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Fall Eaton: Mord im Paradies

Der Mann, der die Dresdner Biologin getötet haben soll, hat ein bürgerliches Leben wie aus dem Bilderbuch geführt. Nur Fassade?

Der mutmaßliche Täter bei seiner Verhaftung.
Der mutmaßliche Täter bei seiner Verhaftung. © flashnews.gr

Es ist ein Urlaubsparadies und ein Ort für Menschen, die sich zurückziehen oder konzentriert arbeiten wollen. Eine malerische Umgebung im Nordwesten Kretas, die Ostseite einer Halbinsel, die Richtung Festland zeigt. Nun ist der paradiesische Ort Schauplatz eines brutalen Verbrechens geworden, eines einzelnen Mannes, der eine ihm fremde Forscherin aus Dresden getötet haben soll. 

Dringend tatverdächtig ist der 27-jährige Giannis P., ein Bauer, der aus dem nicht weit entfernten Kissamos stammen soll. Er soll selbst Vater von zwei Kindern sein, einem zweijährigen Mädchen und einem einjährigen Jungen, und ist jetzt einem Haftrichter vorgeführt worden.

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Die getötete Biologin Suzanne Eaton.
Die getötete Biologin Suzanne Eaton. © privat

Die Orthodoxe Akademie, ein heller moderner Bau, thront über dem Meer, inmitten einer karstigen Felslandschaft. Von der Akademie geht der Blick über Strände und das kretische Meer. Hier wohnte die Dresdner Biologin Suzanne Eaton seit 30. Juni im Gästehaus. Die 59-jährige Amerikanerin nahm an einem Expertentreffen der Orthodoxen Akademie in Kolymvari teil.

Eaton kannte den Ort, war zum vierten Mal auf Kreta, hatte schon ähnliche Konferenzen auf der Insel besucht. Diesmal ging es um Hormone von Insekten. Am 30. Juni war sie angekommen, wollte fünf Tage später die Ergebnisse ihrer eigenen Forschung präsentieren. Drosophila, die Fruchtfliege, war Eatons Forschungsobjekt, ein idealer Modellorganismus, um grundlegende Prinzipien des Lebens zu verstehen.

Ein freundlicher und fleißiger Zeitgenosse

An der Akademie vorbei schlängelt sich eine kleine Küstenstraße. Vielleicht hat Eatons mutmaßlicher Mörder sie hier schon gesehen. Wer der Straße folgt und links abbiegt, gelangt nach ein paar Serpentinen zum „Evelpidon Memorial“, einem Denkmal für im Zweiten Weltkrieg gefallene griechische Soldaten. 

Mit dem Auto braucht man von der Akademie für die knapp zwei Kilometer keine fünf Minuten. Zu Fuß ist es etwas länger, dafür gibt es eine Abkürzung, einen von Felsbrocken und trockenen Bäumen gesäumten Weg, der hinter der Akademie beginnt und am asphaltierten Parkplatz vor dem Denkmal endet. Nach Erkenntnissen der Ermittler liegt hier der erste von zwei Tatorten.

Giannis P. soll der Mörder von Suzanne Eaton sein. Er soll zu Protokoll gegeben haben, dass ihr Anblick ihn erregt habe. Das sagt Kretas Polizeichef Konstantinos Lagoudakis am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Chania. Der 27-Jährige habe zunächst widersprüchliche Angaben gemacht, sei dann mit Indizien konfrontiert worden und habe ein Geständnis abgelegt.

Der mutmaßliche Täter hat zugegeben, die Biologin mit seinem Wagen zweimal angefahren zu haben.
Der mutmaßliche Täter hat zugegeben, die Biologin mit seinem Wagen zweimal angefahren zu haben. © Screenshot www.protothema.gr

Angeblich soll er bisher nicht mit Sexualdelikten aufgefallen sein. Giannis P. galt als freundlicher und fleißiger Zeitgenosse, niemand hätte ihm wohl eine solche Tat zugetraut. Auf seinem Youtube-Kanal präsentiert er sich in Videos als liebevoller Papa, mit Bildern seiner Kinder. Er feiert die Geburt seines Kindes, sieht glücklich aus und küsst seine Frau. Es gibt romantische Szenen mit seiner Frau am Strand, untermalt von melancholischer Popmusik. 

