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150 Jahre "Wetter schön, Hotel gut"

Mit dem Platz für eine knappe Nachricht und bunten Bildern ist die Postkarte seit 150 Jahren eine beliebte Kurznachricht - auch in unserer digitalen Zeit.

Postkarten wie diese aus dem Jahr 1928 gibt es schon seit 150 Jahren. Noch immer verschicken deutsche Touristen Jahr für Jahr Millionen an Ansichtskarten. Doch werden es stetig weniger.
Postkarten wie diese aus dem Jahr 1928 gibt es schon seit 150 Jahren. Noch immer verschicken deutsche Touristen Jahr für Jahr Millionen an Ansichtskarten. Doch werden es stetig weniger. © Sammlung Holger Naumann

Von Bettina Ruczynski

Diesen Sommer hat Corona unser Reiseverhalten verändert. Müritz statt Mallorca, Kaiserstuhl statt Kreuzfahrt, Sächsische Schweiz anstelle der Eiger Nordwand. Unverändert geblieben ist hingegen unser komplexes Verhältnis zu den knallbunten Ansichtskarten, die allüberall in ihren eher schmucklosen Drehständern – gleich neben Strohhüten, Rucksäcken und Basecaps – vor den Kiosken und Touristen-Hotspots auf Kundschaft warten.

Entweder mag man sie, diese Ansichtskarten. Weil sie ein unverzichtbares Bestandteil echten Urlaubsfeelings sind, zu dem gehört, dass die Zu-Hause-Gebliebenen mit leisem Neid oder lautem Fernweh die feinen Fotos auf der Vorderseite betrachten. Oder man missbilligt genau dies als aufdringlich bis spießig anmutendes Anpreisen des Aufenthalts in der Ferne und ignoriert die Karten. Die dritte Gruppe der Urlauber mag die bunten Vierecke zwar, kauft sie auch samt Briefmarken (was nicht immer einfach ist), scheitert dann aber am Verfassen von Ferienbotschaften an die Lieben in der Heimat auf der viel zu kleinen Fläche, die die Rückseite dafür bietet. Und am noch kleineren Einfallsreichtum. Schließlich hat das Hirn ja auch Ferien. Und so landen die Ansichtskarten dann als Lesezeichen in Büchern. Oder, nach flüchtiger Betrachtung, im Papiermüll.

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Eine "unanständige Form der Mitteilung“?

Das war nicht immer so. Wir reisenden Deutschen waren einst berühmt bis berüchtigt für unseren Hang, den Aufenthalt woanders stets per Kartengruß zu dokumentieren. Die englische Zeitung The Standard schrieb 1899 wenig freundlich: „Der reisende Teutone scheint es als seine feierliche Pflicht zu betrachten, von jeder Station seiner Reise eine Postkarte zu schicken, als befände er sich auf einer Schnitzeljagd. Seine erste Sorge, nachdem er ein einigermaßen bemerkenswertes Reiseziel erreicht hat, ist es, ein Gasthaus zu finden, wo er abwechselnd sein Bier trinkt und Postkarten adressiert.“

Seit mehr als 150 Jahren schreiben Menschen Ansichtskarten. 1865 schlägt in Berlin der Postreformer und Gründer des deutschen Reichspostmuseums, Heinrich von Stephan, die Einführung eines „offenen Postblattes“ als einfache und kostengünstige Alternative zum Brief vor. Seine Idee wird von offizieller Seite als „unanständige Form der Mitteilung“ denunziert. Dennoch ist der Siegeszug dieses Mediums nicht mehr aufzuhalten.

Einen diesbezüglichen Riecher haben auch zwei Leipziger Bürger. Ende Juli 1868 reichen fast zeitgleich der Buchhändler Friedlein und der Kaufmann Friedrich Wilhelm Pardubitz beim Generalpostamt in Berlin je ein Muster einer „Universal-Correspondenz-Karte“ ein. Kurze Zeit später, im Januar 1869, plädiert Emanuel Hermann, Professor für Nationalökonomie, in einer Wiener Tageszeitung für die Einführung der Postkarte und wirbt mit den Vorteilen des neuen Mediums: günstiges Porto, Platz für kurze Mitteilungen, flotte Zustellung.

