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Simone Mattukat leitet seit 1994 die Suchtberatung der Diakonie in Kamenz. Sie hat auch Uwe Wolf betreut. Die SZ befragte sie.

© es gelten meine agb.

Frau Mattukat, Sie haben Uwe Wolf 1997 im Fachkrankenhaus in Arnsdorf kennengelernt. Welchen Eindruck hatten Sie von ihm?

Ich erinnere mich an einen eher ruhigen, zurückhaltenden Patienten. Der Impuls, sein altes soziales Umfeld zu ändern, kam von ihm selbst. Sonst schaffe ich die Abstinenz niemals, sagte er. Damals hatten wir in unserem Wohnprojekt in Kamenz einen Platz frei. Er ist gleich darauf eingegangen.

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Waren das glückliche Umstände?

Auch. Allgemein ist es so, dass Alkoholkarrieren nicht nur im sozialen Umfeld ihre Wurzel haben. Ursachen finden sich in den persönlichen Lebensgeschichten, und Alkohol ist allgegenwärtig. Man muss nun wirklich nicht in der Brauerei oder als Kellner arbeiten, um immer wieder verführt zu werden. Die Schnapspullis stehen direkt an den Kassen. Und getrunken wird meist in geselliger Runde, die sich gern findet. Wer also weg vom Alkohol will, muss so oder so für Änderungen sorgen. Das wird aber nicht immer ein Umzug sein können.

Die Beratung der Diakonie zielt auf Veränderungen. Welche sind das?

Zunächst muss die Erkenntnis wachsen, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, die jeden treffen kann. Natürlich kann einer schneller abhängig werden als ein anderer. Das ist aber keine Charakterschwäche, sondern eine Frage der körperlichen und seelischen Konstitution. Wer einmal suchtkrank ist, kann aber nie wieder kontrolliert trinken. Dann gibt es nur die Abstinenz. Und wir arbeiten gemeinsam mit unseren Klienten daran, sie zu erreichen.

Ist Alkoholismus heutzutage überhaupt angemessen zu behandeln?

Doch. Es gibt ein gut ausgebautes, professionelles Behandlungssystem, für das die Renten- und Krankenversicherungen die Kosten tragen. Jeder kann die Behandlung in Anspruch nehmen. In der Regel muss er aber selbst aktiv werden. Wer die Kraft dafür nicht aufbringt, fällt schnell mal unter den Tisch. Einige Klienten kommen zu uns, weil sie Auflagen erfüllen müssen – zum Beispiel nach dem Führerscheinentzug. Das ist aber nicht die Masse. Eine Tendenz ist aber erkennbar: Unsere Zeit für die Beratung Alkoholkranker nimmt ab, weil moderne Drogen wie Crystal im Vormarsch sind. Das ist auch eine Geldfrage. Leider haben Suchtkranke keine Lobby.

Wie läuft die Behandlung von Alkoholkranken prinzipiell ab?

Wie bei vielen Suchterkrankungen geschieht dies in zwei Abschnitten. Bei den meisten ist eine Entgiftung nötig – sieben bis zehn Tage in einem Krankenhaus oder drei Wochen in Arnsdorf. Danach beginnt der schwierigere Teil, weil die psychischen, körperlichen und sozialen Nöte zu betrachten sind. Bei  Alkoholkranken werden 12 bis 16 Wochen Langzeittherapie angeboten. Die Entwöhnung ist so individuell wie der Grund, warum einer säuft. Das kann die Arbeitslosigkeit sein oder auch der Tod eines nahen Angehörigen. Wir in der Beratungsstelle werden so auch zu Bezugspersonen in sozialen Fragen.

Als Hilfe zur Selbsthilfe?

Genau darum geht es. Häufig fehlt unserem Klientel ein gesundes Maß an Selbstwertgefühl. Der Glaube an sich selbst braucht Erfolge, die erreichbar sind. Das ist kein gerader Weg. Vor der Droge Alkohol kann man nicht weglaufen, man muss sich mit ihr stets auseinandersetzen. Dabei nützen die Erfahrung jener, die es geschafft haben. Wie Uwe Wolf, der jetzt anderen hilft.

Gespräch: Frank Oehl