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Radebeul

Nur ein Frischetuch pro Tag

Zwei Radebeuler sind beim längsten Etappenlauf der Welt gestartet. Selbst das Klopapier war rationiert.

Über 500 Kilometer mitten durchs australische Outback – die abgelegene Gegend ohne Zivilisation – haben Kerstin Kupka und Gunnar Schwan in zehn Tagen zurückgelegt. Nur 18 Starter erreichten überhaupt das Gesamtziel.
Über 500 Kilometer mitten durchs australische Outback – die abgelegene Gegend ohne Zivilisation – haben Kerstin Kupka und Gunnar Schwan in zehn Tagen zurückgelegt. Nur 18 Starter erreichten überhaupt das Gesamtziel. © 2019 Canal Aventure/G. Pielke, D. Lemanski

Radebeul. Kerstin Kupka schreit. Irgendwo im Nirgendwo, mitten im australischen Outback. Ihr Körper will nicht mehr. Jetzt ist es eine Kopfsache, sie muss es schaffen, sich selbst zu motivieren. Weiter laufen. Solche Momente gab es jeden Tag, sagt die Radebeulerin. Aber auch immer wieder aufs Neue atemberaubende Natur, Lachen und das stolze Gefühl am Abend, wieder eine harte Etappe geschafft zu haben.

Im Mai dieses Jahres ist die 52-Jährige zusammen mit ihrem Partner Gunnar Schwan (53) beim längsten Etappenlauf der Welt gestartet. „The Track“ führt 520 Kilometer durchs australische Outback. Tagsüber bei über 30 Grad in der wüstenähnlichen Landschaft, nachts fällt das Thermometer manchmal unter null Grad. Zum Eingewöhnen gibt es am ersten Tag eine 30 Kilometer lange Etappe. Danach müssen die Läufer jeden Tag mindestens eine Marathon-Strecke absolvieren. Die neunte und härteste Etappe dauert über zwei Tage und misst 137 Kilometer.

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Ihre Verpflegung und Schlafmatten mussten die Radebeuler selbst schleppen. Neun Kilo wog jeder Rucksack.
Ihre Verpflegung und Schlafmatten mussten die Radebeuler selbst schleppen. Neun Kilo wog jeder Rucksack. © 2019 Canal Aventure/G. Pielke, D. Lemanski

Während Gunnar die Vorbereitungen ruhig angehen lässt – er hat seit 20 Jahren Erfahrung mit extrem langen Läufen und war auch schon beim Radebeuler Treppenmarathon dabei –, beginnt für Kerstin das Training schon ein halbes Jahr früher. Auch sie ist lauferprobt, aber eine neue Herausforderung ist das Gepäck.

Was den Lauf in Australien so hart macht: Die Starter müssen nicht nur die weite Strecke durchs Outback laufen, sondern dabei auch noch ihr Gepäck selbst tragen. Mit ihrem Trainer Christian Gertel von der Laufszene Sachsen entwickelt sie einen Plan und läuft fortan nur noch mit Rucksack. „Man hat mich gar nicht mehr ohne gesehen.“ Von Woche zu Woche wird das Gewicht gesteigert. Beim Start in Australien muss sie schließlich neun Kilo plus zwei Liter Wasser buckeln.

Um das Gewicht so gering wie möglich zu halten, verzichten Kerstin und Gunnar auf jeglichen Komfort. Wechselsachen, Shampoo oder Duschgel – Fehlanzeige. Das würde zu viel wiegen, und jedes Gramm zählt. Ein Frischetuch pro Tag muss reichen. „Es war alles dreckig“, erzählt Kerstin. „Aber nach ein paar Tagen empfindet man das gar nicht mehr so“, ergänzt Gunnar.

Übernachtet wurde im Zwei-Personen-Zelt. Das Netz über dem Kopf schützte vor den Fliegen.
Übernachtet wurde im Zwei-Personen-Zelt. Das Netz über dem Kopf schützte vor den Fliegen. © 2019 Canal Aventure/G. Pielke, D. Lemanski

Selbst das Toilettenpapier ist blattgenau abgezählt. Den Stiel der Zahnbürste brechen die Radebeuler vorher ab, um das Gewicht einzusparen. Kerstin hat auch die Isomatte exakt auf ihre Körpergröße eingekürzt. Sonnencreme, eine kleine Tube Zahnpasta und ein winziger Kamm gehören zum Gepäck.

Außerdem natürlich Essen. 2 000 Kilokalorien muss jeder pro Tag zu sich nehmen, schreibt der Veranstalter aus Sicherheitsgründen vor. Damit auch der Proviant möglichst wenig wiegt, besteht er in erster Linie aus Pülverchen und Tütennahrung. Nur Wasser und ein Zelt, in dem beide nachts gemeinsam schlafen, wird vom Veranstalter bereitgestellt.

Tagsüber läuft jeder für sich im eigenen Tempo, abends trifft sich das Paar in den Camps wieder. Eine Sache beeindruckt sie ganz besonders: „Der Sternenhimmel ist absolut traumhaft“, sagt Gunnar. Da könne man ewig einfach nur da stehen und nach oben gucken. „Ich hatte jede Nacht Tränen in den Augen“, erzählt Kerstin.

Doch bevor sie das Naturschauspiel genießen können, heißt es erst mal noch arbeiten und Feuer machen für das Abendessen. Auch die Blasen an den Füßen müssen verarztet werden. Die beiden haben aber einen Trick, um sich so wenig wie möglich wund zu scheuern: Jeden Morgen vor dem Start werden die Füße mit einer dicken Schicht Melkfett eingeschmiert.

Warum tut man sich das an? So richtig können das die beiden auch nicht in Worte fassen. Einfach weil es so ein gutes Gefühl ist, so etwas zu machen und ein Gebiet zu durchlaufen, wo man normalerweise nicht einmal hinkommt, sagen sie. Und wenn der Körper gar nicht mehr wollte, hat Kerstin ein bestimmtes Lied gehört, um sich wieder zu motivieren. „Alles, was du willst, von Roland Kaiser“, erzählt sie lachend.

Nach den letzten 80 Kilometern auf dem Highway laufen die beiden gemeinsam, Hand in Hand ins Ziel. Dort angekommen, kramt Gunnar noch etwas von ganz unten aus seinem Rucksack: Die Dynamo-Dresden-Flagge darf fürs Foto nicht fehlen. Das hatte er seinen Kumpels versprochen.

Von 38 Startern aus der ganzen Welt schaffen 18 das Gesamtziel, darunter die beiden Radebeuler. Lange ausruhen werden sie sich auf dem Erfolg aber nicht. Anfang September steht der nächste Extremlauf an. Dann will das Paar beim Transalpine Run in acht Etappen die Alpen überqueren.

Obwohl jedes Gramm zählte: Die Dynamo-Flagge hatte Gunnar dabei und trug sie stolz ins Ziel. 
Obwohl jedes Gramm zählte: Die Dynamo-Flagge hatte Gunnar dabei und trug sie stolz ins Ziel.  © privat

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