merken
PLUS

„10 000 Vorschläge kamen aus allen Gebieten der DDR“

Meißens Ex-Bürgermeister Bernd Callwitz erinnert an eine Versammlung, ohne die die Friedliche Revolution 1989 nicht denkbar wäre.

Herr Callwitz, im 25. Jahr nach der Friedlichen Revolution wird diese oft wie ein plötzliches Naturschauspiel dargestellt. So, als ob es keine Vorgeschichte gab. Welchen Blick haben Sie darauf?

Meine These ist, dass die Friedliche Revolution nur zu verstehen ist, wenn man die Vorgeschichte wahrnimmt. Dass der Umsturz so friedlich ablief, lag ja eben an den zunehmenden Aktivitäten von kirchlichen Friedensgruppen, von Bürgerrechtsgruppen oder ökologisch motivierten Bürgern in den Jahren weit vor 1989. Die Friedensgebete landauf, landab, wie in der Leipziger Nikolaikirche, die jährlichen Friedensseminare in der Trinitatiskirche Meißen, die Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“ – manche erinnern sich an die Aufnäher an den Parkas der jungen Menschen, das Netzwerk „Frieden konkret“ – gehören ebenso zu dieser Vorgeschichte, wie die Ökumenische Versammlung.

JABS
JABS – Euer Zukunftsportal
JABS – Euer Zukunftsportal

Auf JABS erfahrt ihr alles, was für eure Zukunft wichtig wird und wie ihr euch am Besten darauf vorbereitet.

Sie haben diese Sitzungen mitgemacht?

Ja, ich war einer der 147 Delegierten und habe mein Mandat von der Sächsischen Landeskirche erhalten. Die Delegierten und 27 Berater kamen aus 19 christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Von einigen hatte ich noch nie etwas gehört.

Wie kam es zu dieser 1. Ökumenischen Versammlung der DDR?

Der eigentliche Ausgangspunkt liegt weit zurück. 1934 rief Dietrich Bonhoeffer zu einem Konzil der Kirchen zum Frieden auf, um der zunehmenden Kriegsgefahr zu begegnen. 1983 brachten die DDR-Vertreter auf der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver den Antrag eines Friedenskonzils ein. Letztlich bat der Stadtökumenekreis Dresden am 13. Februar 1986 die Kirchen in der DDR eine Ökumenische Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einzuberufen. Der Aufruf ging an alle Gemeinden mit der Bitte um Mitarbeit und Vorschläge für die Themen, die die ÖV bearbeiten und zu Papier bringen sollte, um zu erfahren, was an der Basis gedacht wurde und was den Menschen wichtig ist. Es folgten Vollversammlungen in Dresden im Februar 1988, in Magdeburg im Oktober 1988, wieder in Dresden im April 1989.

Wie fiel die Resonanz aus?

Es war einfach überwältigend. Mehr als 10 000 Vorschläge gingen ein, sie kamen aus allen Gebieten der DDR.

Wie ist die Versammlung mit den Vorschlägen umgegangen?

Es wurden 13 Arbeitsgruppen gebildet, die die Themen aufgegriffen haben, daraus entstanden Entwürfe für zwölf Schwerpunkttexte, die in die Gemeinden zu Stellungnahmen zurückgegeben wurden. Von dort kamen erneut Anregungen, die eingearbeitet wurden. Das war ein spannender und sehr intensiver Prozess.

Was gab es für Reaktionen von der DDR-Führung?

Ein Blick in meine Stasi-Akte beantwortet die Frage dahingehend, dass über alle Delegierte Auskunftsberichte einschließlich Bild zu erstellen sind. Das war die Weisung des Leiters der Hauptabteilung XX des MfS, die zuständig für Kirche, Kultur, Untergrund war. Das Politbüro der SED sprach davon, „dass eine feindliche Plattform im entstehen sei.“ Der diesbezügliche Höhepunkt“ war die Aussage des Staatssekretärs Löffler gegenüber Landesbischof Hempel noch am Abschlusstag der Ökumenischen Versammlung, dass hier die Konterrevolution vorbereitet werde.

Und, war das so?

Nein. Der Abschaffung der DDR war keiner der zwölf Texte gewidmet. Sie benannten aber Themen, die sehr viele Menschen bewegten, besonders der dritte Text: „Mehr Gerechtigkeit in der DDR“, der die Forderung nach demokratischen Wahlen, nach Möglichkeiten der Wehrdienstverweigerung, nach gleichen Bildungschancen, nach Abkehr von der ideologischen Erziehung, nach Trennung von Staats- und Parteifunktionen enthielt. Allen Texten vorangestellt war der biblische Bezug, wozu sind wir als Christen herausgefordert?

Haben die Texte heute noch Gültigkeit?

Sicher nicht jede Aussage, manches hat sich erfüllt. Die Umkehr zu mehr Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist doch aktuell geblieben, wie wir das aus der aktuellen Politik immer wieder erfahren müssen. Ukraine, Syrien, Lampedusa, Atomenergie, Vergötzung des Wirtschaftswachstums, Verarmung von Teilen der Weltbevölkerung, um nur einige Beispiele zu nennen.

Auf welche Weise hat die Ökumenische Versammlung die Friedliche Revolution beeinflusst?

Bei den Demos wurde 1989 sehr oft auf Forderungen zur Veränderung der Gesellschaft zurückgegriffen, die die Ökumenische Versammlung formuliert hat. Die zwölf Texte stellten meiner Auffassung schon eine Art Grundsatzpapier dar. Und es sind auch viele Persönlichkeiten aus der Ökumenischen Versammlung in der Zeit der Friedlichen Revolution und danach zu Führungspersonen in allen Ebenen der Gesellschaft geworden. Zum Beispiel Christof Ziemer, Markus Meckel, Friedrich Schorlemmer oder Richard Schröder. Ich glaube, dass es eine rationale Erklärung für die Friedliche Revolution, auch nach 25 Jahren, so nicht gibt. Für mich als Christ ist das Eingreifen Gottes unübersehbar gewesen.

Das Gespräch führte Peter Anderson.