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1 800 rätselhafte Holzpfähle auf dem Markt

Auf manche Funde können sich die Archäologen noch keinen Reim machen. Klar ist dagegen, wo das alte Rathaus stand.

Von Mario Heinke

Wieder hat Nicole Eichhorn einen Holzpfahl freigelegt. Der dunkle Pfosten steckte fest im Boden. 70 Zentimeter misst das gute Stück und ist organisch sehr gut erhalten. Die 33-jährige Leipzigerin reinigt und dokumentiert den Fund. Danach wickelt sie den Holzpfahl in Folie ein, damit er nicht austrocknet. Insgesamt 1 800 solcher Pfähle haben sie und ihre Kollegen seit Beginn der Grabung im April bereits auf dem Marktplatz gefunden. Nicht alle Pfähle werden ausgegraben. Manche sind so klein und verfallen, dass sie nur noch als dunkle Punkte oder Schatten in der Erdschicht zu sehen sind. Die zwischen zehn und 80 Zentimeter langen, angespitzten Holzpfähle sind nichts eigentlich nichts Besonderes und werden auch bei Grabungen an anderen Orten gefunden. Das Besondere daran ist die ungeheuerlich große Menge. Das ist auch für die Archäologen vom Landesamt für Denkmalpflege immer noch ein Rätsel. „Wir wissen nicht, wozu die Pfähle gedient haben“, sagt Karsten Lehmann, der die Grabung auf dem Markt leitet. Der 41-Jährige freut sich, dass die zwischen 400 und 600 Jahre alten Stücke gut erhalten sind. „Es ist denkbar, dass die Holzpfähle früher als Zaun oder auch zur Befestigung von stationären Marktbuden gedient haben“, spekuliert Lehmann. Mehrere kleine Fundamente, die bei der Grabung in der historischen Pflasterschicht freigelegt worden sind, stützen diese Theorie. Weitergehende Untersuchungen der Funde im Dresdner Landesamt sollen die Erkenntnisse vertiefen.

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Im Quartier der Archäologen und Grabungshelfer in der ehemaligen Kaufhalle an der Ecke Reicheberger/Albertstraße stehen unzählige Kisten voll Keramik, Glas- und Knochensplittern. Damit die Teile später noch zugeordnet werden können, liegen visitenkartengroße, blaue Schilder in jeder Kiste und geben Aufschluss über die genauen Fundorte. Alle Karten sind mit dem Grabungscode ZI 33 gekennzeichnet. Eine Fundnummer, eine Schnittnummer und eine Beschreibung der Planungsfläche, die ein Höhenniveau und die Erdschicht beschreibt, geben der ganzen Angelegenheit eine klare Struktur. Damit die Funde trocknen können, haben die Archäologen sie ins Schaufenster gelegt. Das hat den Effekt, dass die Zittauer im Vorbeigehen einen Überblick über die Fundstücke erhalten. Das Interesse der Bürger sei sehr groß, erzählt Lehmann. Immer wieder würden die Zittauer eigene Fundstücke vorbeibringen, um zu erfahren, wie alt sie sind. In einem Regal stehen sieben weißen Plastikeimer, in den früher vermutlich Kartoffelsalat lagerte. Heute sind Erdproben vom Marktplatz in den Gefäßen. Die Erde soll im Labor auf Reste von Früchten, Samen, Holz, Pollen und Sporen untersucht werden. So können die Wissenschaftler Hinweise auf die Vegetation vergangener Zeiten gewinnen, beispielsweise auf seltene Getreidesorten.

Die zahlreichen Hinterlassenschaften unserer Vorfahren geben Aufschluss über deren Leben. So zeigen Scherben einer geprägten Bierflasche mit Bügelverschluss aus dem 19. Jahrhundert, wie der Gerstensaft damals abgefüllt gewesen ist. Die Spielfreude unserer Ahnen bezeugen indes zehn aus Tierknochen geschnitzte Würfel, die noch viel älter sind. Im Umkreis von nur einem Meter wurden sie gefunden. Lehmann zeigt eine Plastiktüte, die mit dreckigem Wasser gefüllt ist. In der Brühe schwimmen schwarze Teile. „Das sind Lederstücken“, so Lehmann. Damit sie nicht brechen und „vergehen“, werden die Lederfunde und auch Reste eines alten Seiles im Wasser gelagert.

Die Gesamtheit der Funde erzählt – einem aufgeschlagenen Buch gleich – Geschichten über den Ort. „Wir wissen jetzt, dass im 15. oder 16. Jahrhundert ein tiefgreifender Umbau auf dem Marktplatz stattgefunden hat“, sagt der Grabungsleiter. Lehmann hat Ur- und Frühgeschichte in Berlin studiert und hält mit seiner Begeisterung über die Zittauer Funde nicht hinterm Berg. „Jede Grabung ist anders spannend“, erzählt er und hat noch eine Überraschung in petto.

Bei den Tiefbauarbeiten zwischen Markt und Rathausplatz sind die Grabungshelfer auf große Sandsteinquader gestoßen. Die Steine gehören zum Fundament des alten Rathauses von 1354. Da ist sich Lehmann inzwischen ganz sicher. Durch den Vergleich mit alten Stichen und historischen Schriften aus dem Archiv des Museums hat er herausgefunden, dass das alte Rathaus fünf Meter weiter südlich gestanden haben muss. Im Herbst will er sich endgültig Gewissheit verschaffen. Dann soll die Fundstelle vor den Pflasterarbeiten noch einmal geöffnet und bis 1,80 Meter Tiefe ausgehoben werden.