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9. November: Ein deutscher Schicksalstag

Vom Ende der Monarchie bis zum Ende der DDR: Ein Tag, der mit Wucht und Wahn die deutsche Geschichte beschreibt. Aber wo bleiben die Frauen an diesem Datum?

© plainpicture/Rolau

Von Dagmar Just

Klingt es nicht etwas schwülstig oder nach „Feuerzangenbowle“, das Wort vom deutschen Schicksalstag? Zudem wurde es lange auch für Ereignisse wie Bismarcks Geburtstag, Hitlers Erhebung zum deutschen Reichskanzler und den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 gebraucht. Doch seit der Bundespräsident seine Rede zum 9. November 2018 mit dem Satz begann: „Der 9. November ist der deutsche Schicksalstag“, seitdem steht fest: Von nun an ist das unser nationales Erinnerungsdatum. 

Und es stimmt ja auch: An neunten Novembern passiert Geschichte wie an anderen Tagen Alltag. Angefangen 1799 mit Napoleons Staatsstreich. Kaum von seinem Ägyptenfeldzug zurück, inszeniert der junge General diesen Putsch: stellt mithilfe seines Bruders und des Militärs das Parlament kalt, setzt das Revolutionsdirektorium ab und erzwingt seine Wahl zum ersten Konsul. Danach erklärt er die Revolution per Verfassung für beendet.

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Am gleichen 9. November wird 1848 der rheinische Politiker Robert Blum in Wien offiziell gegen alle Regeln der Diplomatie erschossen. Anfang Oktober hatte ihn die Frankfurter Nationalversammlung zum Leiter einer Delegation bestimmt, die den Aufständischen der Wiener Oktoberrevolution moralisch den Rücken stärken sollte. 

Ende Oktober wechselt er dort vom Rednerpult auf die Barrikaden. Am 4. November erobern Kaiserliche Truppen die Hauptstadt zurück. Blum wird verhaftet, am 8. November im Schnellverfahren verurteilt und am 9. hingerichtet – seiner politischen Immunität und den Protesten des Sächsischen Ministers zum Trotz. Mit der Wahl des Tags von Napoleons Staatsstreich setze „die österreichische Regierung das Zeichen für den Beginn der bonapartistischen Phase der Fürstenherrschaft in Europa“, sagen Historiker.

Das dritte 9. November

1918: Der Erste Weltkrieg liegt in den letzten Zügen, es gärt deutschlandweit. In München flüchtet schon am 7. November nach einer Massenkundgebung der bayerische König, und am Morgen danach wird der Freistaat Bayern erklärt. Aus Dresden meldet am 9. November ein „Bericht des Ministeriums des Inneren an die Königlich Sächsische Gesandtschaft“: 

„Gestern abend in Dresden Unruhe von Massen meuternder Soldaten. Hauptwache, Generalkommando, Schützenkaserne, Hauptbahnhof besetzt. Arbeiter- und Soldatenräte gegründet … Unruhen dauerten bis 4 Uhr früh … Blut ist nicht geflossen, da Seine Majestät der König Waffenanwendung untersagte.“

Noch am gleichen Abend setzt sich der sächsische König ab. Am 10. erfährt er auf Schloss Guteborn bei Ruhland die Ausrufung des „Freistaats Sachsen“, am 13. dankt er ab – vier Tage nach dem deutschen Kaiser und der Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht in der Reichshauptstadt.

Nur drei Jahre später. Wieder am 9. November gründet ein junger Journalist namens Benito Mussolini in Rom die Faschistische Partei. Im Jahr darauf folgt sein Putsch auf Italienisch: der „Marsch auf Rom“. Danach übernimmt auch er, wie einst Napoleon, die Regierung. Wieder ein Jahr später versucht am gleichen 9. November der politische Shootingstar aus dem österreichischen Braunau, Adolf Hitler, den Coup zu kopieren. Doch statt, wie er plant, die deutsche Republik an ihrem fünften Geburtstag zu stürzen, endet sein Marsch schon an der Feldherrenhalle in München. Zwei Jahre sitzt er in Schutzhaft, dann beginnt er, seine Niederlage propagandistisch umzubiegen: Erklärt den 9. November zuerst zum Gedenktag für die 16 Opfer seines „Marschs“, später gar zum „Feiertag für die Bewegung“.

Der barbarischste 9. November

1938 folgt der barbarischste 9. November der Deutschen. Am frühen Abend stirbt in Paris Ernst von Rath, Sekretär der deutschen Botschaft, an den Folgen eines Attentats. Zwei Tage zuvor hatte der 17-jährige Herschel Grynszpan fünf Kugeln auf ihn abgefeuert. Ob es eine Beziehungstat oder ein Racheakt für die Zwangsdeportation seiner polnischen Verwandten aus Deutschland war, ist umstritten. Fakt ist aber, dass Hitler gleich, nachdem er die Todesnachricht im Münchener Rathaus bei einem Essen mit „alten Kämpfern“ zum 15. Jahrestag des Putschs erhielt, mit Goebbels beriet, wie man den Fall demagogisch ausschlachte.