Und so gibt die österreichisch-ungarische Post offiziell am 1. Oktober 1869 eigene Correspondenz-Karten heraus. Und am selben Tag wird die erste Postkarte der Welt von Perg bei Linz nach Kirchdorf versandt. Sie kündigt einen Besuch an. Am 16. Juli 1870 verschickt der Oldenburger Buchhändler August Schwartz die erste, mit einem Bildchen bedruckte Karte in Deutschland. Sie gilt als erste deutsche bebilderte Postkarte; sprich Ansichtskarte. Und so gilt bis heute das Jahr 1870 der Einfachheit halber als ihr „Geburtsjahr“.

Die Postkarte bediente ein Massenbedürfnis

Berlin, Wien, Leipzig, Oldenburg – die Erfindung der Postkarte liegt seinerzeit ganz offenbar in der Luft. Weil sie dem Zeitgeist entspricht und ein Massenbedürfnis nach vereinfachtem und schnellem Informationsaustausch erfüllt. Eine Erfolgsgeschichte beginnt. Allein in den letzten Monaten des Jahres 1896 werden in Österreich drei Millionen der neuen Karten verkauft. In Berlin gehen an ihrem ersten Verkaufstag am 25. Juni 1870 mehr als 45.000 Exemplare über den Tresen. Und im deutsch-französischen Krieg 1870/71 erlebt die neue Erfindung als Feldpostkarte eine makabre Konjunktur.

Im Jahr 1900 gilt die Correspondenz-Karte als schnellstes und billigstes Kommunikationsmedium. Die Reichspost befördert in diesem Jahr 440 Millionen Karten. Schon damals macht der Begriff der „Bilderflut“ die Runde. In Wien dauert es zwei Stunden, bis sie ihre Empfänger erreicht, und ihre Zustellung erfolgt bis zu siebenmal pro Tag. Doch zugegeben: Zum Erfolg des neuen Mediums trägt – neben seinem unschlagbar günstigen Preis – auch das äußerst bequeme, weil formelhafte Schreiben in Floskeln bei: „Wetter schön, Hotel gut, Essen prima, Gruß und Kuss!“

Einige Jahre später entdecken Verlage die ungenutzten Möglichkeiten der Karte und drucken Fotos und Zeichnungen auf die Vorderseite. Ein revolutionärer Teilungsstrich auf der Rückseite macht es möglich: Foto vorn, Rückseite links der Text und rechts vom Teilungsstrich die Adresse. So ist es bis heute geblieben, nur der Teilungsstrich ist im Dunkel der Geschichte verschwunden.

Postkarten überleben dank ihrer Fans im Internet

Bald lässt jeder Ort – egal, wie groß, ob mit oder ohne Sehenswürdigkeiten, mit oder ohne bewundernswerte Natur – seine eigenen Ansichtskarten drucken. Und mit der abwechslungsreichen Gestaltung der Karten steigt ihre Beliebtheit immens. Sie wird vom Kommunikationsmittel zum Sammlerobjekt: Karten füllen Alben, werden unter Sammlern getauscht und können in Spezialgeschäften erworben werden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestimmen die unterschiedlichen gesellschaftlichen Systeme im geteilten Deutschland die Motive der neu produzierten Karten in Ost und West. Im Westen künden sie vom Wirtschaftswunder und der neu entdeckten Liebe zum sonnigen Süden. In der DDR vom sonnigen Ostseestrand und dem sozialistischen Aufbau in Stadt und Land.

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Obwohl heute Smartphone-Fotos und Messenger-Dienste die Kommunikation im Urlaub dominieren – acht von zehn Reisenden beglücken die Daheimgebliebenen regelmäßig mit Selfies – versenden immerhin noch gut die Hälfte der deutschen Touristen in den Ferien Ansichtskarten, Tendenz sinkend. Wurden 1998 noch 400 Millionen Karten verschickt, beträgt ihre Zahl zwanzig Jahre später nur noch 195 Millionen. Doch es entstehen neue Formen im Umgang mit dem Medium Ansichtskarte. Zum Beispiel Initiativen wie Postcrossing. Über diese Internetplattform finden sich weltweit Hunderttausende und senden sich regelmäßig Ansichtskarten zu. Mittlerweile gibt es über 700.000 „Postcrosser“ in 213 Ländern weltweit.

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