Auf den ersten Blick ein ganz normaler Familienmensch, ein ganz normaler Ehemann. Aber das ist nicht alles. Er scheint einen großen Drang zur Selbstdarstellung zu haben. Auf Youtube zeigt er seine Technik, Modellautos, wie er Kabel lötet oder mit dem Fallschirm aus Flugzeugen abspringt. Er präsentiert einen Raubvogel, den er in einem Käfig auf seinem Grundstück hält.

Suzanne Eaton ist am 2. Juli in Sportkleidung zum Joggen aufgebrochen, ohne ihr Handy mitzunehmen oder andere persönliche Gegenstände. Wie jeden Tag. Familienangehörige sagen, sie lief immer 30 Minuten. Sie wollte offenbar zum Denkmal, vielleicht noch weiter. Doch am Parkplatz lauert ihr Giannis P. auf.

 Zur Polizei sagt der Tatverdächtige später, dass er in sich Wut befand und sein Leben nicht gut lief. In dem Moment, als er Suzanne Eaton traf, muss er die Entscheidung getroffen haben, ein Sexualverbrechen zu begehen – „um diese eigenartige Wut rauszulassen“. So beschreibt es eine Polizistin am Dienstag in Chania.

Giannis P. war mit seinem über 20 Jahre alten weißen Hyundai unterwegs, als er die Forscherin sah. In seiner Mischung aus Wut und Erregung, so die Ermittler, schritt er zur Tat. Suzanne Eaton hatte keine Chance. 

Giannis P. fuhr sie mit dem Auto an, dann setzte er zurück und fuhr sie noch ein zweites Mal an. Daher rühren wohl die schweren Verletzungen am Körper der Frau, mehrere Rippenbrüche und schwere Handverletzungen.

Der Verdächtige selbst soll der Polizei gesagt haben, dass er sein Opfer nicht gewürgt habe. Wenige Tage zuvor hatte der Rechtsmediziner Antonis Papadomanolakis, der die Leiche obduziert habe, von Spuren am Hals des Opfers gesprochen. Bei der Autopsie waren Spuren gefunden worden, die eine Misshandlung und eine Vergewaltigung nahelegen. Die schweren Rippenverletzungen können mit dafür verantwortlich sein, dass die Biologin erstickt ist.

Nachdem Giannis P. die Forscherin angefahren hatte, legte er die schwer verletzte und bewusstlose Frau nach Angaben der Ermittler in den Kofferraum seines Autos und fuhr sofort zu der Höhle, in der die Forscherin ein paar Tage später am Abend des 8. Juli tot aufgefunden wurde. Für die Ermittler ist das unterirdische Labyrinth in der Nähe des Dorfes Xamoudochori bei Platanias in der Provinz Chania der Tatort Nummer zwei.

Auf dem grasbewachsenen Dach der Höhle hat er sein Opfer vergewaltigt, sagt eine Beamtin am Dienstag in Chania. Dem Geständnis nach soll die Frau dabei bewusstlos gewesen sein. Eineinhalb Stunden blieb der Täter vor Ort, dann warf er die Forscherin durch ein Loch in die Höhle hinab, zitiert die Polizistin aus dem Geständnis. Wanderer sollen die Leiche dort gefunden haben, Dutzende Meter vom Eingang entfernt, nachdem sie Verwesungsgeruch wahrgenommen hatten.

Links oben ist der Ort zu sehen, an dem Eaton von dem mutmaßlichen Täter gesehen und angefahren wurde. Die Höhle, in der sie gefunden wurde, befindet sich nur ein paar Kilometer entfernt.
Links oben ist der Ort zu sehen, an dem Eaton von dem mutmaßlichen Täter gesehen und angefahren wurde. Die Höhle, in der sie gefunden wurde, befindet sich nur ein paar Kilometer entfernt. © Montage: SZ

Als der mutmaßliche Mörder sich gegenüber den Kriminalisten zur Tat äußerte, habe er sich überrascht gezeigt, dass die Leiche schon entdeckt worden war, sagte die Polizistin bei der Pressekonferenz. Er sei demnach davon ausgegangen, dass sein Opfer in dieser Höhle nie gefunden wird. Nach der Tat sei der 27-Jährige von der Höhle weggefahren und habe versucht, auf einem Friedhof sein Auto zu reinigen. An dem Wagen werden die Ermittler später DNA-Spuren des Opfers finden. Giannis P.s Handy war zur Tatzeit in der Funkzelle des Tatorts eingeloggt. Stoffteile seines Sonnenschirms fanden sich an der Leiche.