Bereits um 22 Uhr informierte Goebbels die Gauleiter und SA-Führer darüber, dass es nach dem „feigen Mord an Ernst von Rath“ angeblich zu „spontanen judenfeindliche Vergeltungsaktionen“ im ganzen Reich gekommen sei. Die Funktionäre telefonierten daraufhin mit ihren Dienststellen und wiesen die an, noch in der Nacht jüdische Geschäfte und Wohnungen zu demolieren, 20- bis 30.000 Juden zu internieren und an die zerstörten Synagogen Schilder mit der Aufschrift „Rache für Mord an von Rath. Tod dem internationalen Judentum“ zu hängen.

Kein Zweifel: Unter allen neunten Novembern der letzten 200 Jahre war dies der traurigste. Umso wunderbarer, dass es fünfzig Jahre später dann doch noch diesen einen glücklichen 9. November gab – wo ein kleiner Zettel, zwei unscheinbare Worte und ein paar Tausend Füße die gefährlichste Grenze der Welt überwanden und ohne einen Tropfen Blut zu vergießen die Weltgeschichte für einen kurzen Moment irritiert haben.

Damit endet das Portfolio dieses Tags. Jedenfalls in den meisten Texten und Reden, die mit dem Happy End von 1989 und dem Hinweis schließen, dass dieser Tag wie kein anderer Wucht und Wahn der deutschen Geschichte beschwöre. Das ist wohl wahr, wie gesagt – aber nicht auch etwas nostalgisch? Eine Spur zu viel deutscher Nabelschau?

Der nächste 9. November

Könnte im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung nicht beispielsweise Donald Trump erklären, dass Amerika in der Sache durchaus auch mitzureden habe, denn schließlich schreibe man seinen Schicksalstag des 11. September in aller Welt genauso wie die Deutschen ihren: 9/11. Wiederum würde Trump vermutlich gar nicht auffallen, wie gründlich das hinter der deutschen Wucht-und-Wahn-Geschichte des 9. November stehende Geschichtsbild von alten weißen Männern für alte weiße Männer geprägt ist. Denn wo zum Beispiel bleiben dort die Frauen?

Vorschlag: Am nächsten 9. November könnte Mann statt der üblichen Geschichtslektion einmal die Lebensgeschichte von Eva Hedwig Kiesler alias Hedy Lamarr erzählen. Denn A) ist sie eine Frau. B) hat sie die großen Helden des „deutschen Schicksalstags“ alle überlebt und wurde zur Ikone der digitalen Community, der queeren Szene und der Technik- und Film-Welt. Und C) ist ihre Biografie auf ganz eigene Weise mit dem „deutschen Schicksalstag“ verknüpft.

Zum einen, weil sie am 9. November 1914 geboren ist. Zum anderen, weil sie als österreichische Jüdin nach 1933 an ihren frühen Kino-Welterfolg als eine Art früher „Lady Chatterley“ im Skandalfilm „Ekstase“ nicht mehr anknüpfen durfte und 1937 ins amerikanische Exil ging. Dann, weil sie auf dem Höhepunkt ihrer zweiten Karriere als eine von Hollywoods großen „Leinwandgöttinnen“ im Winter 1940 mit dem Komponisten George Antheil eine Methode zur Fernsteuerung von Torpedos erfand, die zur Niederlage des Dritten Reichs beitragen sollte und heute als Vorläufer des Mobilfunks und der Bluetooth -Technik gefeiert wird.

Und schließlich wäre da auch noch der erste ihrer sechs Ehemänner, Österreichs damals größter Waffenhändler Fritz Mandl, dessen Firma übrigens bis heute existiert und dank ihrer modernisierten Produktpalette auch mit deutschen Firmen für Umwelttechnologie kooperiert. In seinem Salon gaben sich politische Prominente vom Schlag Mussolinis und Schuschniggs mit Künstlern wie Franz Werfel und Ödön von Horvath die Klinke in die Hand. Als „Patronenkönig“ sponserte er den Aufstieg des Austrofaschismus wie der Spanischen Republik, die Präsidentschaftswahl von Juan Peron wie die sogenannte Rattenlinie, auf der SS-Offiziere nach Kriegsende in Argentinien untertauchten.

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Hedy Lamarr verließ ihn nach vier Jahren und machte seine Gespräche mit Nazichargen wie Waldemar Papst öffentlich, der sich mit den Morden an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg brüstete. „Brain and beauty“ ist die Formel, unter der Hedy Lamarr firmiert, Verstand und Schönheit. Das Magazin Playboy hat sie unter die „100 sexiest people of the 20th century“ gewählt. Zugleich verlieh ihr die Electronic Frontier Foundation den Technik-Oscar. Sie hat einen Stern auf dem „Hollywood Walk of Fame“, und nach ihrem Tod nahm man sie sogar noch in die „Nationale Ruhmeshalle der Erfinder“ auf. Ein Asteroid und eine Straße heißen nach ihr. Und ihr zu Ehren begeht Europa jenseits der offiziellen Festreden den 9. November längst als „Tag der Erfinder“.

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