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100 Tage: Das weiß man über den Raub im Grünen Gewölbe

Der Tatort ist ein Besuchermagnet. Aber die Tat bleibt ein Rätsel. Nur wenige Details sickern durch. So wurde jetzt bekannt, dass es zwei Festnahmen gab.

© P.M. Hoffmann

Je frühlingshafter die Temperaturen, desto länger der Stopp vor dem Grünen Gewölbe. In Scharen bleiben noch immer Schaulustige vor dem Fenster stehen, durch das die Diebe im November in das Dresdner Residenzschloss eingedrungen sind. Menschen zeigen auf das ausgebesserte Gitter in der linken Ecke der langen Front vor der Schinkelwache. Die nachmittägliche Sonne wirft ein warmes Licht auf die Fassade. Handys werden gezückt, Fotos gemacht, Videos gefilmt. Ganze Besuchergruppen fachsimpeln, rätseln, und manchmal spotten sie. Das Grüne Gewölbe wird jetzt auch „Selbstbedienungsladen“ genannt, sagt Gästeführer Michael nach einigem Zögern.

Zwar sei das Interesse nicht mehr ganz so groß wie in den ersten Wochen, berichtet der 44-Jährige vom Stadtrundfahrtveranstalter. Doch auch 100 Tage nach dem spektakulären Diebstahl der sächsischen Kronjuwelen ist der Ort immer noch eine Attraktion. Nach dem Einbruch hatten Fernsehbilder tagelang die Nachrichten beherrscht. Weltweit hatte der Diebstahl der Diamanten von unschätzbarem Wert für Schlagzeilen gesorgt. Am meisten erschütterte der Raub die Dresdner selbst, eine Tat, die niemand für möglich gehalten hätte.

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Wachmänner hatten kurz vorher noch Waffen

Und so fragen die Gäste vor dem Hotspot auch immer noch nach möglichen Helfern und der Rolle des privaten Sicherheitsdienstes, dessen Mitarbeiter in sämtlichen großen Kunstdepots rund um die Uhr wachen. „Warum gucken die nicht?“, ist ein noch eher harmloser Kommentar. Andere fragen: „Warum schießen die nicht?“ Reaktionen wie diese zeigen, dass die Dresdner den Einbruch noch immer persönlich nehmen.

Doch rauchende Colts lösen bei Kunstexperten Panik aus. Kein Exponat der Welt rechtfertige es, Menschenleben zu gefährden. Das sagten Gewölbe-Direktor Dirk Syndram und Marion Ackermann, die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlung Dresden, schon am ersten Tag. Dabei trugen Wachleute in Sachsens Schatzkammer tatsächlich jahrelang sichtbar Pistolen. Angeblich änderte sich das nach einer aktuellen Sicherheitsanalyse des Landeskriminalamtes Anfang Oktober, keine zwei Monate vor der Tat.

Das durchgesägte Gitter vor dem Fenster am Residenzschloss nach der Tat. Auch instandgesetzt ist es heute immer noch eine Touristenattraktion.
Das durchgesägte Gitter vor dem Fenster am Residenzschloss nach der Tat. Auch instandgesetzt ist es heute immer noch eine Touristenattraktion. © Ronald Bonß

Ein Kutscher zeigt auf das Fenster, als er mit seinem Gespann im Schritttempo die Sophienstraße entlangkommt. „Da sind se‘ rein“ schallt übers Pflaster. Die Passagiere recken ihre Hälse aus der Kutsche. Städtereisende gleichen am Tatort ab, was sie zuvor auf ihrem Rundgang von Gästeführern erfahren hatten. Dresdner führen ihren privaten Besuch dorthin. Sie alle eint: Der Einbruch am Morgen des 25. November bleibt eine unglaubliche Geschichte. Und eine ungeklärte.

Vier Dutzend Beamte ermitteln nun schon seit einem Vierteljahr, doch von den Tätern scheint jede Spur zu fehlen. Jedenfalls gibt es seit Wochen schon keine offiziellen Informationen mehr. Die Polizei hat nur wenig über den Ablauf dieses historischen Einbruchs preisgegeben. Nur so viel ist sicher: Die beiden Täter, die auf einem Überwachungsvideo im Juwelenzimmer zu sehen sind, wie sie mit wenigen wuchtigen Axthieben in 30 Sekunden das Sicherheitsglas der Sicherheitsvitrine einschlagen, müssen weitere Helfer und spezifisches Wissen gehabt haben.

Zuerst legten sie mit Brandbeschleuniger Feuer in einem Raum am Kopf der Augustusbrücke, keine 150 Meter entfernt. Die Flammen verursachten einen Stromausfall – rund um den Theaterplatz gingen alle Straßenlaternen aus. In der so erzwungenen Dunkelheit zertrennen die Täter zuerst das Fenstergitter, so dass sie sich zwischen den Eisenstreben hindurchzwängen konnten.

