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Meißen

400 Antifaschisten inhaftiert

In der Stadtbibliothek erinnert ein Heft an den Widerstand gegen die Nazis.

Die Aufnahme zeigt Mitglieder des Reichsbanner-Spielmannzuges Zehren. Nach 1933 wurden alle Arbeitervereine und Organisationen von den Nazis verboten.
Die Aufnahme zeigt Mitglieder des Reichsbanner-Spielmannzuges Zehren. Nach 1933 wurden alle Arbeitervereine und Organisationen von den Nazis verboten. © Repro: SZ

Meißen. In den Wandschränken des alten Lesesaals der Stadtbibliothek gibt es Broschüren, die noch mit einem fotomechanischen Verfahren hergestellt wurden. Was am Ende eher wie mit der Schreibmaschine geschrieben als gedruckt aussieht. Eines dieser Hefte ist die „Chronik des antifaschistischen Widerstandskampfes im Kreis Meissen 1933 – 1945“. Im Jahr 1985 erschienen, wird als Herausgeber die Geschichtskommission bei der Kreisleitung Meißen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands angegeben.

Die Chronik setzt mit Dezember 1932 ein. Vermeldet wird, dass die Kommunistische Partei Maßnahmen ergreift, um in die Illegalität zu gehen. Am 30. Januar 1933 beauftragt Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler mit der Regierungsbildung. „Damit wird der Übergang zur offenen, terroristischen Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals in Deutschland vollzogen.“ Das Zitat folgt der in der DDR üblichen Definition des Faschismus, die vom bulgarischen KP-Führer Georgi Dimitroff geprägt worden war.

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Am 5. März 1933, zur Reichstagswahl, erhalten die SPD 18 804 Stimmen, die KPD 4 549 Stimmen und die NSDAP 27 184 Stimmen in der Amtshauptmannschaft Meißen. Am 9. März 1933 besetzen Meißner SA-Mitglieder das Gewerkschaftshaus und das Gebäude der „Volkszeitung“ und „misshandeln die unbewaffneten Reichsbannerkammeraden und Gewerkschafter. Fritz Meier wird durch Fußtritte so schwer verletzt, daß er einen Nierenschaden davontrug und drei Monate danach verstarb. Er war das erste Opfer des faschistischen Terrors in Meißen.“ Die Chronik berichtet über Verhaftungen und Verurteilungen. „Allein aus dem Kreis Meißen wurden durch die Faschisten über 400 Antifaschisten in Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern eingekerkert, über 40 verloren ihr Leben.“

Bis 1945 kommt der antifaschistische Widerstand aber nicht zum Erliegen. So heißt es in der Chronik unter Juli/August 1940: „Genossen der Widerstandsgruppe Hein/Wawrzyniak beginnen mit der Sabotage der faschistischen Rüstungsproduktion in der Firma Tittelbach in Meißen-Buschbad. In dieser Firma werden Formen für Handgranaten und Artilleriegeschosse hergestellt. So werden durch Genossen Kundrat Schamotteformen durch Wasser und Kohlendreck unbrauchbar gemacht und Genosse Erich Richter baut als Modelltischler Formen bewußt ungenau.“

Am 21. April 1943 wird Kurt Wawrzyniak wegen Hochverrats und Abhörens ausländischer Sender und Verbreitung dieser Nachrichten zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, Kurt Hein zu acht Jahren. Er verstirbt am 31. März 1945 an Tbc im Zuchthaus Waldheim. Kurt Wawrzyniak gehört zu den 21 000 Häftlingen, die sich am 11. April 1945 im KZ Buchenwald selbst befreien. Am 16. April wird Meißen zur Festung erklärt, im April ermordet die SS in Roitzsch, Klappendorf, Dörschnitz und Striegnitz 36 völlig entkräftete KZ-Häftlinge, darunter elf Frauen.

Einhundert der bedeutendsten Bilder der Dresdner Gemäldegalerie werden von der SS aus der Albrechtsburg nach Pockau-Lengenfeld verlagert. Zwei Arbeiter verhindern beim Vorrücken der Roten Armee deren Sprengung. Am 6./7. Mai befreien „sowjetische Streitkräfte das gesamte Kreisgebiet von der faschistischen Tyrannei“.