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Einmarsch in Dresdens Trümmerwüste

Am 8. Mai 1945 wurde die NS-Hochburg Dresden als letzte deutsche Großstadt besetzt. Auch dabei starben noch viele Menschen.

Truppen der Roten Armee rollen über das „Blaue Wunder“ in Dresden ein; Szene aus einem sowjetischen Dokumentarfilm.
Truppen der Roten Armee rollen über das „Blaue Wunder“ in Dresden ein; Szene aus einem sowjetischen Dokumentarfilm. © SLUB Dresden / Deutsche Fotothek / Christian Borch

Am 30. April entzog sich der Hauptverantwortliche für den Zweiten Weltkrieg seiner Verantwortung: Adolf Hitler beging in Berlin Selbstmord. Diesen Todesumstand konnte die Propaganda natürlich nicht einräumen. So wurde verlautbart, „dass unser Führer Adolf Hitler heute nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzug gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen ist“. Zahllose Deutsche folgten diesem erlogenen „Vorbild“ weiter, trotz oder gerade wegen der immer offenkundigeren Aussichtslosigkeit: Zwei Tage später war die seit Wochen umkämpfte Reichshauptstadt erobert. Weitere vier Tage darauf, am 6. Mai, starteten die Truppen Marschall Konjews von Norden ihre Offensive in Richtung Dresden und Prag.

Die Sächsische Metropole war seit den Luftangriffen vom 13. und 14. Februar ein Ort, der mit dem, was noch bis Anfang des Jahres an diesem Abschnitt der Elbe zwischen Sächsischer Schweiz und Meißen gelegen hatte, kaum noch Ähnlichkeit besaß. Im Zentrum und in der ebenfalls sehr stark zerstörten Johannstadt, wo vor dem Krieg insgesamt 110.000 Einwohner gelebt hatten, hausten nun noch etwa 1.000 Menschen. 

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Erich Kästner beschrieb seine Heimatstadt so: „Man geht hindurch, als liefe man im Traum durch Sodom und Gomorrha. Durch den Traum fahren mitunter klingelnde Straßenbahnen. In dieser Steinwüste hat kein Mensch etwas zu suchen, er muss sie höchstens durchqueren. Von einem Ufer des Lebens zum anderen. Vom Nürnberger Platz weit hinter dem Hauptbahnhof bis zum Albertplatz in der Neustadt steht kein Haus mehr. Das ist ein Fußmarsch von etwa vierzig Minuten. Rechtwinklig zu dieser Strecke, parallel zur Elbe, dauert die Wüstenwanderung fast das Doppelte. Fünfzehn Quadratkilometer Stadt sind abgemäht und fortgeweht ...“

Vollständige Besetzung binnen 24 Stunden

Einen Tag nach Beginn der Konjew-Offensive, am 7. Mai, befahl Feldmarschall Schörner der „Festung Dresden“, die Stadt nicht zu verteidigen. Die Garnison sollte sich stattdessen als „Kampfgruppe Gilsa“ nach Süden absetzen, ins Erzgebirge. Ihr fast auf dem Fuße folgend nahm das 4. Gardepanzerkorps der Roten Armee über die nördlichen und östlichen Einfallstraßen von der letzten deutschen Großstadt Besitz. Auch hier kam es noch zu heftigen Gefechten zwischen sowjetischen Truppen und versprengten deutschen Verbänden.

Das war typisch für die letzten Kriegswochen in Sachsen: Anders als im Westen, wo die Amerikaner vielerorts nur auf wenig oder gar keinen Widerstand trafen, kämpften die Deutschen im Osten teils überaus verbissen gegen die Sowjets. Das lag nicht zuletzt an der „Russenangst“, die von der NS-Propaganda gezielt geschürt worden war, um den Kampfeswillen der Soldaten anzustacheln. Über 200 Tote soll der Kampf um Straßenzüge und Häuser allein in den Reihen der Roten Armee in Dresden gefordert haben.