Danach kam das Fenster selbst an die Reihe. Wie sie das geschafft haben, ist nach wie vor unklar. Erst als die fest im Mauerwerk verankerte Panzerglasscheibe samt Rahmen in das Pretiosen-Zimmer krachte, schlugen Bewegungsmelder Alarm. Das war um 4:57 Uhr. Knapp zwei Minuten dauerte es, bis Wachmänner im Schloss den Einbruch bestätigten und die Polizei alarmierten. Sie wählten die Notrufnummer 110 im knapp einen Kilometer entfernten Lagedienst der Dresdner Polizeidirektion. Von dort raste der erste Streifenwagen los, um 5:04 Uhr trafen die Uniformierten am Schloss ein. Den Beamten fiel auf, wie dunkel es war, sie nahmen auch Brandgeruch wahr. Doch die Täter waren längst verschwunden.

In nicht einmal sieben Minuten hatten sie eine Vitrine im Juwelenzimmer aufgehackt, die millionenschwere Schmuckstücke eingepackt und einen Pulverfeuerlöscher versprüht, um ihre Spuren zu verwischen. Sie rasten in einem hellen, vermutlich weißen Audi A6 Avant, der ein auffälliges schwarzes Dach hatte, nach Pieschen. Dort, in der Kötzschenbroder Straße, fuhren sie gezielt in die Tiefgarage eines Wohnkomplexes, parkten weit hinten, wo sie ihr Auto in Brand steckten. Zu Fuß verschwanden sie über das Treppenhaus eines hinteren Gebäudes vermutlich in die Franz-Lehmann-Straße.

„Das kommt davon, wenn man an der Sicherheit spart"

Den Fluchtweg hatten die Täter genau ausbaldowert. Die Kötzschenbroder war baustellenbedingt eine Sackgasse. Man konnte von der Leipziger Straße am Ballhaus Watzke nur wenige Meter hineinfahren – und über die Tiefgarage und den Ausgang eines der Wohnhäuser Verfolger gut abschütteln. Von dem Brand in der Tiefgarage versprachen sie sich wohl die vollständige Vernichtung ihrer Spuren. Zumindest das ist ihnen jedoch nicht gelungen. Die Polizei konnte in dem ausgebrannten Wrack Gegenstände sicherstellen, die eine Verbindung zu dem Einbruch belegen.

Viele Schaulustige vor dem Fenster fragen sich, womit die Gauner so schnell und unbemerkt das Gitter zertrennt haben. Sie bezweifeln, dass eine solche Tat ohne Hilfe von Insidern überhaupt möglich ist. Und sie wundern sich, wie die Täter die Stadt oder gar das Land unerkannt verlassen konnten. „Das kommt davon, wenn man an der Sicherheit spart. Es darf alles nichts mehr kosten“, sagen zwei ältere Damen. In Vorfreude auf die gerade wiedereröffneten Alten Meister machen auch sie am Stadtschloss halt. „Ich konnte es nicht fassen“, sagt eine. „Das Gitter! Handwerker sagten mir, es sei ganz einfach, die Stäbe aufzukriegen.“

Sie könnte recht haben. Mindestens acht mehrere Zentimeter dicke Metallstäbe hatten die Einbrecher durchtrennt. Das Eisen, so hört man, sei Jahrhunderte alt und stamme aus einer Zeit, als gehärteter Stahl noch nicht erfunden war. Für Hydraulikscheren wäre es ein Leichtes – sie sind eine Technik der Neuzeit. Die Feuerwehr setzt solche Alleskönner ein, um Verletzte aus Unfallautos zu bergen. Die Polizei prüft, ob die Täter diese Schere, die auch akkubetrieben zu haben ist, eingesetzt haben.

Das heißt, möglicherweise prüft die Polizei das. Offiziell halten sich die Ermittler der „Sonderkommission Epaulette“ mit Details zurück. In keinem anderen spektakulären Kriminalfall der letzten Jahre wurde bislang weniger bekannt. „Die Täter haben großen Wert auf die Verschleierung ihrer Identität und die Beseitigung von Spuren gelegt“, sagt der ansonsten wortkarge Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Daher solle vermieden werden, dass „konkrete Ermittlungsansätze und verfolgte Spuren“ bekannt werden. Das könne einen Erfolg erschweren oder gar unmöglich machen.

