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Abi - und dann?

Physiotherapeutin, Doktor oder Weltenbummler − die Wege nach dem Abitur waren und sind vielfältig.

Zeugnisse heute und damals: Inzwischen erhalten die Abiturienten ihr Zeugnis in A3.
Zeugnisse heute und damals: Inzwischen erhalten die Abiturienten ihr Zeugnis in A3. © Christian Essler/ Bildstelle

Von Dagmar Doms-Berger

Erfahren Sie im zweiten Teil unserer Serie, welche Lebenswege die Abiturienten aus dem Jahr 2019 einschlagen wollen und wie sich manche 1989 für ihren Traum gegen den Staat und die Politik durchboxen mussten.

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Statt Polizei zur Physiotherapie

Tina Händler, 19 Jahre
Tina Händler, 19 Jahre © Dagmar Doms-Berger

Nach zwölf Jahren Schule ist Tina Händler aus Ebersbach glücklich, dass sie ihr Abiturzeugnis in den Händen hält. Und um etwas „Handfestes“ zu machen, hat sie im September eine Ausbildung zur Physiotherapeutin an den Sozialpflegeschulen Heimerer in Döbeln begonnen. 

Die ersten Wochen der Ausbildung bestätigen ihre Entscheidung. „Es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagt sie. Nach der dreijährigen Ausbildung will sie eventuell Sportwissenschaften studieren. Auf die Idee, eine Ausbildung zur Physiotherapeutin zu machen, kam sie durch ihre Handballmannschaft. 

Seit 2013 spielt sie in der HSG Neudorf. Mit zwölf Jahre hat sie dort angefangen. Physiotherapeuten seien in einer Sportmannschaft immer gefragt. Sie könnte sich daher durchaus vorstellen, eine Mannschaft mal in dieser Hinsicht zu betreuen. Einer ihrer ersten Pläne war es, zur Polizei zu gehen. Die Sportprüfung des Polizei-Tests hatte sie sogar bestanden. Eine Hürde, an der viele andere Bewerber scheitern. 

Dann gab sie diesen Plan aber auf. Die Perspektive, als Physiotherapeutin zu arbeiten, begeisterte sie mehr. Tina Händler ist ebenso Mitglied im Boxteam Döbeln-Roßwein. „Ich finde es auch schön, noch einige Zeit in Döbeln zu bleiben“, sagt sie. „Hier ist meine Familie, hier habe ich meinen Sport.“

Für ein Jahr nach Peru

Nina Forberger, 18 Jahre
Nina Forberger, 18 Jahre © Dagmar Doms-Berger

Die Freude und Spannung war groß. Mit Beginn der 12. Klasse wusste Nina Forberger aus Döbeln, dass sie nach dem Abitur nicht gleich auf die Universität wechselt, sondern für ein Jahr hinaus in die Welt geht. Im Sommer startete sie in Richtung Südamerika, nach Peru. 

Das Projekt läuft über Weltwärts, den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst der Bundesrepublik. Es ist der größte internationale Freiwilligendienst für junge Menschen in Deutschland und einer der größten entwicklungspolitischen Jugendfreiwilligendienste weltweit. 

In Peru arbeitet sie im Rahmen eines Entwicklungsprojektes in einem Mädcheninternat und vermittelt den jungen Leuten unter anderem hauswirtschaftliche Kompetenzen. „Ich helfe dort in der Landwirtschaft, es ist wie auf einem Bauernhof strukturiert“, sagt Forberger. Auf die Idee kam sie durch ehemalige Schüler des LGD, die nach dem Abitur ebenfalls „etwas Anderes“ machen und nicht sofort auf die nächste Schulbank wechseln wollten. 

Dieser Weg war auch der Richtige für sie. „Ich wollte etwas Praktisches und vor allem Sinnstiftendes machen. Ich wollte nicht mehr nur über Bücher sitzen, so wie es die vergangenen und vor allem letzten beiden Jahren war“, sagt die 18-Jährige. Besonders in der Sekundarstufe, den Klassen 11 und 12, sei der Druck enorm hoch. Alles ist nur auf das Abitur ausgerichtet. Es ging nur um die bestmögliche Punktezahl und Bewertungen. Es sei belastend, sich ausschließlich darüber zu definieren. 

