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3. Teil Wie Gordon Konflikte lösen kann

Heute in der Serie „Görlitzer Kinder in Not“: Mit einem speziellen Konzept sollen sich Eltern und Kinder besser verstehen.

Von Daniela Pfeiffer

Welche Eltern kennen das nicht: Töchterlein will unbedingt den Puppenwagen mit zum Spaziergang nehmen. Oder der Sohn das Laufrad. Nach 100 Metern ist die Lust aber vergangen und Mama oder Papa sollen schieben. Die stemmen die Hände in die Hüften: „Du wolltest es mitnehmen, also schiebe du auch.“ Das Kind denkt nicht daran, macht im Idealfall eine filmreife Szene vor allen Leuten.

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Wie man aus solchen scheinbar verfahrenen Situationen herauskommt, weiß Sylvia Goller. Sie ist Familienhelferin bei der Diakonie, betreut mit vier Kolleginnen 27 Familien im Landkreis Görlitz. Allein 25 davon in der Stadt Görlitz. Sylvia Goller arbeitet seit einiger Zeit auch mit dem sogenannten Gordon-Prinzip – einem Modell zur Lösung von Konflikten. Und sie hat festgestellt: Es funktioniert gut. Aus der Situation mit Puppenwagen oder Laufrad kämen Eltern ganz leicht heraus, wenn sie mit ihrem Kind auf Augenhöhe reden. Wenn sie einen Kompromiss finden, etwa : „Zehn Minuten toben oder ausruhen sind okay, dann schiebst du deinen Wagen selbst weiter.“ Eltern sollten dem Nachwuchs dabei unbedingt ihre eigenen Befindlichkeiten sagen. Wenn beispielsweise der Rücken schmerzt und sie deshalb den Wagen nicht schieben wollen.

„Seit ich das Gordonprinzip gelernt habe, ist es ein ganz anderes Arbeiten“, sagt Sylvia Goller. Am wichtigsten sei, dass Eltern ihre Kinder bewusster wahrnehmen, dass Konflikte gemeinsam gelöst werden, so dass auch die Kinder mit der Lösung einverstanden sind. Sobald sich Eltern und Kinder auf Augenhöhe begegnen, entstünde eine ganz neue Eltern-Kind-Beziehung. Und das sei in den Familien, mit denen Sylvia Goller arbeitet, wichtig. Es sind durchweg Hartz IV-Familien. „Das Wohl ihrer Kinder ist diesen Eltern schon auch wichtig, aber oft sind sie nicht in der Lage, das allein hinzubekommen.“ Erst dieser Tage hat Sylvia Goller vom Jugendamt wieder den Auftrag bekommen, eine Familie zu unterstützen – ganze 40 Stunden pro Woche. Das umfasst weit mehr als Hilfe bei der Kindererziehung. Behördengänge oder Arztbesuche gehören genauso dazu.

Hin und wieder hilft Sylvia Goller auch in der Wohngruppe für Kinder in Weinhübel aus, die zum Janusz-Korczak-Kinderheim gehört. Hier in der Psychomotorischen Fördergruppe leben zurzeit sieben Kinder in einem ganz normalen Doppelhaus. Ursprünglich waren es mal 16, aber als der Platz zu eng wurde, machte man aus zwei Doppelhaushälften ein großes Ganzes und richtete Sport- und Kreativraum, Entspannungszimmer und Speisezimmer ein. Die Kinder leben hier wie in einer normalen Familie. Sie gehen in die Schule, essen zusammen, machen Hausaufgaben, bereiten das Abendbrot zu, werden mit einer Geschichte zu Bett gebracht. Und doch sind es keine gewöhnliche Familien. Die „Mütter“ sind Betreuerinnen, Therapeuten. Die Kinder kommen aus zerrütteten Verhältnissen, wurden vom Jugendamt hierher gebracht – zu ihrem eigenen Schutz.

Zu Hause haben manche noch nie eine Gute-Nacht-Geschichte gehört oder mit ihren Eltern gesungen. Fernsehen war für viele die Freizeitbeschäftigung schlechthin. Regeln gab es zu Hause so gut wie keine. In der Wohngruppe lernen sie nun, wie eine normale Kindheit geht. Dass Zimmer aufräumen oder Ranzen in Ordnung halten, dazu gehört. Aber auch Ausflüge auf den Spielplatz. Am liebsten würden die Betreuer und Therapeuten die Außenanlage vor dem Haus gestalten, vielleicht mit einem kleinen Klettergerüst oder einem Bassin und einem Trampolin. Dafür könnte Geld aus der SZ-Spendenaktion (siehe Kasten) verwendet werden. Aber auch gleichgewichtsfördernde Materialien wie Rollbrett, Roller, Drehscheibe, Flugschaukel, Schaukeltuch, Gymnastikringe oder Therabänder, Jonglier- und Medizinbälle wären schön für die Kinder hier in Weinhübel.

Sie sind nur auf Zeit hier. Für ihre Familien gibt es gute Prognosen. Es ist noch nicht alles zu spät. Deshalb dürfen die leiblichen Eltern ihre Kinder täglich besuchen, sich wieder als Familie ausprobieren. Nach zwei Jahren sind die meisten so weit, wieder als Familie zusammenleben zu können. Dass das in den meisten Fällen so gut klappt, ist auch Gordon zu verdanken.

Betreuerin Sabine Walter ist begeistert von dem Konzept des US-Psychologen Thomas Gordon. „Ich kannte es schon früher. Dass wir es aktiv anwenden, ist aber neu. Man kann dadurch ganz anders mit einem Kind kommunizieren. Sie fühlen sich als Partner und sind eher zur Zusammenarbeit bereit“, so Sabine Walter. Dass das auch enorm das Selbstbewusstsein eines Kindes stärken kann, hat sie auch schon festgestellt. Sie erzählt von dem Mädchen, das eine Lernbehinderung hatte. Hier, in der Außenstelle des Kinderheimes, hatte sie diese spezielle Art miteinander zu reden und Dinge zu klären, gelernt. „Das hat sie so gut beherrscht, dass sie in der Schule zur Streitschlichterin wurde. Das machte sie stolz und stark“, sagt Sabine Walter. „Und sie hat verstanden, dass sie durch ihre Ich-Botschaften auch ihren Eltern vermitteln konnte, wie sie sich dabei fühlt, wenn Mutter und Vater Alkoholiker sind.“

In der nächsten Folge lesen Sie am Dienstag: Wie sich Theaterpädagogin Anne Swoboda in einer „Brennpunkt“-Kita engagiert.