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Abriss im Januar

Im Papageienviertel Bischofswerda kommt ein erster Block weg. Und mit ihm einige der billigsten Wohnungen.

© Thorsten Eckert

Von Gabriele Naß

Es war mal bunt. Daher der Name. Jetzt ist es grau, nicht mehr modern, aber noch bewohnbar. Das kleine Neubaugebiet an der Bautzener Straße in Bischofswerda nennt der Volksmund Papageienviertel. Die einen hassen es wegen Optik und Sanierungsstau, die anderen lieben es, weil man dort so preiswert wie sonst fast nirgendwo in Bischofswerda wohnen kann. Der Eigentümer, die städtische Wohnungswirtschaft und Bau GmbH (WuB), plant den Umbau des Viertels nicht erst seit gestern. Und nun beginnt dort der Abriss.

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Der Block mit den Hausnummern 78 bis 82 längs zur Bautzener Straße (B6) kommt im Januar weg. Am 6. Januar kommen die Bauleute und beginnen, das Gebäude zu erkernen. Die Abrisstechnik wird voraussichtlich ab 13. Januar gebraucht. Von dem Viergeschosser – dem letzten Wohnhaus an der Bautzener Straße stadtauswärts rechts – wird schon Ende Januar nichts mehr zu sehen sein, vermutlich nicht einmal mehr der große Haufen Schutt. Daran ändert sich nur dann noch etwas, wenn man der WuB die kürzlich mündlich zugesagten Abriss-Fördermittel doch noch streicht.

Die Abrisspläne wurden Ende letzter Woche öffentlich. So kurzfristig erfuhren die Bewohner davon nicht. Zwar bekamen sie die Information auch erst jetzt schriftlich. Aber WuB-Geschäftsführer Andreas Wendler versichert, dass sie mündlich schon eher darauf vorbereitet worden sind, ihre Wohnungen verlassen zu müssen. „Hausbesetzer“ wird es wohl keine geben. Der Wohnungseigentümer jedenfalls geht davon aus, dass die letzten drei verbliebenen Mieterparteien alle umziehen – in einem Fall geht es in eine andere, vorgerichtete WuB-Wohnung. Der Vermieter hat Umzugshilfe angeboten.

Weil die Wohnungswirtschaft und Bau GmbH lange wusste, dass sie sich im Papageienviertel von Wohnungen trennen will, wurde das jetzige Abrisshaus nach und nach fast freigezogen. Da die Fördermittel aber knapp sind, zog sich der Rückbau aber hin. Noch vor Kurzem galt der entsprechende Fond beim Land als überzeichnet. Die Nachricht, dass es nun doch Geld für Abriss im Bestand von Bischofswerdas größtem Vermieter geben soll, überraschte letztlich selbst die Geschäftsleitung. Nun, sagt Andreas Wendler, läuft die Vorbereitung aber auf Hochtouren. Bis Februar muss abgerissen, abgerechnet und der Verwendungsnachweis gegenüber dem Fördermittelgeber erbracht sein.

Das Papageienviertel entstand als letztes DDR-Wohngebiet in Bischofswerda kurz vor dem Fall der Mauer 1988/89. Seitdem wurden die Häuser mit zusammen 104 Wohnungen nur instand gehalten, aber nie saniert. Dass in den Wohnungen alle Zimmer über nur einen Ofen mit Kohle beheizt werden können, galt in der DDR als modern. Bis heute wird dort so gefeuert. Fernwärme hat nie Einzug gehalten. Was nicht alle als Nachteil empfinden. Zwar sind viele aus dem heute vergleichsweise unmodernen Wohngebiet im Laufe der Jahre weggezogen, aber 65 und damit über 60 Prozent der Wohnungen im Papageienviertel sind bewohnt. Und das liegt auch daran, dass man hier deutlich günstiger als in vielen anderen Wohnungen in Bischofswerda wohnt. Auch die WuB selbst hat kaum preiswertere Wohnungen. Im Papageienviertel zahlt man deutlich weniger als etwa im nächstgelegenen kleinen Wohngebiet an der Heinrich-Mann-Straße. Die Wohnungen dort kosten unsaniert rund 4,50 Euro pro Quadratmeter, saniert etwa einen Euro mehr. Dresdener und andere Großstädter würden selbst bei diesen Mieten von einem Schnäppchen sprechen.

Mit dem Abriss eines Blocks an der Bautzener Straße verringert die WuB den Leerstand dort von jetzt 37,5 auf dann 18,7 Prozent. Die Quote liegt damit immer noch deutlich über der anderer Wohngebiete der Gesellschaft. An der Heinrich-Mann-Straße etwa steht kaum mal eine Wohnung länger leer. Insgesamt hat die WuB 1544 Wohnungen, davon sind 166 ungenutzt, manche auch nicht mehr nutzbar.

Jede leerstehende Wohnung kostet Geld. An weitere Rückbauten ihres Bestandes denkt die Wohnungswirtschaft und Bau GmbH derzeit aber nicht. Andreas Wendler: „Das ist genauso spekulativ wie der Neubau von zum Beispiel behindertengerechten Wohnungen.“ Seit 2005 hat die WuB 152 Wohnungen in Bischofswerda Süd sowie an der Bergstraße durch Abriss zurückgebaut. Weitere 153 Wohneinheiten wurden durch Verkauf oder Stilllegung aus dem Bestand genommen.