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Feuilleton

Abstand schafft wieder Nähe

Plötzlich schreiben sich Freunde wieder Briefe mit der Hand und Nachbarn singen zusammen. Teil 5 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Sven Hoppe/dpa/SZ

Ich arbeite seit Tagen zu Hause, bekomme täglich die Sächsische Zeitung geliefert. So beginnt der Morgen mit Frühstück, einer Tasse Tee und Lesen. Das gehört für mich zum Start in den Tag. Deshalb an dieser Stelle großen Dank an alle Zeitungsbotinnen und -boten, die zeitig früh unterwegs sind – auch jetzt.

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In meinem Postkasten liegt außerdem ein Brief. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen persönlichen, mit Hand geschriebenen Brief bekommen habe. Ich kommuniziere über Mail, WhatsApp und telefoniere – zurzeit unfassbar viel. Als Student Ende der 1980er-Jahre schrieb ich täglich mit einem Füllfederhalter voller Barock-Tinte auf Papier. Auf das Kuvert klebte ich eine 20-Pfennig-Marke. Mein Sohn fragt mich, wie lange ich damals auf eine Antwort warten musste. Das müssen mehrere Tage gewesen sein. Er kann es nicht fassen. Heute werde auch ich schnell unruhig, wenn jemand nicht sofort antwortet, nachdem ich gesehen habe, dass die blauen Gelesen-Häkchen hinter der WhatsApp-Nachricht aufleuchten.

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Der Absender des Briefes ist ein Freund, Journalist und Autor, der von Dresden aus für die „Süddeutsche Zeitung“ aus Sachsen berichtet. Er bedankt sich für den schönen Nachmittag, den wir vor zwei Wochen mit einem langen Gespräch gemeinsam bei mir zu Hause verbrachten. Er schreibt zudem: „Was ich auch nicht vergessen werde, ist ein Satz von Camus, den Joachim Król kürzlich im Dresdner Schauspielhaus zitierte: Man hielt uns für würdig, die Welt zu entdecken.“ Der Satz stammt aus dem letzten Roman des Schriftstellers „Der erste Mensch“. Und noch etwas Satirisches schreibt mein Kollege: „Rückwärts gelesen ergibt ,Corona` das sächsische Wort für Jacke – Anoroc. Wir müssen uns also warm anziehen.“

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Kurz vor dem Mittag telefoniere ich mit Angelika Pässler aus Dresden. Sie erzählt mir, dass sie eigentlich in einer Schule einen Nähkurs als Ganztagsangebot leite. Aber da die Schule geschlossen sei, nähe sie jetzt zu Hause täglich 30 Mundschutzmasken. Diese gebe sie weiter an eine Nachbarin, deren Tochter in der Universitätsklinik arbeite. Den Stoff für den Mundschutz habe ihr eine 90-jährige Nachbarin gebracht und die Gummibänder dafür würden noch aus DDR-Beständen stammen. „Wir haben doch früher nichts weggeschmissen“, sagt sie. Einige der Masken habe sie nach Bayern an eine Klinik geschickt, wo eine Freundin arbeite. „Deenn geht es auch nicht besser“, sagt sie.

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Als ich mittags mein Auto auftanke, ziehe ich das erste Mal die Diesel-Handschuhe über. Die Frau an der Kasse erzählt mir, dass vergangene Nacht offenbar sämtliche der PE-Handschuhe gestohlen wurden, denn morgens seien alle weg gewesen. Noch könne sie nachfüllen, aber irgendwann seien die Dinger alle.

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Nachmittags ruft ein befreundeter Handwerker aus Seiffen an. Christian Werner ist Reifendreher im Erzgebirge und meint, dass er vor Wochen für einen Auftrag Holz in Österreich bestellt habe. Aber das Sägewerk könne nun nicht liefern, denn die Grenzen seien dicht. Also nehme er erstmals seit Jahren wieder Bäume aus Thüringen. Gestern habe er die Fensterbeleuchtung, die er sonst nur Weihnachten installiere, vom Boden geholt. Er lässt sie jetzt leuchten. „Licht als Zeichen der Hoffnung“, meint er. Einer seine Freunde habe gesagt, der Mensch müsse sich endlich ändern, denn der „Parasit hat Parasiten“.

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Seit Sonnabend geben meine Nachbarn zwei Häuser weiter mit ihren Kindern 19 Uhr auf ihrer Terrasse ein kleines Konzert. Ringsum gehen alle anderen auf die Balkone, hören zu oder singen mit. Besonders kraftvoll singen wir aus dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ die Zeilen: „Verschon‘ uns Gott mit Strafen. Und lass‘ uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch“ . Ich bin Atheist und denke an den Text des Liedes „Die Internationale“: „Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!“ Aber das gemeinsame Musizieren finde ich unglaublich tröstlich und freue mich schon auf den Abend.

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Liebe Leser, wenn Sie Ihre Erlebnisse aus Ihren „Tagen mit Corona“ erzählen wollen, dann schreiben Sie bitte an [email protected]

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer

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