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Pirna

Abschied von der Fichte

Es gibt immer mal ein Borkenkäfer-Jahr. Doch noch nie war es so schlimm, sagen Förster. Der Wald wird sich verändern.

Fichten im Wald am Breiten Stein zwischen Dobra und Dürrröhrsdorf. Die Kronen der Bäume sind noch grün. Den Sommer aber wird wahrscheinlich keiner von ihnen überleben.
Fichten im Wald am Breiten Stein zwischen Dobra und Dürrröhrsdorf. Die Kronen der Bäume sind noch grün. Den Sommer aber wird wahrscheinlich keiner von ihnen überleben. © Dirk Zschiedrich

Annette Schmidt-Scharfe zückt eine Spraydose mit roter Signalfarbe und versieht den Stamm der starken Fichte mit dem Datum: 9.7.2019. Der Baum sieht gesund und kräftig aus, seine Krone ist grün. „Er wird den Sommer nicht überleben“, sagt die Revierförsterin.

Was sie in ihrer Einschätzung so sicher macht, ist eine dicke Schicht Rindenmehl auf dem Brombeerstrauch am Fuß des Fichtenstammes. Es ist das erste, aber untrügliche Zeichen dafür, dass sich der Borkenkäfer durch die Baumrinde gefressen hat. Ein Forstarbeiter zieht mit dem Schäleisen ein Stück Rinde ab: überall Bohrlöcher, schwarzglänzende Käfer der Art Großer Buchdrucker darin. Sie werden sich hier vermehren. Jedes Käferweibchen hinterlässt rund 20 Larven, die schließlich ihre charakteristischen Gangbilder unter die Rinde fressen. Damit unterbrechen sie den Saftfluss des Baumes, er stirbt. So wie diesen Sommer wohl viele seiner Nachbarn hier im Fichtenbestand am Breiten Stein bei Dürrröhrsdorf-Dittersbach und Zehntausende weitere Fichten in der Sächsischen Schweiz, dem Tharandter Wald und der Dippoldiswalder Heide.

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Noch nie, sagt Annette Schmidt-Scharfe, hätten die Förster in der Region solch einen massiven Borkenkäfer-Befall erlebt, und noch nie haben sie dem so hilflos gegenüber gestanden. „Es ist ein Käfer-Tsunami“, sagt die Fachfrau. „Und keiner weiß, wie das ausgeht.“ Sie leidet mit ihren Bäumen. „Unsere Hauptaufgabe als Förster ist es, gesunden Wald zu erhalten. Jetzt stirbt alles um uns herum. Es fühlt sich an, als würde man seine Freunde verlieren, wie auf einem großen Begräbnis.“

Normalerweise wehren sich die Fichten mit Harz gegen den Angriff der Käfer. In diesem Jahr aber funktioniert die Abwehr nicht, die Bäume sind chancenlos. Uwe Borrmeister, Leiter des Forstbezirks Neustadt, der die Wälder in der Sächsischen Schweiz außerhalb des Nationalparks betreut, sieht eine ganze Kette von Ursachen dafür: Die Stürme Herwart und Friederike hinterließen um den Jahreswechsel 2017/18 jede Menge Holzbruch in den Fichtenbeständen, und selbst Bäume, die stehenblieben, trugen Schäden an ihrem feinen Wurzelgeflecht davon. Der warme und extrem trockene Sommer 2018 schwächte die Fichten zusätzlich, schließlich fegte im März dieses Jahres Sturm Eberhard durch den Wald, wieder mit großen Schäden. „Die Fichtenbestände in der Region befinden sich in einem extremen Klimastress“, konstatiert Borrmeister.

Rund 18 000 Hektar Landes- und 10 000 Hektar Privatwald umfasst der Forstbezirk Neustadt, der vom Rand des Hohwalds bei Neustadt bis ins Müglitztal bei Glashütte reicht. Fichtenanteil: 45 Prozent. Im benachbarten Forstbezirk Bärenfels, zum dem die Wälder im Osterzgebirge sowie die Dippoldiswalder Heide und der Tharandter Wald gehören, sind es 65 Prozent. Überall, mit Ausnahme der höheren Lagen im Osterzgebirge, leidet die Fichte. Sie wurzelt flach, liebte kühle und feuchte Luft, viel Regen. Sie bekommt: Hitze und Trockenheit. Dass der Brot- und Butter-Baum der Forstwirtschaft in tieferen und trockeneren Lagen nicht standortgerecht ist, wissen die Forstleute seit Jahrzehnten. Deshalb steckt der Freistaat Sachsens seit Jahren viel Geld in ein großes Waldumbauprogramm, weg von der Fichte, hin zu naturnahen und stabileren Mischwäldern. Das Problem der Forstwirtschaft: Sie muss in Generationen planen – und wird nun von Käfer und Klimawandel überrollt.

Seit Ende 2017 sind allein im Forstbezirk Neustadt 160 000 Kubikmeter durch Sturm, Schneebruch und Borkenkäfer verursachtes Schadholz aus den Wäldern geholt worden, rechnet Borrmeister vor. Den Bruch des letzten Sturms Eberhard bis zum Beginn der Borkenkäfer-Saison im April aufzuarbeiten, ist den Förstern nicht gelungen, trotz aller Anstrengungen und dem Einsatz zusätzlicher Firmen. Im April hat die erste Borkenkäfer-Welle das Fressen begonnen, sie ist jetzt ausgeschwärmt, und gerade legt die zweite Generation los. Bleibt es warm und trocken, wird es im September eine dritte geben. Aus einem Käfer sind dann 400 geworden.

Das Sterben der Fichten geht mittlerweile so schnell, dass die Förster ihre Strategie ändern. Sie holen jetzt nicht mehr die abgestorbenen Bäume aus dem Wald, sondern die noch gesund aussehenden, die der Käfer gerade befallen hat – in der Hoffnung, so die Ausbreitung verlangsamen zu können. Und sie kommen selbst damit nicht hinterher. Der Sachsenforst pachtet Feldflächen, um außerhalb des Waldes riesige Polter anzulegen und das Holz, das uneingeschränkt nutzbar ist, zwischenzulagern. Da der Borkenkäfer überall in Mitteleuropa wütet, ist der Holzpreis im Keller. Und die Förster setzen nun teilweise auch die im Wald eigentlich verpönte Chemie ein. Käferholzpolter werden mit schwarzen Netzen abgedeckt, die mit einem Kontakt-Insektizid getränkt sind.

Das alles wird nichts daran ändern, dass immer mehr Fichtenwälder braun werden. Wann die Epidemie gestoppt ist, kann keiner seriös vorhersagen, vielleicht hilft der Regen der vergangenen Tage ein wenig. Von einem Waldsterben reden die Forstleute trotzdem nicht. Das klingt zu endgültig. Sie sprechen von Anpassung, einer Anpassung, die sie gern noch besser lenken würden und mancherorts nicht können, weil sie viel zu schnell geht.

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Aber endgültig ist tatsächlich nichts. In einem schon ausgelichteten Fichtenbestand kniet Annette Schmidt-Scharfe auf dem Waldboden. Zwischen hohen Grasbüscheln wachsen kleine Buchen und Weißtannen, vor drei Jahren ausgesät. Hier und da eine Hainbuche, Eichen, Birken. Eine neue Waldgesellschaft. Rund 6,6 Millionen Bäume sind allein in den Wäldern des Forstbezirks Neustadt seit 2007 nachgezogen worden. Der Wald hat Zukunft, auch mit weniger Fichten.

Der Wald und der Borkenkäfer

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