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„2019 war das schlimmste Borkenkäferjahr“

Forstfrau Kristina Funke sagt, warum der Wald zwischen Tharandt und Osterzgebirgskamm leidet und was ihm guttut.

In Jungbeständen im Revier Rehefeld von Förster Uwe Liebscher sind im Januar etliche Baumkronen unter der Schneelast heruntergebrochen. Diese werden nun geschreddert. Das ist auch Schutz vor dem Borkenkäfer.
In Jungbeständen im Revier Rehefeld von Förster Uwe Liebscher sind im Januar etliche Baumkronen unter der Schneelast heruntergebrochen. Diese werden nun geschreddert. Das ist auch Schutz vor dem Borkenkäfer. © Egbert Kamprath

Frau Funke, die Wälder im Osterzgebirge hat es in den vergangenen Jahren schwer getroffen, bedenkt man die Schäden, die allein durch die Stürme Herwart und Friederike entstanden sind. Ist das Sturmholz schon aus dem Wald?

Wir sind jetzt so weit, dass wir den Großteil der Sturmschäden aufgearbeitet haben. Schwierigkeiten machen noch die erheblichen Schneebrüche in den Fichtenjungbeständen in den Kammlagen des Osterzgebirges. Allein im Forstrevier Rehefeld belaufen sich die Schäden durch Schneebruch auf etwa 25.000 Kubikmeter. Hier ist momentan eine umgerüstete Forstmaschine unterwegs, die das Wegenetz von den umgebrochenen Bäumen befreit und diese zum Schutz vor Borkenkäferbefall hackt. Darauf warten die Touristiker in der Region schon ungeduldig, da die Wege als Zufahrt zur Kopfstation des Rehefelder Liftes und auch als Route für die Schneemobile dienen.

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Kristina Funke ist Diplomforstingenieurin und beim Sachsenforst unter anderem für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit zuständig. 
Kristina Funke ist Diplomforstingenieurin und beim Sachsenforst unter anderem für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit zuständig.  © Egbert Kamprath

Wie viel Holz wurde dieses Jahr aus dem Wald geholt?

Alleine im Landeswald haben wir dieses Jahr 230.000 Kubikmeter Schadholz aufgearbeitet, davon war ein großer Teil auch Borkenkäferholz. Zum Vergleich: Regulär würden wir sonst 130.000 bis 140.000 Kubikmeter einschlagen. Aber einen regulären Holzeinschlag haben wir schon seit Herbst 2017 nicht mehr.

Was heißt das derzeit auf dem Holzmarkt?

Das Holz lässt sich schwer absetzen. Die Preise sind immer noch am Boden. Zum Teil bekommen wir je nach Sortiment nur noch die Hälfte oder ein Drittel dessen, was sonst auf dem Markt üblich ist. Tatsächlich sind wir jetzt so weit, dass die Einnahmen nicht einmal mehr die Ausgaben für die Holzernte decken. In unseren Wäldern liegen noch immer große Mengen Holz vor allem minderer Qualität – sogenanntes Industrieholz – zum Verkauf.

Was hat das für Konsequenzen für den Staatsbetrieb und Privatwaldbesitzer?

Einige anstehende Investitionen müssen verschoben werden. Die privaten Waldbesitzer trifft es besonders hart. Vor drei Jahren noch konnte mit den Erlösen aus der Holzernte gleich die Wiederaufforstung finanziert werden, und es blieb noch Geld für die Haushaltskasse.

Sie haben es schon angesprochen, auch der Borkenkäfer hat viel Schaden verursacht. Wie fällt da ihre Bilanz für 2019 aus?

Dieses Jahr war das schlimmste Borkenkäferjahr seit Beginn unserer Aufzeichnungen. Das Ausmaß haben auch erfahrene Forstleute noch nicht erlebt. Bis in die höheren Lagen sind zwei Käfergenerationen und die Geschwisterbruten ausgeflogen – Buchdruckerweibchen legen nach einer Ruhephase ein zweites Mal Eier – und die dritte Käfergeberation befindet sich im Larvenstadium. Momentan ziehen sich Jung- und Altkäfer zum Überwintern in die Bodenstreu zurück. Das Schlimmste ist: Wir wissen deshalb genau, dass es 2020 mit dem Borkenkäfer weitergeht. Denn die Käfer haben kein Problem mit hohen Minusgraden, nur bei moderaten Temperaturen und viel Feuchtigkeit könnten sie von Pilzen befallen werden und anfangen zu schimmeln.