Binnen 24 Stunden war die Stadt vollständig besetzt. Es war der 8. Mai 1945, der Tag der deutschen Kapitulation. Das Sowjetische Oberkommando gab bekannt: „Die Kämpfer der 1. Ukrainischen Front haben nach zweitägigen schweren Kämpfen den Widerstand des Feindes gebrochen und heute ... die Stadt Dresden genommen, einen mächtigen Verteidigungsknoten der Faschisten in Sachsen.“ Noch in der Nacht zuvor war in der Stadt die letzte Zeitung des „Dritten Reiches“ hergestellt worden, die Nummer 105 des „Freiheitskampf“. Ein Exemplar davon liegt im Dresdner Stadtarchiv. Auf dessen Rand ist korrekt mit Bleistift vermerkt: „Diese Nummer ist nicht ausgeliefert worden. 8. Mai 1945!“ Am Tag des Waffenstillstands wurde den Truppen des Generals Shadow auf dem Roten Platz in Moskau Salut geschossen – zum Dank für die Einnahme Dresdens.

Schnell Erleichterung, langsam Reue

Ein paar Wochen später wurde Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann verhaftet, der sich kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee aus Dresden abgesetzt und im Erzgebirge versteckt hatte. Die Sowjets brachten Hitlers Ex-Statthalter nach Moskau, verhörten ihn und richteten Mutschmann 1947 als Kriegsverbrecher hin.

Auch unter den Dresdnern herrschten Schmerz, Trauer und Wut. Nicht nur die immer noch glühenden Nationalsozialisten, die hier eine Hochburg gehabt hatten, empfanden die Niederlage nicht als Befreiung. Sondern als Schmach und den Untergang dessen, an was sie so lange geglaubt hatten, als auch persönliche Katastrophe. 

Doch unter das Gefühlswirrwarr der meisten Einwohner mischte sich auch eine große Erleichterung: „Es war endlich vorbei“, erinnerte sich noch Jahrzehnte später etwa Margit Fischer, die damals neunzehn war. „Der Krieg war aus, wir mussten keine Angst vor weiteren Luftalarmen und neuen Bomben und neuen Zerstörungen mehr haben, vor allem keine Angst um unser Leben. Und außerdem musste das Leben ja weitergehen. Wir mussten unsere Stadt doch wiederaufbauen. Aber keiner in Dresden hat damals daran geglaubt, dass das überhaupt möglich sein würde.“ Es dauerte, bis sich zu den Empfindungen der Menschen auch Scham und Reue gesellten.

Mythos von der „unschuldigen Stadt“

Endlich vorbei – auf die Hitler-Tyrannei, den Massenmord, den Holocaust, auf die Kämpfe zur See, zu Lande und in der Luft traf das zu. Doch der Krieg und die Zerstörung der Stadt, sie lebten weiter, nicht allein in der Erinnerung der Menschen. Auch in der Politik und im offiziellen Gedenken an die Luftangriffe und das Kriegsende in der Trümmerwüste führen sie seither ein wechselvolles Eigenleben. Die Geschichte dieses Eigenlebens erzählt von aufrichtigem Erinnern, von Versöhnung zwischen ehemaligen Gegnern und vom ehrlichen Versuch, das Schicksal Dresdens als Warnung vor Kriegen und Mahnung zum Frieden zu verstehen und zu nutzen. Aber auch von zahllosen Legenden wie jener von der „unschuldigen Stadt“, von verfälschenden Darstellungen und einem fragwürdigen Opfer-Mythos, die sich um die Ereignisse gebildet haben.

Ob Dresdens Zerstörung „sinnlos“ war, wie bis heute vielfach behauptet, darüber wird teils immer noch gestritten. Insofern mutet es schon paradox an, dass zugleich überhaupt kein Dissens herrscht in der wichtigsten, der zentralen Frage: Es war völlig sinnlos, dass die Deutschen bis zum 8. Mai 1945 weitergekämpft haben.

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