, ein Unternehmen der Energie- und Umwelttechnik, sollte Rottmann sondieren, ob sich die Übernahme des DDR-Monopolisten lohnte. WBB baute Heizleitungen im ganzen Land, produzierte in Polen und der UdSSR. Nach dem Fall der Mauer sollte die WBB der Babcock das Tor nach Osteuropa öffnen.

Kleiner Ingenieur steigt groß ein

Michael Rottmann war zu jener Zeit Angestellter der Babcock – zuständig für kleinere Kraftwerksprojekte. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebte er in Essen. Als gelernter Kaufmann fühlte er sich offenbar dazu berufen, beim wirtschaftlichen Umbruch im beigetretenen Osten der Republik kräftig mitzumischen. So kam es, dass seine Chefs bei der Babcock nicht die Wahrheit über den WBB erfuhren. Dessen Anlagen und Ausrüstungen waren zwar nicht Weltspitze, aber er verfügte über gut gefüllte Konten, wertvolle Immobilien, dreistellige Millionenforderungen aus Altaufträgen und zahlreiche neue Aufträge. Doch Emissär Rottmann zeichnete die Firmensituation in düsteren Farben, sodass die Babcock vom Kauf absah.

Allein konnte Michael Rottmann das große Rad nicht drehen. Deshalb vertraute er einem kleinen Kreis sein Wissen über den vermögenden Großbetrieb an. Wichtigste Figur in der diskreten Runde: der Präsident der kleinen Aktiengesellschaft Chematec aus der Schweiz. Sie sollte den DDR-Großbetrieb kaufen. Bei dem Treffen im Herbst 1990, so glauben Ermittler, sei die Marschroute festgelegt worden für eine der großen Gaunereien bei der Liquidierung der DDR-Wirtschaft.

Damit der Coup gelingen konnte, peppte man die Schweizer Chematec auf. Aus knapp 40 Mitarbeitern wurden 400, auch das Aktienkapital wurde vervielfacht – auf dem Papier. In der Berliner Treuhand hinterfragte niemand die frisierte Firmenpräsentation. Dort war man froh über einen Käufer. Treuhandmitarbeiter sollen Gewerkschaft und Arbeitnehmervertretung mit dem Versprechen geködert haben: 750 von einst 2 000 Arbeitsplätzen würde die Chematec garantieren. Sie übernahm denn auch im Februar 1991 die WBB – für gerade mal zwei Millionen D-Mark. Im Kaufvertrag stand lediglich, dass die Käuferin das Unternehmen „entsprechend der Auftragslage mit möglichst 750 Arbeitsplätzen“ fortführen wolle, so die „Berliner Zeitung“.

Durchhalten und ausbluten

Michael Rottmann saß in der WBB-Zentrale bald darauf im Chefsessel, gab den selbstbewussten, eloquenten und erfolgsorientierten Manager. Er sprach von einer neuen Zeit und lobte die hohe Qualifizierung des Personals. Einer, der weiß, was er will, dachten viele Mitarbeiter anfangs.Im Dachgeschoss der Verwaltung in der Wallstraße ließ Rottmann eine 500 Quadratmeter Wohn- und Bürosuite vom Feinsten einrichten, angeblich für zwei Millionen Euro aus der Firmenkasse. Statt seiner Ehefrau tauchte bald Yasmin an Rottmanns Seite auf, eine 21-jährige Studentin aus Dresden mit breitem Lächeln, die im WBB gerade ein Praktikum absolvierte.

Doch bald lernten Mitarbeiter Rottmann auch anders kennen – als Choleriker, der überforderte Kollegen demütigte und der den Ostabteilungsleitern Benimmkurse verordnete. Im Betrieb hieß es, die Auftragslage sei schlecht. Aber vor der Kamera verkündete Rottmann noch im Januar 1993: „Wir werden Kraftwerke bauen, wie andere Brötchen backen.“ Als er das sagte, war der Ausverkauf der WBB, die jetzt Physical Chemical Engineering (PCE) heißt, schon voll im Gange.

Vom ersten Tag an „begann zielstrebig die Ausplünderung“, sagte Berlins Generalstaatsanwalt Christoph Schaefgen später. Im Stillen gründete Rottmann in der Schweiz, Holland und Liechtenstein ein kaum durchschaubares Netz aus 17 Firmen. An der Spitze liefen alle Fäden in einer Firma namens Physical Chemical Engineering (PCE) AG in Vaduz zusammen. Diese Briefkastenfirma kaufte im Sommer 1991 die WBB von den Schweizern. Der Schachzug dürfte Teil einer bekannten Strategie gewesen sein: täuschen, tricksen und tarnen. In dem Firmengestrüpp rund um die PCE AG verschwand Million um Million. Bereits ein Jahr nach der Übernahme, so stellten die Ermittler später fest, waren umgerechnet mehr als 30 Millionen Euro aus der WBB abgeflossen.

