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Extreme Abenteuer an der Elbe

Die Dresdner Filmnächte zeigen, wie mit „Stalins letzter Rache“ ein Trip von Halle nach New York gelingt. Und auch Reinhold Messner kommt zu seinen Sachsen.

Dieser Konvoi erregte Aufmerksamkeit auf 40.000 Kilometern von Halle an der Saale nach New York. Die Künstlergruppe mit Johannes Fötsch, Efy Zeniou, Anne Knödler, Kaupo Holmberg und Elisabeth Oertel (von links) brauchte zweieinhalb Jahre.
Dieser Konvoi erregte Aufmerksamkeit auf 40.000 Kilometern von Halle an der Saale nach New York. Die Künstlergruppe mit Johannes Fötsch, Efy Zeniou, Anne Knödler, Kaupo Holmberg und Elisabeth Oertel (von links) brauchte zweieinhalb Jahre. © Leavinghomefunktion

Dresden. Abenteuer wandeln sich in Corona-Zeiten. All die Reisewarnungen und Sicherheitshinweise dämpfen die Lust auf waghalsige Unternehmungen oder stoppen sie. Aber bei den Dresdner Filmnächten gibt es zumindest die Chance, sich für einige Abendstunden auf extreme Touren mitnehmen zu lassen. Trotz Zuschauerlimits stehen in dieser Woche gleich zwei Abende am Elbufer im Zeichen sehr unterschiedlicher Abenteuer.

Längst ist Reinhold Messner ein Stammgast in Dresden. Der Pionier des Hochalpinismus erfand sich immer wieder neu, ist inzwischen ein gefragter Alleinunterhalter. Wort- und bildgewaltig erzählt der 75-jährige Südtiroler nun Geschichten aus der Geschichte der Eroberung der alpinen Höhen. Daran war er maßgeblich beteiligt, stand als erster Mensch auf allen 14 Achttausendern der Erde, erreichte Nord- wie Südpol und durchquerte Wüsten.

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Doch Messner weiß um die, die ihm vorangingen, sich vorwagten, auch den Boden bereiteten für die heutige Generation an Gipfelstürmern. Und so spricht er immer voller Respekt von „seinen Sachsen“, die ihm ans Herz gewachsen sind. Sie kultivierten das Klettern in der Sächsischen Schweiz, gaben sich harte Regeln für faire Besteigungen in ihrer Sandsteinwelt. Diesen Stil trugen sie in die Welt.

„Die Klettergeschichte ist geprägt von Sachsen, vom Elbsandsteingebirge“, lobte Messner in einem SZ-Interview die Impulse aus dem ostdeutschen Reich der Felsen. „Vor dem Ersten Weltkrieg bestieg Oscar Schuster im Kaukasus zum Beispiel den Uschba, der mal als schwierigster Berg der Welt galt. Was sächsische Bergsteiger schon damals geleistet haben, ist großartig, auch in den Jahrzehnten danach. Die Sachsen hatten weltweit wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des Felskletterns.“

„Diese Geschichte vor gut 50 Jahren ist immer noch die schwierigste, die ich erlebt und überlebt habe“, sagt Reinhold Messner im Gespräch mit www.sächsische.de über seinen Schicksalsberg Nanga Parbat.
„Diese Geschichte vor gut 50 Jahren ist immer noch die schwierigste, die ich erlebt und überlebt habe“, sagt Reinhold Messner im Gespräch mit www.sächsische.de über seinen Schicksalsberg Nanga Parbat. © dpa/Roland Weihrauch

Das spielt eine Rolle, wenn Messner am Sonntag bei den Dresdner Filmnächten auftritt. Sein Dokumentarfilm „Die große Zinne – 150 Jahre Kletterkunst“ ist auch eine Referenz an Sachsen, die 1958 an der Nordwand der Großen Zinne den damals schwersten Weg in den Alpen kletterten. Drei Sachsen und ein gebürtiger Berliner durchstiegen die 550 Meter hohe Wand. 1963 kämpften sich Reiner Kauschke, Peter Siegert und Gerd Uhner in 17 Tagen durch die Senkrechte. Die „Superdirettissima“ wurde zum Sachsenweg.

Messner wird bei den Filmnächten aber auch sehr persönlich. Bereits im Januar hatte er bei ausverkauften Auftritten in Dresden seinen neuen Live-Vortrag „Nanga Parbat – mein Schicksalsberg“ präsentiert. Er steht am Sonntag am Elbufer ebenfalls auf dem Programm.

