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„Ab und an muss ich mich zurückhalten“

Nur eine kleine Schwellung lässt noch ahnen, dass ihm vor Kurzem die Nase gebrochen wurde. Durch einen Tritt. Im Halbfinale der Deutschen Kickbox--Meisterschaften in Hamburg hatte es Marcel Quietzsch erwischt.

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Von Stephan Klingbeil

Nur eine kleine Schwellung lässt noch ahnen, dass ihm vor Kurzem die Nase gebrochen wurde. Durch einen Tritt. Im Halbfinale der Deutschen Kickbox--Meisterschaften in Hamburg hatte es Marcel Quietzsch erwischt. Die Ferse seiner Gegners, des späteren Champions, landete direkt in seinem Gesicht. Aus der Traum vom Titel. Auf einmal war alles schwarz. An die Minuten nach dem Knock-out kann sich der Freitaler nicht erinnern. Ebenso wenig an den Namen des Gegners. Viktor Fröhlich, verrät die Siegerliste. Aus Niedersachsen.

„Solche Verletzungen passieren“, sagt Quietzsch. „So ist der Sport, man muss im Ring damit rechnen.“ Selbst wenn die Oma es nicht verstehen könne, wenn er „zerschossen zu Besuch kommt“. Freunde und Familie finden es gut, dass er so erfolgreich ist, sagt Quietzsch. Sein Arbeitgeber habe ebenso Verständnis, wenn der Kfz-Mechaniker im VW-Zentrum Dresden mit blauem Auge zur Schicht antritt.

Verzicht auf Meisterschaft

Platz drei bei seiner ersten Teilnahme am nationalen Kickbox-Wettstreit ist nicht schlecht. Doch im nächsten Jahr soll es für den aktuellen Sächsischen Landesmeister besser laufen: „Dann will ich Deutscher Meister werden.“ Schon 2009 hätte er an den Deutschen Meisterschaften teilnehmen können. „Aber ich habe mich nicht fit genug gefühlt und wollte nicht als Kanonenfutter enden“, erklärt der 24-Jährige seinen Verzicht auf die Titelkämpfe trotz Qualifikation.

Quietzsch tritt im Ring an, um zu gewinnen. Dafür bearbeitet er mehrmals in der Woche die 20-Kilogramm-Sandsäcke. Abends in Dresden mit seinen Kickbox-Kumpels oder vormittags zum Boxtraining in der Sauberg-Turnhalle. Je nach Schicht. „Kickboxen ist mein Leben, es motiviert mich unheimlich und man kann Aggressionen abbauen“, so der Freitaler. „Das ist wie eine Sucht, ab und an muss ich mich zurückhalten.“

Er wirkt entspannt. Ausgeglichen. Vielleicht liegt es daran, dass er oft als Türsteher gearbeitet hat. Vor dem Dresdner Club Terminal musste er ab und an manch derben Spruch über sich ergehen lassen. Das härtet ab. Manche Gäste wollten auch die Fäuste schwingen. „Es gibt immer Verrückte, die ihre Kräfte nicht unter Kontrolle haben“, sagt er. Das lasse ihn kalt.

Vor Kickboxen viel ausprobiert

Möglich, dass Quietzsch aber auch so locker daherkommt, weil er nach seinem Nasenbeinbruch jetzt wieder mit dem Boxen angefangen hat. „Ich hatte mir eine Pause verordnet“, sagt er. Damit die Nase heilt. Auf Boxen habe er verzichtet. „Trainieren musste ich aber trotzdem“, betont der 81-Kilo-Mann, der auf Laufen oder Fahrradfahren umstieg. Denn treibt er keinen Sport, werde er ganz hibbelig.

Karate, Fußball, Boxen: Seine Eltern hätten ihn früher viele Sportarten ausprobieren lassen. Und an ihm gehe sicher ein sehr guter Boxer verloren. Denn ohne große Vorbereitung habe sich Quietzsch Platz zwei bei den sächsischen Titelkämpfen erkämpft. Er ist ein Aushängeschild für den Hainsberger SV. Doch Kickboxen, das er vor fünf Jahren für sich entdeckt hat, ist seine große Leidenschaft.

„Irgendwann muss man sich entscheiden“, erklärt Quietzsch, nachdem er beim Box-Sparring aus Versehen schon einmal zum Tritt angesetzt habe. „Kickboxen ist schwerer, weil man mit Fäusten und Beinen kämpft und noch mehr auf die Koordination achten muss.“

Für den Heimatverein engagiert er sich noch immer. Sonnabends betreut er zwischen 14 und 16 Uhr Jugendliche beim Fitnessboxen. Meist kämen junge Männer zum Training, Mädchen eher selten. Ob sein dreijähriger Sohn später auch boxen wolle, weiß Quietzsch nicht. „Wenn er will, kann er das tun“, so der Kickboxer. „Aber ich denke, er fängt erst einmal mit Fußball an.“