Und inoffiziell? Nur selten werden Details bekannt, die zeigen, wie groß der Druck hinter den Kulissen sein muss. Natürlich haben die Beamten sofort die Insider-These überprüft. Was bisher nicht bekannt war: Schon in der ersten Woche nach der Tat wurden zwei Mitarbeiter der Wachschutzfirma festgenommen. Ihre Wohnungen wurden durchsucht, ihre Handys ausgewertet, sie selbst lange vernommen. Was ihnen genau vorgeworfen wird, wissen die Verteidiger der Betroffenen bis heute nicht. „Ich habe noch keine Akteneinsicht erhalten, weil sie die Ermittlungen gefährden könnten“, so einer der Anwälte.

Trittbrettfahrer haben leichtes Spiel

Eine zunächst beschuldigte Frau habe sogar schon beim Ermittlungsrichter im Amtsgericht Dresden gesessen. Die Staatsanwaltschaft habe die Untersuchungshaft beantragt, so sicher waren sich die Ermittler. Dem Vernehmen nach sollen Zeugen die Verdächtige bei der Übergabe von Dokumenten an einen Unbekannten beobachtet haben. Zu dem Treff in einem Restaurant sei die Frau mit einem Firmenwagen gefahren. 

Erst beim Ermittlungsrichter stellte sich heraus, dass die Wachangestellte keine Lizenz hatte, Firmenwagen zu nutzen. Seine Mandantin sei „Opfer vorschneller Ermittlungen geworden“, sagt der Verteidiger der Frau. Polizei und Justiz sollten sich darüber im Klaren sein, welche schweren Folgen ihr Auftreten bei Betroffenen auslösen kann. Angeblich stehen beide Mitarbeiter nicht mehr im Fokus der Polizei.

Das Juwelenzimmer des Historischen Grünen Gewölbes war das Ziel der Diebe. Hier konnten sie diese Vitrine mit roher Gewalt aufbrechen.
Das Juwelenzimmer des Historischen Grünen Gewölbes war das Ziel der Diebe. Hier konnten sie diese Vitrine mit roher Gewalt aufbrechen. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Wo viel geschwiegen wird, haben Trittbrettfahrer leichtes Spiel. Über die Bild-Zeitung hatte etwa eine israelische Sicherheitsfirma im Januar angekündigt, sie habe anonym Beute aus dem Grünen Gewölbe für neun Millionen Euro angeboten bekommen, die Dresdner Staatsanwaltschaft sei eingeschaltet. Die Firma will über Umwege vom Verwaltungsrat des Museums eingeschaltet worden sein. Bis heute ist nicht klar, was davon stimmt. 

Die Staatlichen Kunstsammlungen dementierten, die Firma engagiert zu haben. Tatsächlich fand sich Tage später eine E-Mail der Firma bei der Staatsanwaltschaft. Sie war an Behördensprecher Schmidt adressiert. Der sagt: „In wessen Auftrag die betreffende Firma konkret agiert, ist weiterhin unbekannt, eine abschließende Bewertung der von dort stammenden Informationen noch nicht möglich.“ Bis dato seien zudem auch noch keine ernstzunehmenden Angebote zur Rückgabe der gestohlenen Kunstschätze gegen ein Lösegeld bekanntgeworden.

Wiedereröffnung im Frühjahr

Unmittelbar nach der Tat hatte die Polizei eine Soko mit 45 Ermittlern gebildet. Drei Staatsanwälte der zuständigen Abteilung für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität sind seitens der Justiz mit den Ermittlungen betraut. Sofort wurde auch eine Belohnung von 500.000 Euro für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, ausgesetzt. Noch im Dezember strahlte neben Kripo live im MDR auch das ZDF-Fahndungsmagazin „Aktenzeichen XY... ungelöst“ einen Aufruf aus.

Da wurde erstmals ein Foto des Audi A6 gezeigt. Eine Überwachungskamera hatte das Auto in der Tatnacht vor dem Einbruch aufgenommen, als es aus der Kötzschenbroder Straße rechts in die Leipziger Straße einbog. Dieses Bild belegt, dass die Täter schon vor der Tat die Tiefgarage ausgespäht haben mussten. Ob das Foto zu Hinweisen auf die Täter geführt hat? Auch das ist unklar. Insgesamt gingen bei der Polizei bis Ende Februar 1.300 Hinweise ein. Nach den Hunderten Anrufen in den ersten Tagen seien es derzeit noch etwa 20 pro Woche, sagt Staatsanwalt Schmidt. Diese Resonanz nennt er trocken „nicht unbedingt überraschend, aber gleichwohl erfreulich“.

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Am Fenster hoffen viele Schaulustige auf eine Lösegeldforderung als Motiv des Einbruchs. Das würde bedeuten, die Steine könnten eines Tages wieder im Schloss liegen. Das ist überhaupt eine der am meisten gestellten Fragen: Wann öffnet das Grüne Gewölbe endlich wieder? Doch selbst darauf gibt es keine konkrete Antwort. „Noch im Frühjahr“ heißt es vage bei den Kunstsammlungen.

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