„Diese Geschichte vor gut 50 Jahren ist immer noch die schwierigste, die ich erlebt und überlebt habe“, sagte Messner im SZ-Interview. „Ich erzähle die Fakten, wie es war. Das ist eine irre Geschichte, wie wir die höchste Wand der Welt durchsteigen. Dann kommt mir mein Bruder nachgeklettert. Wir steigen trotzdem bis zum Gipfel, kommen in eine Notlage, steigen über die Gegenseite ab, um überhaupt runter zu kommen. Sonst wäre ich immer noch da oben mit meinem Bruder als zu Eis gefrorene Leiche. Es gab für uns nur diesen einen Weg zurück. Wenn wir es nicht gewagt hätte, wären wir gestorben.“

Dem „Pannentheater“ geht der Stoff nie aus

Die Filmnächte bieten schon vor dem Messner-Auftritt einen Abenteuer-Abend der besonderen Art. Am Donnerstag ist zum zweiten Mal in der Öffentlichkeit „972 Breakdowns – Auf dem Landweg nach New York“ zu sehen, mit den Akteuren und Machern vor Ort. Tags zuvor hat der Streifen in Halle an der Saale seine Premiere – aus gutem Grund. Da begann im Herbst 2014 ein ungewöhnliches Projekt von drei Frauen und zwei Männern, die auf der Burg Giebichenstein bildende Kunst studiert hatten. „Da bewegt man sich in einer eigenen Welt, wie in einer Blase“, beschrieb Anne Knödler den Auslöser für ihr Experiment. „Da wollten wir raus, die Welt verstehen.“

Für die Erkundung benutzten sie vier Ural-Motorräder mit Beiwagen aus sowjetischer Produktion, weil die einen Namen in der Szene haben, schwer und „scheinbar unkaputtbar“ sind, wie sie meinten. „Die halten auch mal Hammerschläge aus, was oft genug auch Gründe hat, einschließlich Aggressionen, die sich beim ständigen Reparieren doch aufbauen“, erzählte Anne Knödler über die Kräder. „Sie werden nicht umsonst als ,Stalins Rache‘ bezeichnet.“

Das Ziel sollte möglichst weit weg und spektakulär sein. So kamen sie auf New York und brachen Richtung Osten auf. Über den Balkan, die Türkei, Sibirien, Alaska, Kanada und nach einer großen Runde durch die USA landeten sie nach gut zweieinhalb Jahren auf dem Broadway. Die gut 40.000 Reisekilometer beschreiben sie als „Pannentheater“, dem der Stoff nie ausging. Daraus wurde ein Vortrag. Außerdem entstanden ein Buch und ein 110 Minuten langer Kinofilm.

Der Film ist ein Plädoyer gegen Klischees

„Man bekommt von allem was“, verspricht Knödler, Sprecherin der Gruppe. Unterwegs passierte reichlich – Witziges wie Anstrengendes, Überraschendes und Nerviges. Sportlich war es ebenfalls. „Wir haben ganz schön Oberarme bekommen“, beschreibt Knödler das Kraft- und Fitnessprogramm auf oder neben dem Motorrad.

In Georgien und Kanada saßen sie zweimal den Winter aus. Da planten sie weiter und arbeiteten, um die sich leerende Kasse zu füllen. Arbeiten waren alle gewohnt. Sie hatten schon ihr Studium finanzieren müssen. Und sie erlebten die Menschen unterwegs. „Da gab es jede Menge Bilder, die man im Kopf hatte, die wir revidieren mussten.“ Russland verblüffte sie, auch mit Gastfreundschaft, Offenheit. Sie wollten die Welt mit eigenen Augen sehen, ließen sich überraschen und wurden es. Das reichen sie nun an ihr Filmpublikum weiter.

Knödler zog große Zuversicht aus dem Projekt, „dass die Dinge funktionieren werden oder man eine Lösung findet, auch wenn man manchmal länger hinschauen muss“. Und sie lernte, „Vertrauen in Leute zu setzen und das Unbekannte. Von dieser Zuversicht werde ich noch lange zehren.“ Die Botschaft ihrer langen Reise: „Man muss sich ein Bild von dieser Welt machen, braucht dabei keine Angst zu haben, muss einfach los- und rausgehen, darf keine Ausreden finden. Sonst kann man sich kaum ein Urteil erlauben. Land und Leute und Politik haben nicht unbedingt etwas miteinander zu tun.“ Auch wenn das wegen der Corona-Pandemie gerade schwieriger ist: Ihr Film ist nun ein Plädoyer gegen Klischees.

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Abenteuer bei den Filmnächten: Donnerstag, 21 Uhr: „972 Breakdowns – Auf dem Landweg nach New York“ mit den Akteuren und Machern des Films. Sonntag, 20.30 Uhr: Reinhold Messner mit „Die große Zinne“, danach Live-Vortrag „Nanga Parbat – mein Schicksalsberg“.

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