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1945 fliegt Manfred Böttcher neuen Rekord

Der Segelflugsport hat in Kamenz eine langeGeschichte. Besondersinteressant war sie in den Jahren 1945 und 1946.

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Von Günter Lippar undErhard Rosenkranz

Der Zweite Weltkrieg war gerade zu Ende gegangen, da dachten die Kamenzer Segelflieger wieder ans Fliegen. Die Basis auf dem Hutberg war noch vorhanden. Segelflughalle und die darin befindlichen drei Schulgleiter samt Transporthänger hatten das Kriegsende unbeschadet überstanden. Um aber fliegen zu können musste noch die Genehmigung vom sowjetischen Stadtkommandanten eingeholt werden. Polizeichef Kühne, Vater des Segelfliegers Wolfgang Kühne, wurde beauftragt, mit dem sowjetischen Kommandanten ein Gespräch zu führen zwecks Genehmigung des Fliegens auf dem Hutberg. Der sowjetische Kommandant, der vor dem Krieg selbst Sportflieger war, zeigte großes Entgegenkommen und unterstützte die Flieger nach seinen Möglichkeiten.

Kriegsgeräte gegen Käse

Nun stand den Fliegern nichts mehr im Wege. Unter dem Dachverband der „Sport- und Kulturgemeinschaft“ konnte nun die Sparte Segelflug aufgebaut werden. Aber ehe man ans Fliegen denken konnte, mussten noch einige andere Arbeiten verrichtet werden. So beim Beseitigen des Schützengrabens, den der Volkssturm angelegt hatte. Der Graben verlief über den gesamten Höhenrücken des Hutbergs. Dabei wurden Waffen und anderes Kriegsgerät eingesammelt. Die Abgabe bei der Kommandantur – Sammelstelle war das Amtsgericht auf dem Damm – brachte den Segelfliegern so manche Konservendose mit Fleisch oder Käse ein. Bevor die Flugzeuge eingesetzt werden konnten, mussten natürlich die Hakenkreuze an den Seitenleitwerken beseitigt werden. Dieses malte Johannes Höntsch mit schwarzer Farbe aus und klebte eine gezeichnete Silber-C (Leistungsabzeichen im Segelflugsport – d. A.) mit Schwingen in die Mitte. Nun galt es weitere Flugzeuge zu beschaffen. Johannes Höntsch wusste, wo sich Material- und Flugzeuglager befanden. Ein solches befand sich in Großröhrsdorf. Segelflugzeuge waren wegen der Bombenangriffe in Ottendorf-Okrilla und Volkersdorf ausgelagert. In den Lagern befanden sich werksneue Maschinen – vom Schulgleiter bis zum Leistungsflugzeug. Der sowjetische Kommandant stellte nun Dokumente aus, die es den Fliegern erlaubten, von dort Flugzeuge und Material zu holen. So zog man dann Sonntagfrüh mit dem Transporthänger, von Hand gezogen, nach Ottendorf-Okrilla und holte Flugzeuge zum Kamenzer Fliegerberg. Der sowjetische Kommandant stellte auch einmal zwei Lkw zur Verfügung, um Flugzeuge nach Kamenz zu holen. So wurde fleißig bis Herbst 1945 geflogen. Der Flugzeugpark bestand aus mehreren SG-38 und Baby II b. Als Fluglehrer arbeiteten Manfred Böttcher, Wolfgang Kühne und Johannes Höntsch. Am 27. Juli 1945 flog Manfred Böttcher mit einem Baby im Hangaufwind einen neuen Rekord von 1,5 Stunden. Es wurden aber auch zwei Babys zerstört, als die Piloten ins Abwindgebiet gerieten. Im Herbst 1945 trat das Potsdamer Abkommen in Kraft, das jede fliegerische Tätigkeit für Deutsche verbot. Da man annahm, dass das Flugverbot nur für kurze Zeit gilt, konnte durch Verhandlungen erreicht werden, dass die Flugzeuge für späteren Sportbetrieb im Stalinheim der FDJ auf dem Gickelsberg, heute Schule, zwischengelagert werden. Im Frühjahr 1946 kamen die Segler nun auf den Gickelsberg. Aber schon im Sommer des gleichen Jahres kam die Anweisung zur Vernichtung aller Flugzeuge. Die Balsaholzbestände wurden im Stadttheater verarbeitet. Auch der Transporthänger diente dort als Kulissenwagen. Fünf neue Gummistartseile wurden bei Erhard Rosenkranz versteckt und nach 1950 in Großrückerswalde eingesetzt.

Flugzeughalle zu Feuerholz

Die Flugzeuge kamen vom Gickelsberg auf den Stalinplatz, heute Lessingplatz, zur Kommandantur. Dort wurden die Flugzeuge bei Baumeister Eger unter einem Schleppdach gelagert, wo sie mit der Zeit verrotteten. Siegfried Höntsch, der Bruder von Johannes Höntsch, lernte nebenan bei Tischlermeister Arnhold, brachte 1949 Beschläge und andere Teile mit nach Hause, wo man sie lagerte und später der Segelflugzugindustrie übergab. Auch wurden 1946 auf dem Hutberg die Flugzeughalle und die Bänke von der Freilichtbühne abgebrochen. Halle und Bänke wurden zu Feuerholz verarbeitet.

Damit endet diese kurze, aber interessante Epoche des Kamenzer Segelfluges, die vielleicht einmalig in Deutschland sein dürfte. Einige Jahre später, 1952, begann man in Kamenz wieder mit dem Aufbau des Segelflugsportes.