Stichwort Feuchtigkeit, auch da sieht es ja leider nicht allzu gut aus. Die Trockenheit in den tiefen Bodenschichten hält an. Wie verkraften das die Bäume?

Es war dieses Jahr nicht so extrem trocken wie letztes Jahr, aber die Regenmenge lag unter dem langjährigen Mittel. Das Niederschlagsdefizit hat sich noch verstärkt. Im Oberboden bis 25 Zentimeter Bodentiefe hat sich die Situation in den letzten Wochen zwar deutlich entspannt. Aber in den tieferen Bereichen, bis zu 1,80 Meter, herrscht nach wie vor eine außergewöhnliche Dürre, sogar auf dem Erzgebirgskamm. Das führt zu erheblichem Trockenstress bei den Bäumen.

Wie äußert sich der Trockenstress?

Man sieht dieses Jahr deutlich, dass nicht nur Jungpflanzen leiden, sondern auch alte Bäume. Denn durch den Mangel an Wasser wird ihr Feinwurzelsystem geschädigt, infolgedessen sterben die oberen Kronenbereiche ab. Wir beobachten auch, dass die Buchen deutlich kleinere Blätter gebildet haben.

Auch dieses Frühjahr wurde im Forstbezirk gepflanzt. Wie stehen die jungen Bäumchen da?

2018 hatten wir bei der Frühjahrsaufforstung witterungsbedingt 35 bis 40 Prozent Ausfall, dieses Jahr ist es etwa ein Fünftel, also nicht ganz so schlimm. Trotzdem gibt es einzelne Flächen, auf denen es erheblich schlechter aussieht. Vor allem unsere Erstaufforstungen auf ehemaligen Wiesen- oder Ackerflächen haben sehr gelitten.

Manch Waldbesitzer zieht in Erwägung, im Frühjahr gar nicht mehr zu pflanzen. Gibt es dieses Gedankenspiel auch im Forstbezirk Bärenfels?

Nein, eine komplette Umstellung auf die Pflanzung im Herbst ist nicht geplant. Einige tausend junge Waldbäumchen pflanzen wir aber auch zwischen Oktober und dem ersten Bodenfrost. Allerdings ist das Zeitfenster für die Pflanzung bei wurzelnackten Bäumchen im Herbst wesentlich kleiner. Denn die Laubbäume müssen vor dem Frost in die Erde, aber erst, nachdem sie ihre Blätter abgeworfen haben. Im Herbst ist das schwerer zu planen, aber im Tharandter Wald geht das noch eher als auf dem Erzgebirgskamm. Gute Erfahrungen haben wir mit Containerpflanzen gemacht. Die Erdballen um das Wurzelsystem der Bäumchen gewährleisten einen besseren Start. Allerdings sind hier der Pflanzaufwand und die Pflanzenkosten höher. Momentan pflanzen unsere Waldarbeiter im Tharandter Wald Stieleichen, Kiefern und Weißtannen aus Containeranzucht.

Wie viele Bäume kommen jetzt in die Erde?

Im Frühjahr war es ja eine knappe Million, jetzt sind es wenige Tausend, abhängig vom Wintereinbruch. Ziel ist es, möglichst verschiedene für den Standort und das Klima der jeweiligen Waldfläche geeignete Bäume zu pflanzen und auch die Naturverjüngung mit zu nutzen. Das ist anspruchsvoll und erfordert gut ausgebildete Waldarbeiter und Förster, die dann auch die Pflege der heranwachsenden Mischbestände übernehmen.

Abgesehen vom Pflanzen, welche Aufgaben stehen derzeit außerdem im Wald an?

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Es gilt weiterhin, Borkenkäferbefall zu erkennen und zu sanieren. Durchforstungen in den Jungbeständen stehen an, um stabile Waldbestände zu erziehen und die Bäume mit den besten Veranlagungen zu fördern. Waldflächen müssen für die Aufforstungen im Frühjahr vorbereitet werden und der Herbst ist auch die Zeit der großen Bewegungsjagden. Auch das ist im Vorfeld viel Arbeit für die Forstleute.

Das Gespräch führte Anja Ehrhartsmann.

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