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„Über Nacht in einem fiesen Windmonster“

Das sächsische Schilfboot „Abora“ kreuzt durchs Mittelmeer. Inzwischen ist die Crew aus Forschern schwer gefordert. Ein Situationsbericht.

Sonne vor dem Sturm. Panoramasegeln bei Santorini im Mittelmeer. Doch nun ändert sich alles.
Sonne vor dem Sturm. Panoramasegeln bei Santorini im Mittelmeer. Doch nun ändert sich alles. © Abora-Team

Santorini. Der Wind hat gedreht, Gezeiten und Geister stellen sich gegen Abora. Es ist ein Schilfboot, so wie vor 5.000 Jahren. Unterwegs mit allen Risiken. Die damit segeln, kommen aus Sachsen. Es sind Experimental-Archäologen. Und das Experiment beginnt soeben schwierig und schwieriger zu werden. Montagnacht, nur drei Meilen ist die Abora vom sicheren Hafen in Santorini entfernt. Doch die Kykladeninsel wird für das Schilfboot unerreichbar.

Der Chemnitzer Expeditionsleiter Dominique Görlitz setzt auf Sicherheit, so es die denn überhaupt auf einem Zwölf-Tonnen-Bündel Schilf jemals gibt. „Bei stockfinsterer Nacht ohne Ortskenntnis, das Wagnis eines gescheiterten Ankermanövers zu riskieren, ließen mich die Entscheidung treffen, abzudrehen“, teilte er mit.

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Was Görlitz und seine Crew nicht ahnen konnten: Es gibt Sturm schon kurz darauf, und raue See. „Am nächsten Morgen kam dann ein böses Erwachen. Der Wind, der vor ein paar Stunden so gemütlich blies, hatte sich über Nacht zu einem fiesen Windmonster gewandelt.“ Es hämmert gegen das Segel, die See zerrt am Anker.

Und wieder fällt Dominique Görlitz die Entscheidung zugunsten der Sicherheit. Statt eines riskanten Segelmanövers schleppt schließlich ein gerufenes Fischerboot die Abora in den sichereren Hafen.

Zwei Welten auf einem Meer.
Zwei Welten auf einem Meer. © Abora-Team

Kaum Wellen und nur eine leichte Brise herrschen in der Caldera von Santorini, den Resten eines gigantischen Vulkans. Beschauliches Panoramasegeln ist das, was folgt – eine Runde vor grandioser Kulisse. Das berichtet Expeditionsleiter Dominique Görlitz am Mittwoch der SZ von Bord aus.

Doch die Ruhe ist trügerisch. Nötige Reparaturen am Schilf und am Holz sind zwar überschaubar, nicht jedoch die See, die die kommenden Tage oder auch Wochen vor ihnen liegt. Die Geister von Himmel und Meer wenden sich offenbar abermals gegen die Steinzeitsegler. Abora IV, das nach prähistorischem Vorbild gebaute Schilfboot, soll noch einmal für 400 Kilometer auf See. So der Plan. Experimentalarchäologe Görlitz hat diese Expedition mit Sponsorengeldern finanziert. Sie soll die Existenz 5.000 Jahre alter Handelswege vom Schwarzen Meer bis ins Mittelmeer belegen.

Das Schilfboot ist mit einer internationalen Crew unterwegs zum letzten Ritt auf den Wellen nun Richtung Türkei. Dort soll die 3.000 Kilometer lange steinzeitliche Seereise enden. Ursprünglich war Zypern das Ziel. Doch die Zukunft des Schilfbootes liegt im türkischen Hafen von Patara nahe Antalya, berichtet Dominique Görlitz. Dort wird eben ein historisches Schiffsmuseum gebaut. Und dort hat die Abora einen Platz versprochen bekommen.

Schwerer Sturm zieht auf

Doch Patara muss erst einmal erreicht werden. Dorthin geht es nur quer zur Strömung – und quer zum Wind. „Ob und wie wir die nächste 400 Kilometer lange Reise machen werden, weiß ich noch nicht“, sagte Abora-Kapitän Görlitz am Mittwoch zu seinen nächsten Plänen. „Wir müssen deshalb offen bleiben und schauen, an welcher Seite von Rhodos oder Karpathos wir die Durchfahrt ins Ostmittelmeer meistern werden.“

„Es kommt darauf an, wie schnell die Crew sich auf den Weg machen kann“, sagt Felix Herz, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst Leipzig, der SZ. Über der Türkei drehe sich in ein paar Tagen ein Tief ein. Windböen bis Stärke 8 und 9 seien dann über dem Meer zu erwarten. „Dann wird es am Freitag und auch bis ins Wochenende hinein zwischen Santorini und Rhodos sehr stürmisch.“ Das Schilfboot würde damit an seinen Grenzen kommen. Es wird gefährlich. 

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„Wenn sie es aber schaffen, bis Freitagmorgen schon östlich von Rhodos zu sein, entgehen sie vielleicht den stärksten Windspitzen“, sagt der Wetter-Experte Herz. Dominique Görlitz gibt sich zweckoptimistisch: „Wir werden es aber zumindest versuchen, wie in den letzten Etappen der Expedition und im Kielwasser der Argonauten.“

Argonauten, das sind Segler auf dem Mittelmeer, vor Urzeiten und das auch nur in griechischen Sagen. Nur die Abora und der Wind existieren jetzt, und ganz real.

Die Wellen wachsen in den nächsten Tagen.
Die Wellen wachsen in den nächsten Tagen. © Abora-Team

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