„Ich habe mich riesig auf die Zeit in Südamerika gefreut“, sagt sie. Wie es nach dem Jahr in Peru weitergeht, steht noch nicht fest. Vielleicht Soziologie oder Geschichte oder Psychologie, oder vielleicht doch Journalismus? „In einem Jahr weiß ich mehr“, sagt sie.

Zum Doktortitel in Ungarn

Csongor Fellner, 19 Jahre
Csongor Fellner, 19 Jahre © Dagmar Doms-Berger

Für Csongor Fellner, 19, aus Waldheim stand schon als Kind fest, dass er mal einen Doktortitel vor seinen Namen setzen möchte. Für welche Fachrichtung dies sein wird, war damals aber noch völlig offen. Jahre später stand dann schließlich auch die Richtung fest: Medizin. Seine Mutter ist Ärztin. Was sie ihm über ihren Beruf erzählt, hat ihn beeindruckt. 

Csongor kam 2011 aus Ungarn nach Deutschland und ging dann zunächst auf die Oberschule in Waldheim. „In den ersten Jahren war ich vor allem mit dem Erlernen der deutschen Sprache beschäftigt“, sagt Csongor. Da er aber mehr vorhatte, wollte er aufs Gymnasium. Mit der 7. Klasse wechselte er nach Hartha an das Martin-Luther-Gymnasium. Das Lernen dort verlief reibungslos. 

„In den Klassenstufen 9 und 10 hatte ich ein halbes Jahr keine Mathematik, weil eine Fachlehrerin fehlte“, erinnert er sich. Das machte sich später bemerkbar, seine Leistungen im Fach Mathe sanken ab. Ansonsten sei es eine schöne Zeit gewesen. „Ich musste mich hinsetzen und etwas tun, aber man konnte es schaffen“, merkt er an. Und als er im Juni 2019 sein Abitur in den Händen hielt, war er sehr stolz. 

Sein Ziel, Medizin zu studieren, hatte er fest im Blick. Wo er studieren wird, war im Juni noch offen. Ob im Ausland oder in Deutschland, war für ihn nicht wichtig. Um sein Ziel zu erreichen, war er bereit, eine Menge zu geben und zu investieren. „Ich bin neugierig auf neue Menschen und neue Denkweisen.“ 

Nach den Jahren in einer Kleinstadt war es für ihn vor allem interessant, vom Land in die Stadt zu wechseln. Er hatte sich an mehreren Universitäten umgesehen. Beworben hatte er sich auch in Pecs/Ungarn. Schon nach kurzer Zeit erhielt er die positive Nachricht, dass er dort an der Medizinischen Fakultät angenommen ist. Anfang September begann Csongor Fellner in Ungarn mit seinem Studium.

Von der Juristin zur Dozentin

Antje Gießmann, Abitur 1989, 24.09.2019
Antje Gießmann, Abitur 1989, 24.09.2019 © privat

Antje Zimmermann, heute Gießmann, hatte damals ein konkretes Ziel: Sie wollte nach dem Abitur Wirtschaftsrecht studieren. Ihre Leistungen waren sehr gut (Abi 1,6), die Überzeugung stimmte, aber sie war kein SED-Mitglied und wollte auch keins werden. „Ich war zwar eine rote Socke, aber nicht in der Partei“, sagt sie. Also bekam sie die Zulassung nicht. „Das Schöne aber war, dass meine Eltern mich in meiner Position, mich nicht verbiegen zu wollen, bestärkten“, erinnert sich Antje Gießmann.

Die 18-Jährige ließ sich nicht ausbremsen. Sie begann im VEB Jugendmöbel Döbeln zu arbeiten und machte im Abendstudium ihren Berufsabschluss zur Wirtschaftskauffrau. Die Firma delegierte sie nach einem Jahr zum Studium: Wirtschaftsrecht. Inzwischen war die Mauer gefallen. Im September 1990 erhielt sie die Zulassung für die Karl-Marx-Universität Leipzig, aber schon einen Monat später gab es die Studienrichtung nicht mehr. Stattdessen gab es nur noch das Fach Rechtswissenschaften. Sie schrieb sich ein.

