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Abi – und dann?

Zwei Abiturienten erzählen, wie es ist, mit begrenzten und grenzenlosen Möglichkeiten nach den Prüfungen.

Da kommen Erinnerungen auf: Michael Deutschmann mit seinem Abiturzeugnis von 1989.
Da kommen Erinnerungen auf: Michael Deutschmann mit seinem Abiturzeugnis von 1989. © Norbert Millauer

Mit dem Fahrrad, sein Abiturzeugnis in der Tasche, stand Michael Deutschmann im Sommer 1989 in Ungarn am Abzweig zur österreichischen Grenze. Zehn Tage Urlaub am Balaton lagen hinter ihm. Nun sollte es zurück gehen. Er hätte flüchten können. „Aber es können ja nicht alle abhauen“, seien damals seine Gedanken gewesen, sagt der 49-Jährige heute. Und so radelte er zurück, ohne zu ahnen, was in den nächsten Monaten alles passieren wird.

Nach dem Abitur in Meißen an der EOS Ernst Schneller, dem heutigen Franziskaneum, 1989, bekam er einen Studienplatz als Diplomlehrer für Deutsch und Geschichte. Viel lieber wäre er Tierarzt geworden, aber da hätte er vorher vier Jahre zur NVA gehen, seine Treue dem Staat gegenüber beweisen müssen. „Ich war schon immer etwas aufmüpfig“, beschreibt er es heute. Kontaktfreudig und impulsiv, hieß es im Abschlusszeugnis.

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Nach dem Urlaub in Ungarn begann bald das Studium in Dresden. Die Unruhe wuchs. Im Oktober landete er in einer Demo am Hauptbahnhof. Ein Polizei-Lada ging in Flammen auf, die Polizisten hätten mit Pflastersteinen geworfen, die Demonstranten zurück. Im Studentenclub wurde nächtelang diskutiert. 

Michael Deutschmann erlebte auch die Demo auf der Prager Straße mit, aus der die „Gruppe der 20“ hervorging. „Das war eine ganz heikle Situation. Wenn dort einer die Nerven verloren hätte.“ Den Mauerfall hat er allerdings verpasst. Er hatte Pförtnerdienst im Studentenwohnheim. Am Morgen kam ein Kommilitone mit einem Beutel Apfelsinen und erzählte, er sei in Berlin gewesen. So richtig überrascht sei er aber nicht gewesen, sagt Deutschmann. Denn die Entwicklungen in den Monaten zuvor hatte er ja verfolgt. 

Und obwohl ihn die Enge, das Gefühl der Bevormundung in der DDR gestört haben, hat er nicht sofort seine Koffer gepackt. Sein Leben ist auch in Sachsen spannend genug gewesen und schlug eine neue Richtung ein.

Michael Deutschmann fing noch als Student als Redakteur beim Meißner Tageblatt an, wechselte später als freier Mitarbeiter zu Antenne Sachsen. Nach dem Abschluss des Studiums stand eigentlich das Referendariat an. Es gab aber keine Stellen. Also blieb er beim Radio.

2000 nahm er sich dann eine Auszeit. Für zwei Jahre ging er als Reiseleiter nach Ibiza. Deutschmann reiste mit dem Rucksack durch Thailand, entdeckte die Welt. Nach seiner Rückkehr machte er sich selbstständig, drehte Reportagen für MDR und RTL, berichtete über den Tsunami in Thailand und die Jahrhunderthochwasser. Mit der Geburt seines ersten Kindes kam die Sehnsucht nach einer Festanstellung. Deutschmann wechselte auf die andere Seite des Schreibtischs und wurde Pressesprecher der FDP-Fraktion im Landtag. Bis die Partei 2014 an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte.

Wieder hieß es, sich neu zu erfinden. Wieder wechselte er die Seiten. Seit vier Jahren schreibt er für die Bild-Zeitung in Dresden über die Landespolitik.

Ein Lebenslauf mit vielen Kurven. So sei es vielen Klassenkameraden ergangen. „Aber die Mehrheit ist hiergeblieben.“ Wenn er im Sommer 1989 an jener Abzweigung in Ungarn gewusst hätte, welche Möglichkeiten es tatsächlich gibt, hätte er die DDR damals vielleicht doch verlassen, sagt Michael Deutschmann heute.

Bastian Rudolph hat erst in diesem Jahr seinen Abschluss gemacht.
Bastian Rudolph hat erst in diesem Jahr seinen Abschluss gemacht. © Norbert Millauer

Fast sind es zu viele Möglichkeiten, die sich Abiturienten 30 Jahre später bieten, findet Bastian Rudolph. Der 18-Jährige hat im Sommer sein Abi am Coswiger Gymnasium gemacht und schon vorher viel ausprobiert, um herauszufinden, welcher Beruf der richtige sein könnte.

Ein Praktikum im Hotel, eins im Architekturbüro, Nebenjob im Rewe. Er hat auch überlegt, Pilot zu werden. Die Ausbildung ist aber zu teuer. Oder eine Pause einlegen, mit Freunden ein Jahr Reisen und Arbeiten in Neuseeland? Der Weinböhlaer entschied sich, zu studieren. Ungefähr 19.000 Studiengänge gibt es in Deutschland. Ein Beratungstest gab den Anstoß in die richtige Richtung. Seit ein paar Tagen studiert Bastian Rudolph Wirtschaftswissenschaften in Leipzig.

Seine Zwillingsschwester hat sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden, manche Klassenkameraden machen eine Ausbildung, vier Kumpels reisen tatsächlich durch Neuseeland.

„Es ist eine positive Errungenschaft, dass man so eine große Auswahl hat. Aber manchmal fühlt man sich auch erschlagen“, sagt er. Froh sei er auch, dass es keine Wehrpflicht mehr gibt. „Es soll jeder selbst entscheiden, was er nach der Schule machen will.“

Wie das damals war, bevor die Mauer gefallen ist, das kennt er nur aus Erzählungen und dem Geschichtsunterricht. „Mich hat das nicht geprägt.“ Die DDR, Unterschiede zwischen Ost und West, würden keine Rolle mehr spielen.

Da würden höchstens ein paar Witze gerissen, wenn Jugendgruppen aus Ost und West aufeinandertreffen. Vielleicht liege es daran, dass seine Generation vernetzter ist. Und Deutschland auch nur als Einheit kenne.


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