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Ende einer Ära: 100.000 Telefonzellen abgebaut 

Sie sind in Handyzeiten unnötig. Die Meißner Firma Photon hat eine Idee zur Nachnutzung – manch Privatmann sowieso.

Eine Luftbildaufnahme alter Telefonzellen der Deutschen Telekom, die in Michendorf bei Potsdam gelagert werden.
Eine Luftbildaufnahme alter Telefonzellen der Deutschen Telekom, die in Michendorf bei Potsdam gelagert werden. © dpa

Dresden. Sie waren Rückzugsort für Verliebte, Nachtlager, Toilette, Tummelplatz selbst ernannter Graffiti-Künstler, Vandalen und Münzdiebe, sie boten Schutz vor Kälte, Wind und Regen. Und manchmal konnte man in Telefonhäuschen sogar telefonieren – wenn der Hörer noch da war.

Nun sind die Tage der gläsernen Zellen in Grau-Magenta gezählt, werden sie zur bedrohten Spezies. Wie die SZ auf Anfrage von der Deutschen Telekom erfuhr, sank die Zahl ihrer Standorte seit Anfang der 90er-Jahre von 120.000 auf nur noch 17.000. Diese Summe enthalte bereits die vielerorts alternativ installierten und in Anschaffung und Unterhalt billigeren Basistelefone, von denen sich kostenfrei Notrufe absetzen und R-Gespräche führen lassen.

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Lebensmittelgeschäfte, Drogerien, Apotheken und Tierfachgeschäfte haben für Sie weiterhin geöffnet. Hier stehen Ihnen 5.000 Parkplätze zur Verfügung.

Die Bedeutung öffentlicher Fernsprecher habe mit den Hausanschlüssen und dem Siegeszug der Handys abgenommen, der Wunsch nach Grundversorgung bestehe nicht mehr, argumentiert die Telekom. Zu den wenigen Ausnahmen zählten Flughäfen und Bahnhöfe. Tatsächlich besitzen nach Angaben des Statistischem Bundesamts hierzulande 97 Prozent der Haushalte mindestens ein Handy oder Smartphone.

Allein im vergangenen Jahr wurden laut einem Telekom-Sprecher „mehrere Hundert“ Häuschen entfernt – wie sie bis 2005 tausendfach auch vom Meißener Metall- und Elektrotechnikunternehmen Photon produziert wurden. Konkrete Zahlen zu Sachsen will der Konzern nicht nennen.

600 Euro für eine Telefonzelle

Der Unterhalt einer Zelle kostet Geld: für Strom, Standortmiete, Wartung. Mit der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände sei vereinbart, dass die Telekom Kommunen ansprechen dürfe, wenn dort unwirtschaftliche Zellen stünden. Ein Abbau erfolge also nur abgestimmt, versichert der Sprecher. „Wenn ein Häuschen keine 50 Euro pro Monat einbringt, denken wir über Abbau nach.“

Befragt nach einem Konzept, sagt er: „Der Kunde ist der Architekt des Netzes. Er nutzt die Telefonhäuschen nicht, deshalb werden sie abgebaut. Alles andere wäre Unsinn.“ Die Breitband-Unterversorgung einer Region spiele bei der Entscheidung ob Erhalt oder Entfernen „gar keine“ Rolle.

Derweil lagern Tausende bundesweit ausrangierte Zellen in Michendorf bei Potsdam. Ihre Schöpfer haben laut Photon-Chef Michael Brandhorst eine Idee zur Nachnutzung: als Basisstation für 5G, das Mobilfunknetz der Zukunft, oder als Ladestation.

Wer will, kann ein Altteil kaufen: nach Typ und Zustand ab 600 Euro plus Transportkosten. Im neuen Leben wird es Minibücherei, Gartendusche, Kunstobjekt – bei Brandhorst privat Sauna und Pferdetränke – oder im Altenheim erneut Telefonzelle. Wermutstropfen für Nostalgiker: Die legendären gelben Zellen sind ausverkauft.

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