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51 Jahre Nachbarn auf der Augsburger Straße

Ein Block, vier Etagen, fünf Eingänge und selbst gepflanzte Mammutbäume: Auf der Augsburger Straße 18 – 26 kennen sich die meisten Mieter seit 1962.

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Von Kay Haufe

Bei minus fünf Grad wird das Foto vor der Augsburger Straße 20 zur Kraftprobe. Einige Protagonisten haben Gehhilfen, können nicht lange stehen. Andere müssen sich erst eine Fußbank besorgen, um aus dem Fenster im Hausflur zu schauen. Nach zehn Minuten haben es die Bewohner endlich geschafft. „Mensch, da wohnen wir jetzt schon 51 Jahre hier zusammen, aber so ein Bild hat noch keiner gemacht“, sagt Peter Möbius lachend.

Dafür erinnert sich der 78-Jährige an viele andere Fotos, die seit dem 15. Januar 1962 entstanden sind, als die ersten Mieter im Block Augsburger 18 bis 26 einzogen. „Allein in unserem Eingang gab es 13 Kinder, in den anderen ähnlich viele. Da war auf dem Spielplatz hinterm Haus immer Betrieb“, sagt Möbius. Seine Frau Renate hat sich mit den anderen Müttern im Haus abgesprochen, wer den Waschkessel im Keller benutzen durfte. „Es war klar, dass diejenige im Winter dann auch die Wäsche auf den Boden hängen konnte“, erklärt die 75-Jährige das System. Viele der ersten Bewohner haben damals in der Medizinischen Akademie gearbeitet, deren Genossenschaft das Haus bauen ließ. „Aber wir mussten auch Pflichtstunden leisten, haben Ziegel raufgeschleppt und selbst mitgemauert“, sagt Möbius. Die Dreiraum-Wohnung mit Balkon empfanden er, seine Frau und die drei Töchter nie als zu klein, obwohl sie nur 63 Quadratmeter groß ist.

„Die Töchter haben sich in ihrem Zimmer arrangiert und waren im Sommer ja ohnehin viel draußen“, sagt Möbius. Dort haben sie gemeinsame Sportfeste organisiert, weil die Möbius-Mädels alle sehr sportlich waren. „Sommerfeste haben wir sowieso jedes Jahr gefeiert, und ganz spontan ergab sich immer eine Party“, erinnert sich Charlotte Arnold. Besonders schön war, dass sie eigentlich jedes Wochenende mit ihrem Mann hätte ausgehen können. „Wir waren alle etwa im selben Alter und immer bereit, auf die Kinder der anderen aufzupassen. Die Mädchen und Jungen sind gemeinsam groß geworden“, sagt die 81-Jährige. Richtig komisch sei es gewesen, als die Kinder dann langsam auszogen, zum Studium gingen oder ganz weg aus Dresden. „Ja, da war es plötzlich ruhiger bei uns“, sagt Renate Möbius.

Empfang mit Marmelade

Doch mittlerweile sind wieder junge Leute auf der Augsburger 18 – 26 eingezogen. 2000 kamen Jens und Erika Seidel mit ihrer Tochter Sarah dazu. „Wir sind mit Blumen und Marmelade empfangen worden“, erinnert sich die aus dem Allgäu stammende Erika. „Das fand ich toll.“ Sofort habe sich Kontakt ergeben. Jens Seidel war in Striesen großgeworden und wollte schon lange aus Gorbitz zurück in seinen Stadtteil. „Die Wohnung hier zu bekommen, war wie ein Sechser im Lotto für uns“, sagt der 48-Jährige. Petra und Lutz Wehnert kamen 2009 dazu. „Ich habe von hier einen kurzen Arbeitsweg zur Uniklinik und setze ja auch die Tradition der ersten Bewohner fort, die alle irgendwie mit der Medizin verbunden waren“, sagt Petra Wehnert. Seit vielen Jahren gehört der Wohnblock nun schon zur Wohnungsgenossenschaft Johannstadt (WGJ). Die habe ihn auch modernisiert. „Das hat damals super funktioniert und war richtig gut organisiert“, sagt Peter Möbius. „Noch nie hatten wir Leerstand in unserem Haus.“

Seit einigen Jahren kümmern sich die Bewohner abwechselnd um eine 95-jährige Mieterin, die nicht mehr gut sehen kann und deshalb kaum noch vor die Tür geht. „Aber sie ist noch gesund und fühlt sich wohl in ihrer Wohnung“, sagt Brigitte Häbold, die ebenfalls im Block auf der Augsburger wohnt. Jeden Tag müsse sich die 95-Jährige telefonisch bei einem ihrer Nachbarn melden, bekommt frische Brötchen und Lebensmittel mitgebracht. Auch leere Flaschen und Papier entsorgen die anderen für sie. „So etwas ist für uns so selbstverständlich, wie den Schlüssel des Nachbarn für Notfälle zu haben oder das Blumengießen während des Urlaubs“, sagt Häbold.

Gemeinsam beobachten die Mieter auch seit 25 Jahren, wie ein amerikanischer Mammutbaum an einer Hausseite größer wird. „Ein ehemaliger Gärtner aus dem Schloss Pillnitz, der im Block gegenüber wohnte, hat ihn damals gepflanzt“, sagt Peter Möbius. Der Baum sei einer von sehr wenigen seiner Art in Dresden. Inzwischen hat er schon fast die Höhe des Hauses erreicht .