merken
PLUS

90 Flüchtlingskinder dürfen nicht zur Schule

Die Kinder aus der Hamburger und Bremer Straße in Dresden bekommen keinen Unterricht, da für sie keine Schulpflicht gilt.

© dpa

Von Julia Vollmer

Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

Sechs Monate oder mehr – so lange gehen manche Kinder, die in den Dresdner Erstaufnahme-einrichtungen leben, schon nicht zur Schule. Denn für sie gilt keine Schulpflicht. Diese setze erst mit der Verteilung auf die Landkreise und kreisfreien Städte ein. Sie gelte dann für jedes Kind unabhängig vom Aufenthaltstitel, betont das Kultusministerium.

Wie viele Kinder sind davon betroffen?

Derzeit sind in der Erstaufnahmeeinrichtung Hamburger Straße 125 Kinder untergebracht, davon ungefähr 70 im Alter von sechs bis 18 Jahren. In der Bremer Straße leben 41 Kinder, davon rund 20 im schulpflichtigen Alter. Laut der Antwort vom Oktober auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Juliane Nagel bleibt auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes untergebracht werden, hoch. Fast 400 Kinder und Jugendliche leben dort, davon sind zwei Drittel unter zehn Jahre alt. Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen, konkret 102, halten sich länger als drei Monate in den Erstaufnahmeeinrichtungen auf. Im Mai 2018 waren es mit 58 halb so viele.

Ist das in anderen Bundesländern auch so organisiert?

In vielen Bundesländern gilt die Schulpflicht auch für Kinder in den Erstaufnahmeeinrichtungen. In Bayern gilt sie für alle Kinder, so Sprecherin Kathrin Ann Gallitz aus dem bayerischen Kultusministerium. Für die Flüchtlingskinder seien Deutschklassen eingerichtet. Auch in Baden-Württemberg dürfen solche Kinder die Schule besuchen. „Das Recht zum Besuch einer Schule besteht von Anfang an“, so Carsten Dehner, Sprecher des dortigen Innenministeriums. Meist werden sie an Schulen in Vorbereitungsklassen oder an beruflichen Schulen unterrichtet.

Gibt es Pläne für einen Schulbesuch der Kinder in Sachsen?

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Chemnitz wurde ein Modellprojekt für eine Beschulung getestet. Dieses ist seit Ende September beendet. Nun wird es ausgewertet, so das Kultusministerium. Unklar ist, wann die Ergebnisse vorliegen. Auch, ob das Projekt dann auf Dresden ausgeweitet wird, können derzeit weder das Kultusministerium noch die Landesdirektion sagen.

Wie lief das Modellprojekt konkret ab?

Bis zum 30. September lief das Pilotprojekt in zwei Chemnitzer Erstaufnahmeeinrichtungen. Zunächst wurden bei jedem Kind die Deutschkenntnisse überprüft, so Innenministeriumssprecherin Patricia Vernhold. Es gab eine Grund-, Aufbau- und Vertiefungsstufe, die in Verbindung mit der deutschen Sprache unterrichtet wurden, sodass die Lehrer vorrangig Schwerpunkte bei Sprachvermittlung und Spracherwerb setzten. Unterrichtet wurden Deutsch, Mathematik, Englisch sowie Bewegung und Kunst. Während der Pilotphase gab es mehrere Klassen nebeneinander mit einer durchschnittlichen Größe von 10 bis 15 Kindern. Wie viele Kinder insgesamt teilnahmen, kann das Ministerium allerdings nicht sagen.

Wie reagieren Politik und Organisationen?

Die Erstaufnahmeeinrichtungen sind Landessache. Allerdings setzt sich der Dresdner Jugendamtsleiter Claus Lippmann dafür ein, dass die Kinder so schnell wie möglich die Schule besuchen dürfen. Das sei sehr wichtig für deren Entwicklung und für die Integration. Je schneller sie unterrichtet werden, umso höher ist ihre Chance, einen Bildungsabschluss zu erreichen, der die Voraussetzung für ein eigenständiges Leben ist, betont Lippmann. Auch Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) will einen schnellen Schulbesuch. „Wir sehen dieses Projekt als ein Gutes zur Beschäftigung während des Aufenthalts in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Es ersetzt aber keinesfalls den regulären Schulbesuch.“ Um eine Regelung zu finden, suche man das Gespräch mit den Ministerien. Der Flüchtlingsrat fordert: „Lasst die Kinder in die Schulen gehen!“ Testphasen seien nicht nötig. Eine Reaktion der Ministerien auf einen offenen Brief von Flüchtlings- und Ausländerrat gab es bisher nicht.