Während das Unternehmen ausblutete, fiel Michael Rottmann bei Mitarbeitern vor allem wegen seiner Durchhalteparolen auf. Im September 1991 tauchte er im schwarzen S-Klasse-Mercedes im Zwickauer Betriebsteil auf und gab sich überzeugt, dass „alle gemeinsam“ an dem neuen Haus bauen würden. Doch es passierte nichts. Denn „schlankfahren“ lautete angeblich Rottmanns Anweisung. Zwei Jahre nach seiner Übernahme arbeiten gerade mal noch 250 Mitarbeiter bei WBB. Zu dieser Zeit hatte der Chef schon einen sicheren Zweitwohnsitz in Liechtenstein.

Ein freier Journalist, der Wind von der undurchsichtigen Transaktion bekommen hatte, ließ schließlich den Schwindel auffliegen. Erst wurden Steuerfahnder aktiv, später, nach einer Strafanzeige der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben, ermittelte die Zentrale Ermittlungsgruppe für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV).

Im Oktober 1995 kam es zur Großrazzia in 85 Orten Deutschlands und der Schweiz. Fast sechs Tonnen Beweismittel wurden damals beschlagnahmt. In Zwickau hatten die Fahnder angeblich Probleme, die vielen Akten abzutransportieren. Fünf leitende Treuhandmitarbeiter wurden festgenommen. Doch die Ermittler konnten nicht nachweisen, dass sie aktiv am betrügerischen Kauf und an der Ausplünderung der WBB beteiligt waren. Insgesamt gerieten mehr als 20 Ost- und Westmanager, Anwälte und Berater ins Visier der Staatsanwaltschaft. Zwei Ex-Geschäftsführer Rottmanns und ein Berater wurden später zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

In den beschlagnahmten Beweismitteln stießen die Beamten auf ein Sammelsurium von Scheingeschäften, manipulierten Bilanzen, hoch dotierten Gutachterverträgen ohne Gutachten – „das volle Programm einer systematischen Ausplünderung“, so ein Ermittler damals. Allein durch den Verkauf der WBB-Immobilien in Berlin, Leipzig und Zwickau sowie des Ferienheims in Morgenröthe-Rautenkranz soll Rottmann noch einmal umgerechnet 70 Millionen Euro ins Ausland geschafft haben. Unterm Strich standen nach Angaben der Ermittler ein Schaden von rund 100 Millionen Euro und mindestens 1 000 vernichtete Jobs. Der „größte Fall von Vereinigungskriminalität“, zitiert die „Berliner Zeitung“ Generalstaatsanwalt Schaefgen. Vom einstigen Vermögen der WBB ist die Hälfte bis heute verschwunden.

Heute ein armer Rentner?

Michael Rottmann und seiner jungen Frau gelang es rechtzeitig, mit dem gemeinsamen Kind unterzutauchen. Sie hielten sich wohl einige Monate in der Karibik auf. Erst im Dezember 1996 stellte die deutsche Justiz einen internationalen Haftbefehl aus. Da hatten sich die Rottmanns, inzwischen zu viert, in einem Haus in der Nähe von London eingemietet. Dort spürten Zielfahnder den Flüchtigen im Herbst 2000 auf. Angeblich hatten sie ein Telefonat Rottmanns abgefangen. Die englische Polizei nahm ihn fest, ließ ihn aber wenig später auf Kaution wieder frei. Neun Jahre lang wehrte sich der mutmaßliche Großbetrüger erfolgreich gegen seine Auslieferung.

Erst im Juli 2009 wurde er nach Deutschland überstellt. Drei Monate später begann der Prozess gegen ihn in Berlin. Michael Rottmann gab zu, der WBB mehr Geld und Kapital entnommen zu haben, als erlaubt gewesen sei, sprach aber davon, dass er überfordert gewesen sei und falsch beraten. Nach „gravierenden Fehleinschätzungen“ bezeichnete er sich nun als armen Rentner. Vom Geld der WBB sei nichts übrig. Wohl wegen dieses Geständnisses verurteilten ihn die Richter mit drei Jahren und neun Monaten Haft recht milde.

Dass der nun 67-Jährige bereits nach eineinhalb Jahren wieder frei ist, hat er einem Rechtsfehler der deutschen Behörden zu verdanken. Sie hatten im Zuge ihrer Auslieferungsbemühungen den Verjährungsstopp kurzzeitig aufgehoben – vermutlich nur wegen eines Formulierungsfehlers.