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12 000 Glücksspiel-Euro weg

Einbrecher haben die Automaten von Dartschenke-Betreiber Uwe Palme geknackt. Sie konnten erstaunlich viel erbeuten.

Uwe Palme hat ein Problem. Durch den Einbruch fehlen dem Kneipier 6 000 Euro, von denen er Rechnungen bezahlen wollte. Die Versicherung kommt nicht dafür auf.
Uwe Palme hat ein Problem. Durch den Einbruch fehlen dem Kneipier 6 000 Euro, von denen er Rechnungen bezahlen wollte. Die Versicherung kommt nicht dafür auf. © Nikolai Schmidt

Eine Pflanze hängt gelangweilt über die Vitrine mit den Bierkrügen, Rauch wabert heute nur wenig durch die Luft. Der Januar ist kein guter Monat für Kneipen, nur an einem einzigen Tisch sitzen in der Dartschenke überhaupt Leute und trinken ihr Bier. Das fette Geld ist im Dezember aus der Bar in der Görlitzer Landeskronstraße gewandert. Aber nicht in die Tasche von Inhaberin Heike Palme und ihrem Mann Uwe. Als der am Morgen des 30. Dezember zur Tür herein kam, „war das Drama perfekt“, sagt der 54-Jährige.

Die drei Spielautomaten standen offen, der Inhalt: weg. Die Polizei schätzte den Schaden auf 5 000 Euro. Einen Tag später kam ein Mitarbeiter der Aufsteller-Firma aus Dresden, maß die Automaten aus und stellte fest: 12 000 Euro hatten sich im Automaten gesammelt. Für Uwe Palme bedeutet der Schaden eine Katastrophe, sagt er. Die Hälfte des Geldes gehe an den Aufsteller, die andere an ihn. „Von dem Umsatz in den Automaten bezahle ich normalerweise meine Rechnungen. Auch das Finanzamt will jetzt wieder Geld.“ Unterstützung, sagt Palme, kriege man nirgendwo, man sei immer „der Gebeutelte“. Nicht von der Bank, nicht von der Versicherung. Für den Schaden bekommt er von der nichts. Wegen kaputter Jalousien an den Scheiben der gemieteten Räume, wegen der Hintertür, die eine ungesicherte Balkontür ist.

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Manche in der Straße munkeln von Beschaffungs-Kriminalität, andere sehen den Raub als Teil einer Serie. Einbruchsdiebstähle gab es zu der Zeit in Görlitz viele, erst am 28. Dezember hatten Unbekannte Bargeld und Technik im Wert von 4 000 Euro aus einem Kulturzentrum gestohlen. Und die Polizei? „Ermittelt“, sagt eine Sprecherin. Näheres könne man zum aktuellen Zeitpunkt nicht herausgeben, auch, um kein Täterwissen weiterzugeben.

Für einen einkommensschwachen Stadtteil scheinen die 12 000 Euro in Palmes Automaten viel Geld zu sein. Erst Anfang Dezember war er zuletzt geleert worden. Etwa 3 500 Euro, sagt er, seien vorrätig darin. „Muss ja was drin sein, wenn mal jemand viel gewinnt.“ Zwischen 6 000 und 7 000 Euro liege der monatliche Durchschnitts-Umsatz.

Und der Besucher-Durchschnitt? „Zehn bis fünfzehn am Tag.“ Experten aus der Suchtberatung überraschen die Zahlen nicht. Spielsüchtig seien keinesfalls nur Einkommensstarke, sagt Andreas Scheinpflug von der psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle Görlitz. Wolle man Einkommen und Sucht einander zuordnen, unterscheide sich eher das Etablissement: Edelcasino versus Spielhallen-Flair.

Das wenige Geld, was Menschen haben, würden sie im Falle der Spielsucht am Automaten lassen, privat sehr sparsam leben, es durch Verkäufe und Schulden aufstocken. Menschen in instabilen Lebenssituationen sind besonders gefährdet. Depressionen, Traumata, Einsamkeit, Alkohol- und Drogensucht begünstigen den Reiz des Spiels. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. „Manche Spielsüchtige sagen, sie kriegen in dem Moment den Kopf komplett frei von all ihren Problemen“, sagt Scheinpflug.

Andere warten auf den großen Gewinn, hoffen darauf, ihre Schulden abbauen zu können oder haben schon so viel Geld am Automaten gelassen, dass sie nicht aufhören können, ehe endlich was zurückkommt. „Es gibt auch Menschen, die dort Familie suchen. Von den Angestellten gibt es immer ein nettes Wort, und man trifft andere Spieler“, sagt Scheinpflug. Manche würden nur in Verbindung mit Drogen konsumieren; zum Beispiel, wenn sie den großen Kick auf Crystal Meth suchen. In die Görlitzer Beratungsstelle kamen 2017 664 Menschen, acht davon mit Hauptdiagnose Spielsucht. Scheinpflug mahnt, die Zahl bilde nicht ab, wie viele tatsächlich spielsüchtig seien. Für eine Hauptdiagnose seien zwei Kontakte nötig, außerdem könnte jemand als Hauptdiagnose alkohol- und trotzdem zusätzlich spielsüchtig sein.

In Spielhallen ist Alkohol tabu, in Kneipen nicht – dort dürfen dafür nur drei Automaten stehen. Der Verlust, den der einzelne Spieler pro Stunde verbucht, ist gesetzlich auf 60 Euro begrenzt, der Gewinn auf 400. Der höchste Gewinn, den Uwe Palme miterlebt hat, betrug 600 Euro. Er selbst spielt nur selten, sagt der Wirt.

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Wie ihm geht es vielen Bar-Betreibern: Um ihre Rechnungen zu zahlen, brauchen sie die Spieler. 240 000 Automaten waren im letzten Jahr deutschlandweit gemeldet, der Umsatz stieg zwischen 2006 und 2016 von 2,1 auf 5,61 Milliarden Euro. Auch der Staat hat was davon: Mehr als eine Milliarde Euro rieselten 2017 allein an Vergnügungssteuern in die Staatskasse, Umsatzsteuer und fallweise die Spielbank-Abgabe kommen hinzu. Dass er sein Geld je wieder sieht, glaubt Uwe Palme nicht. Er hatte zuletzt eher Pech, mit seinen Glücksspielautomaten.

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