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20 Jahre Koma

Helga Lehmann besucht ihren Sohn ständig im Pflegeheim. Ein Junge von der Stele im Sportpark Bischofswerda.

© Thorsten Eckert

Von Carolin Menz

An jedem Mittwoch und Sonnabend bekommt Frank Besuch. Seine Mutter kommt zu ihm, küsst ihn auf die Stirn, streichelt über seine Wange. Sie bringt Blumen mit, manchmal Kuchen. Alleine essen kann Frank ihn nicht. Helga Lehmann füttert den Sohn, der bald 40 Jahre alt wird. Und freut sich darüber, dass er sich nicht verschluckt. Bei schönem Wetter schiebt sie ihren Frank in den Garten hinaus, im Rollstuhl. Und wenn die Vögel zwitschern, reißt er die Augen auf. So freut er sich. Mit Worten kann er es nicht sagen. Frank Lehmann liegt im Wachkoma. Seit 19 Jahren. Ein schweres Schicksal für Helga Lehmann aus Schmölln. Aber eines, das sie nie hadern ließ. „Wir müssen doch für Frank da sein, immer“, sagt die heute 77-Jährige und streicht über das gerahmte Foto ihres Jungen, das ihn als den sportlichen und fröhlichen Teenager zeigt, der er vor seinem Unfall war, in einer lauen Sommernacht am 17. Juli 1994.

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Der Junge in der Mitte dieser Plastik aus dem Wesenitzsportpark Bischofswerda ist Frank Lehmann. Im Teenageralter stand er Modell für die Stele des Steinbildhauers Manfred Wagner aus Schmölln. Der Künstler konnte nicht wissen, dass Frank verunglücken würd
Der Junge in der Mitte dieser Plastik aus dem Wesenitzsportpark Bischofswerda ist Frank Lehmann. Im Teenageralter stand er Modell für die Stele des Steinbildhauers Manfred Wagner aus Schmölln. Der Künstler konnte nicht wissen, dass Frank verunglücken würd

Mit dem Moped eines Kumpels verunglückte der damals 19-Jährige in Demitz. „Die Jungs waren ja alt genug, trafen sich oft abends“, sagt Helga Lehmann. Sie hatte nichts dagegen, dass er mal eine Flasche Bier trank. Doch sie hatte etwas dagegen, dass er an solchen Abenden auf sein Moped stieg, das ihn nach dem Schulabschluss in Schmölln jeden Morgen zur Kfz-Lehre nach Bischofswerda brachte. Also musste er es daheim lassen an diesem Abend. „Er ist dann eben aufs Moped eines Freundes gestiegen. Ich vermute, er wollte zu einem Mädchen“, sagt seine Mutter. Vom schweren Unfall ihres Sohnes erfuhren Lehmanns erst am nächsten Morgen. Wohl längere Zeit hatte Frank Lehmann in Demitz verletzt am Straßenrand gelegen, bewusstlos. Vermutlich war er mit dem Moped zu dicht an die Bordsteinkante geraten und unglücklich gestürzt. Die genaue Unfallursache erfuhren Lehmanns nie. „Er kam ins Krankenhaus Bautzen und wurde dort operiert. Er hatte innere Verletzungen, war aber nach der OP ansprechbar“, so seine Mutter. Ein Schock war es gewesen, den Sohn so liegen zu sehen. Diesen Sportler, der immer in Bewegung war. Diesen drahtigen Kerl, der ab der fünften Klasse die Sportschule in Dresden besuchte, weil er ein begabter Leichtathlet und schneller Langstreckenläufer war. Der sogar Modell gestanden hatte für die Stele im Bischofswerdaer Wesenitzsportpark von Steinbildhauermeister Manfred Wagner, die noch heute steht. „Doch nach dieser Operation ahnten wir ja nicht, dass es noch schlimmer kommen sollte“, sagt Helga Lehmann.

Sein Hirn ist schwer geschädigt

Anfang September 1994, Frank lag noch in der Klinik, wurden seine Lungen auf Quetschungen untersucht. Wie seine Mutter erzählt, seien Experten aus Dresden gekommen. Was genau passiert ist, ist unklar. Aber Frank Lehmann fiel ins Koma nach der Untersuchung. Das Zusammenspiel seines Schädel-Hirn-Traumas mit einem Herz-Kreislauf-Versagen?

Ärzte nennen seinen heutigen Zustand apallisches Syndrom – hervorgerufen durch eine schwerste Schädigung des Gehirns. Die gesamte Großhirnfunktion oder größere Teile davon sind ausgefallen, während Funktionen von Zwischenhirn, Hirnstamm und Rückenmark erhalten sind. Dadurch wirkt es, als sei Frank wach. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach hat er kein Bewusstsein. Rund um die Uhr ist der Wachkomapatient auf Pflege angewiesen – geleistet vom Team des Pflegeheims in Pulsnitz. Frank Lehmann kann nicht sprechen, nicht stehen. Er wird künstlich ernährt, trägt Windeln. Das Pflegepersonal übernimmt das Waschen, Rasieren, Ankleiden. Täglich wird Frank Lehmann gedreht, damit sich der Körper nicht wund liegt. Regelmäßig werden Haut und Gelenke massiert, sagt seine Mutter. Franks Familie hätte das daheim in Schmölln gar nicht leisten können. „Frank hat in Pulsnitz ein Einzelzimmer, das Personal dort kümmert sich bestens um ihn“, sagt sie. Immer mittwochs und sonnabends, wenn seine Mutti kommt, sitzt Frank zurechtgemacht im Rollstuhl. Seine 77-jährige Mutter könnte es ohnehin nicht bewältigen, ihn anzuziehen. „Wenn ich hier losfahre, dann sage ich im Heim Bescheid, dann ist er fertig, wenn ich komme“, sagt die Seniorin, die viele Jahre bei Lausitzer Granit in Demitz arbeitete. Kommt sie zu ihm – gefahren von Töchtern oder Schwiegersöhnen – freut sich Frank. Auf seine Art.

Dann scheint es, als lächle er, sagt Helga Lehmann. Sie erzählt ihm von Gott und der Welt, die sich vor dem Pflegezimmer immer weiterdreht. Sie liest ihm vor, schiebt ihn im Rolli spazieren oder singt ein Lied für Frank. Manchmal summt er mit. „Und wenn ihm etwas nicht passt, dann knurrt er oder ballt die Hände zur Faust.“ Unruhig war er, als plötzlich die Eltern nicht mehr zu zweit kamen. Im Februar verstarb Helga Lehmanns Mann Helmut. Sein Sohn nahm sein Fehlen wahr. „Doch inzwischen hat er akzeptiert, dass ich allein komme“, sagt Helga Lehmann. Bei jedem ihrer Besuche wird sie an den Teenager Frank erinnert, der er vor dem Unfall im Sommer 1994 war. Das Modell seines Kopfes, das Manfred Wagner für die Stele im Wesenitzsportpark verwendete, steht in seinem Zimmer. Immer wieder denkt sie daran, wie sportlich ihr Sohn war, der seit 20 Jahren an Bett und Rollstuhl gefesselt ist. Im Wachkoma wurde der Junge zum Mann. „Seine Gesichtszüge haben sich verändert, ab und zu entdecke ich ein graues Haar“, sagt die Mutter. Sie streicht über das gerahmte Foto. Am Sonnabend geht sie wieder zu ihm.