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Abschied vor dem Jubiläum

Zabeltitz. Peter Küchler gibt seine Zulassung als Arzt ab. Er geht in den Ruhestand.

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Von Jürgen Birkhahn

Eigentlich wollte Dr. Peter Küchler aus Zabeltitz schon vor vier Monaten seine Praxis verlassen. Als der Termin, sein 65. Geburtstag, heranrückte, bekam er allerdings das bekannte Kribbeln im Bauch. So entschloss er sich noch ein paar Monate dranzuhängen und seinem Nachfolger noch etwas länger zur Seite zu stehen. Es war wohl der Gedanke, sich selbst und den Patienten mehr Zeit zu geben, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Und wieder wollte Küchler verlängern. „So bis Mitte Oktober. Doch das geht aus Abrechnungsgründen bei der Kassenärztlichen Vereinigung nicht“, sagt der Mediziner, der nun in vierzehn Tagen endgültig Stethoskop und Rezeptblock aus der Hand legen wird.

Engagement für das Schloss

Er hätte gern bis zum 14. Oktober weiter praktiziert. Das ist jener Tag, an dem er vor 25 Jahren nach Zabeltitz gekommen ist und im damaligen Landambulatorium angefangen hat. „Es war eine schöne Zeit“, sagt Küchler und schaut aus dem Fenster seiner Praxis im Zabeltitzer Schlosspark. „Eine Praxis im Schloss, wo gibt es das schon“, schwärmt er und erinnert sich an alte Zeiten: Das Schloss sollte längst abgerissen werden, doch dank Dr. Schadendorfs und engagierter Zabeltitzer Einwohner wurde hier das erste Landambulatorium Sachsens eingerichtet.

Sein Weg nach Zabeltitz war eigentlich ein Zufall. So wie überhaupt der Arztberuf. Denn nach dem Abi wollte er zunächst angewandte Aerodynamik studieren. Eine Studienrichtung, die nach vier Wochen abgeschafft wurde. Statt zum Maschinenbau zu wechseln entschloss sich Küchler für den Armeedienst. Hier wurde ihm ein Medizinstudium angeboten. Ein Studienplatz in der Medizin war Ende der 50er Jahre wie ein Lottogewinn. Bis 1971 absolvierte er seine Facharztausbildung am Kreiskrankenhaus Annaberg-Buchholz und ging dann als junger Facharzt für Allgemeinmedizin zur Armeedienststelle Großenhain.

Von der Armee erzählt er heute allerdings nicht gern. „Es war eine schlimme Zeit. Man wurde nur reglementiert“, sagt er und zieht Parallelen zu seiner heutigen Arbeit in der Landarztpraxis, wo er sich immer mehr bevormundet fühlt.

Krankenkassen schreiben vor, wie der Arzt zu arbeiten hat. Therapie und Diagnostik unterliegen strengen Regeln. Dazu kommt, dass die eigentliche Arbeit, die Behandlung und Betreuung der Patienten immer weiter nach hinten rückt. „Wir bearbeiten eine sinnlose Flut von Papier“, sagt Küchler, der daran zweifelt, dass im Gesundheitswesen politische Entscheidungen mit medizinischem Sachverstand getroffen werden.

„Wenn die Bürokratie nicht wäre, hätte ich vielleicht noch nicht ans Aufhören gedacht“, sagt er und denkt, dass dies auch der Grund ist, warum so viele Ärzte aufgeben und sich kaum jemand für die Weiterführung der Landpraxen findet. „Das Gesundheitswesen ist krank. Auch die geplante Gesundheitsreform wird daran nichts ändern“, sagt Küchler.

Reglementierung schreckt ab

Und wenn er dann hört, dass medizinische Versorgungszentren aufgebaut werden, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Da haben wir wieder die Poliklinik, wie sie die alten Leute aus dem Dorf noch kennen“, sagt er und denkt wieder an den Tag, wo er nach ein paar Jahren als Chef des Betriebsgesundheitswesens nach Zabeltitz gekommen ist. An diesen Tag kann sich der Mediziner noch gut erinnern. Der damalige Chef der Einrichtung hatte den Ausreiseantrag gestellt. Mit dem Wunsch, in den Westen zu gehen, musste der das Feld räumen. Küchler zog ein und kümmerte sich nicht nur um seine Patienten.

Auch die Erhaltung des Schlosses lag ihm am Herzen. Davon kann der Arzt viele Geschichten erzählen: Weil die der Landkreis kein Geld hatte, holte Küchler entgegen der Entscheidung von Partei- und Staatsorganen alle LPG-Chefs an den Tisch und bat sie, Arbeiter für Bauarbeiten zur Erhaltung des Schlosses abzustellen. Im Gegenzug bot er Reihenuntersuchungen für die Mitarbeiter an.

Es war nicht der letzte Deal von Küchler, dem das Dorf ebenso ans Herz gewachsen ist wie seine Einwohner. Für Küchler ist jeder Patient ein alter Bekannter. „Mit den meisten bin ich per Du“, sagt er. Wenn in diesen Tagen die Patienten die Praxis verlassen, fallen mehr Worte als sonst, denn es ist ein Abschied für immer. Bange vor dem Ruhestand ist Küchler indes nicht. Er ist ein aktiver Mann, kümmert sich gern um den Garten und möchte sich intensiver seinen vielen Hobbys widmen.