Reifenspuren im Gras und auf einem Schotterweg, die in Richtung der Höhle führten, waren ein erstes Indiz für die Ermittler. Immer stand die Frage im Raum: Wer kann diese Höhle, dieses Labyrinth in dieser Detailgenauigkeit kennen, das die Wehrmacht während der deutschen Besatzung Kretas im Zweiten Weltkrieg als Munitions- und Waffenlager ausgebaut hatte. Am Ende sind es nur ein paar Verdächtige, die die Polizisten befragen müssen. Irgendwann sitzt Giannis P. vor ihnen.

Giannis P. hat ein Faible für verlassene Orte, für dunkle Höhlen, Bunker und Grotten. Auch ein verlassenes Psychiatriegebäude ist unter den Orten, die er offenbar besonders liebte. Mit seiner Frau und männlichen Freunden wandert er durch Höhlen in der Umgebung. Hier dürfte seine präzise Ortskenntnis herkommen. Beim Verhör sagt Giannis P., dass er noch nie in dieser Gegend gewesen sei. Ermittlungen haben aber ergeben, dass P. vor drei Jahren bereits ein Video von der Höhle gemacht und es im Internet hochgeladen hatte.

Eine weitere Leidenschaft von Gianni P. ist der Kampfsport. Seit 2016 veröffentlicht der 27-Jährige immer wieder Videos, in denen er in bester Filmmanier Steinziegel und Holzplatten mit Händen und Kopf zerschlägt. In einem der Videos trägt P. die traditionelle Kutte der chinesischen Shaolin-Mönche. 

„Mein Traum ist es, ein großer Kampfmönch zu werden“, schreibt P. dazu im Internet. Kung-Fu und Qui Gong lernt der Bauer in einem Ableger der Berliner Kampfsportschule Wudang in Chania, knapp eine halbe Stunde Autofahrt von seinem Haus entfernt. Auch sein Opfer war kampfsportaffin, besaß den schwarzen Gürtel im koreanischen Taekwondo. Geholfen hat ihr das aber offenbar nicht.

Täter mit Frau und Kind im Winter.
Täter mit Frau und Kind im Winter. © Screenshot/Youtube: SZ
Er war begeisterter Hobby-Höhlenforscher.
Er war begeisterter Hobby-Höhlenforscher. © Screenshot/Youtube: SZ
Regelmäßig nahm er seine Familie mit auf seine Erkundungstouren.
Regelmäßig nahm er seine Familie mit auf seine Erkundungstouren. © Screenshot/Youtube: SZ
In seiner Freizeit widmete er sich der Kampfkunst.
In seiner Freizeit widmete er sich der Kampfkunst. © Screenshot/Youtube: SZ
Und inszenierte sich als Shaolin-Mönch.
Und inszenierte sich als Shaolin-Mönch. © Screenshot/Youtube: SZ

Seine Hobbys und Interessen liefern nur einen ersten Eindruck seiner Persönlichkeit. Auf Youtube interessiert sich P. für Ufos, knapp bekleidete Frauen und für Sexpuppen aus Japan. Er mag verrückte Experimente mit Sprengstoff und Waffen, will im Vordergrund stehen und gemocht werden. Das ist der Eindruck, der sich aufdrängt. 

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Der Sohn eines Pfarrers, der Brüder hat, die vielleicht beruflich erfolgreicher sind, ein anderes Leben führen – steht er deshalb unter Druck? Hat er Probleme in seiner Ehe, mit seinen Kindern? Nur das Gerichtsverfahren wird am Ende etwas zur Motivlage des mutmaßlichen Mörders von Suzanne Eaton ans Tageslicht bringen. Seine Nachbarn kennen ihn wohl nur als unscheinbaren Familienvater, Freizeitabenteurer und Hobbyhöhlenforscher. Bis er mutmaßlich zum Verbrecher wurde und einer Familie aus Dresden die Mutter und die Ehefrau nahm.

Mitarbeit: Lena Wilczek

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