Im dritten Semester kam ihr Sohn auf die Welt. „Das Studieren mit Kind funktionierte gut“, sagt sie. „Man lernte sehr schnell, strukturiert zu arbeiten und zu leben. Ich wollte so schnell wie möglich fertig werden und unabhängig sein.“ Während des Studiums arbeitete Antje bereits als Dozentin an verschiedenen privaten Schulen. Die männerdominante Juristerei sah sie als Frau mit Kind nicht als Aktionsfeld für sich.

Nach dem Studium arbeitete sie daher als Fachdozentin bei verschiedenen privaten Trägern. Als ihr Vater 1999 die ciT Leipzig GmbH, das Institut für angewandte Informatik, gründete, stieg sie kurze Zeit später mit ein.

Seit 2013 ist sie Geschäftsführerin und Chefin von 90 Lehrern und derzeit rund 450 Schülern, unter ihnen auch viele Migranten. Und sicher hätte sie auch gern Studienaufenthalte im Ausland gemacht, so wie es ihre beiden Kinder in ihren Orientierungsphasen während und nach der Schulzeit gemacht haben. Es kam aber anders und das sei in Ordnung. „Heute habe ich mir die Welt mit den Migranten ins ‚Haus‘ geholt“ und betreue ein Schulprojekt in Mosambik. Mein Leben ist bunt“, lacht sie. Und was für sie ganz wichtig ist: „Ich durfte mir treu bleiben.“

Als Lehrerin ausgebremst

Silke Westphal-Mäß, 49 Jahre
Silke Westphal-Mäß, 49 Jahre © Dagmar Doms-Berger

Mit 17 hat man noch Träume – so heißt es in einem berühmten Evergreen. „Mit 19 ebenso“, kann Silke Westphal-Mäß, damals Mäß, bestätigen. Sie wollte im Sommer 1989, gleich nach ihrem 19. Geburtstag, unbedingt allein verreisen – ohne Eltern, aber bestens organisiert über den DDR-Reiseanbieter Jugendtourist. Die Reise ging nach Rumänien. 

So richtig allein war sie dann aber nicht. „In der Reisegruppe war der halbe Abi-Jahrgang vertreten“, erinnert sie sich und lacht. Gestärkt und voller Freude trat sie im September 89 ihr Lehramtsstudium für Deutsch und Geschichte an der Pädagogischen Hochschule in Leipzig an. Aus Hartha kommend, fand sie Leipzig chic und cool. „Auf die Zeit habe ich mich gefreut. Und auch die Hochschule hat mir gefallen, es war alles recht überschaubar.“ 

Der Studienstart war gleich von Veränderungen begleitet. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig waren in vollem Gange. „Als ich bei meiner Ankunft den Bahnhof verlassend, auf Scharfschützen und Panzerwagen blickte, war mir unheimlich“, erinnert sie sich. Ein wenig später, die Mauer war gefallen, wartete sie am nächsten Tag mit ihren Kommilitonen vergeblich auf ihren Professor. Die Zeit, die dann folgte, hat sie als aufregend in Erinnerung. 

Das Studium ging aber ohne Unterbrechungen weiter. Ihren Abschluss musste die Lehramtsstudentin 1993 an der Uni Leipzig machen. Die Pädagogische Hochschule war abgewickelt worden. „Das war wirklich schade, der Uni-Campus war riesig, die Hörsäle überfüllt, vieles unübersichtlich“, sagt Silke Westphal-Mäß. Als sie 1995 nach zwei Jahren Referendariat voller Schwung und Ideen in den Schulalltag gehen wollte, wurde sie von der Sparpolitik des Landes ausgebremst. 

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„Es gab zu der Zeit einen Einstellungsstopp für Lehrer.“ Die junge Absolventin machte Vertretungen, arbeitete als Redakteurin in Torgau und Oschatz, gab Nachhilfe in einem Lern-Institut und unterrichtete an einer privaten Schule in Chemnitz. 2013 gelang es ihr, in den öffentlichen Schuldienst zu kommen, zunächst in Chemnitz. Dann konnte sie in die Heimatregion zu wechseln. Seit drei Jahren unterrichtet sie an der Oberschule Leisnig. Mit ihrer Weiterbildung auf dem Gebiet der Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) kann sie ergänzend zu ihrer Lehrertätigkeit LRS-Diagnosen vornehmen.

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