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Absturz eines Unternehmers

Die Schlosserei Nartschik in Grumbach hatte große Aufträge, volle Bücher und viele Mitarbeiter. Demnächst kommt der Gerichtsvollzieher.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Annett Heyse

Grumbach. Am letzten Augustwochenende, beim Vogelschießen zum Wilsdruffer Stadtfest, landete Steffen Georg Nartschik noch einmal einen Volltreffer. Mit grün-weißer Schärpe und Sektflasche in der Hand ließ er sich als Schützenkönig feiern, ein Bild davon erschien im Amtsblatt. Es passte gut zu dem Unternehmer aus Grumbach, der gern im Rampenlicht steht und den geselligen Kumpel gibt. Es ist die Sonnenseite des Steffen Georg Nartschik. Der lustige, spendable Typ vom Karnevalsverein. Die Schattenseite aber sieht sehr düster aus.

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Steffen Georg Nartschik droht die totale Pleite, sein Lebenswerk ist zerstört. Der Gerichtsvollzieher hat sich angekündigt, das Grumbacher Wohn- und Firmengelände des 67-jährigen Schlossers soll geräumt werden. „Die kriegen mich hier nicht raus. Wenn die kommen, dann knallt es, dann brennt hier alles“, droht der Grumbacher. Die vergangenen Tage hat er in seinem Büro verbracht, das Internet nach Hilfe durchforstet, Briefe an Anwälte und Gerichte verfasst. In seiner letzten Hoffnung hat er sich an die Sächsische Zeitung gewandt, um über das Unrecht, das ihm angeblich widerfahren ist, zu berichten. Doch das Recht ist auf der Seite der anderen, amtlich festgestellt vom Landes- und in zweiter Instanz vom Oberlandesgericht. Es geht um ein Grundstück, das Steffen Georg Nartschik seit Jahren bewirtschaftet und bewohnt, das ihm nicht gehört und nie gehört hat. Aber von dem er glaubt, es habe ihm gehört und er sei darum betrogen worden.

Um zu verstehen, was passiert ist, muss man ins Jahr 1990 zurückgehen. Damals gründet Steffen Georg Nartschik in Grumbach einen Schlossereibetrieb. Er betreibt das Unternehmen gemeinsam mit einer Geschäftspartnerin, vielleicht war sie zugleich auch seine Lebenspartnerin – er will sich dazu nicht genauer äußern. Die Frau kauft ein bebautes Grundstück direkt neben dem Grumbacher Reitplatz. Das Gebäude ist ein ehemaliger Schweinestall in einem Dreiseithof. Schlosser Nartschik krempelt die Ärmel hoch und baut den Firmensitz schrittweise aus. Im Erdgeschoss entstehen eine Werkhalle, Nebenräume, Lager und Büros. Die erste Etage soll Wohnung werden, Nartschik träumt gar von einem Rittersaal unter den Dachbalken, Jahre später lässt er extra dafür teure Bleiglasfenster einsetzen.

Die Schlosserei ist bald gut im Geschäft, liefert Stahlbauteile für große Baustellen in Dresden. Die Mitarbeiterzahl steigt – laut dem Geschäftsmann auf 40 Leute. Dennoch muss Steffen Georg Nartschik im Jahr 2000 Insolvenz anmelden. Nun beginnen Geschäfte, die – sollten sie so gelaufen sein – man als kurios, naiv und auch als anrüchig bezeichnen muss.

2002 beauftragt Steffen Georg Nartschik, so erzählt er es, einen befreundeten Unternehmer, das Firmengrundstück zu kaufen. „Ich selbst durfte das wegen des Insolvenzverfahrens nicht.“ Das Geld für den Kauf bringt Nartschik angeblich selbst auf – ob aus seinem Privatvermögen oder aus der Firmenkasse, lässt er offen. Der Freund kauft – angeblich als Strohmann – die Schlosserei und steht nun als neuer Eigentümer im Grundbuch. Schlosser Nartschik will darin kein Problem sehen. „Ich wollte, dass das nicht in fremde Hände gerät, damit ich hier leben und arbeiten kann.“

Tatsächlich hält er alle Fäden in der Hand. 2004 schließt er mit dem befreundeten Unternehmer einen Vertrag über die unentgeltliche Nutzung des Grundstücks ab. Nartschik ist es auch, der für alle laufenden Kosten wie Steuern, Versicherung und notwendige Reparaturen aufkommt. Als das Dach kaputt ist, lässt er es für 119 000 Euro neu decken – die Schlosserei wirft schließlich genügend Gewinn ab. Der befreundete Unternehmer hält sich zurück, so stellt der Schlosser es dar.

War es so? Der Unternehmer ist für die SZ nicht erreichbar. Fest steht: Schon damals hätte die Sache schiefgehen können. Was, wenn der Freund plötzlich auf andere Gedanken gekommen wäre, zum Beispiel, dass ihm ja das Grundstück gehört? Noch heute weist Steffen Georg Nartschik diese zurück. „Ich konnte meinem Freund blind vertrauen. Alles war in Ordnung, so hätte es weiterlaufen können.“ Es lief aber nicht so weiter und das blinde Vertrauen sollte sich rächen.

Einjährige Auszeit

Mitte der 2 000er-Jahre geht es Steffen Georg Nartschik gesundheitlich immer schlechter. Er leidet unter Diabetes, wiegt bei normaler Körpergröße fast 150 Kilogramm, erleidet einen Schlaganfall. Als er 2009 wieder auf den Beinen ist, fasst er den Entschluss, sein Leben zu ändern. Er will sich eine einjährige Auszeit nehmen und beschließt, nach Rom zu pilgern. Das sind fast 1 500 Kilometer zu Fuß. Seine Mitarbeiter, damals noch zehn Mann, sollen die Firma weiterführen.

Fast ein Jahr vor seiner Abreise, so erzählt es Steffen Georg Nartschik, sei sein Anwalt auf ihn zugekommen. Dieser hatte die Schlosserei immer wieder erfolgreich in Rechtsstreitigkeiten vertreten. Auch zu ihm hat Steffen Georg Nartschik uneingeschränktes Vertrauen. „Wir waren per Du“, sagt er. Dieser Anwalt habe ihn gefragt, was mit dem Grundstück sei. An diesem Punkt beginnt eine Geschichte, die Nartschik heute nur noch bruchstückhaft zusammenbekommt – falls sie überhaupt stimmt. Von nun an ist von getürkten Papieren, Pro-forma-Verträgen, gefälschten Unterschriften und einem angeblichen Betrug in großem Stile die Rede.

Kern der Nartschik-Version: Der Anwalt luchst dem Schlosser, also seinem Strohmann, das Grundstück ab und bezahlt dafür keinen Cent. Der Rechtsanwalt, der in Dresden arbeitet, will sich dazu nicht detailliert äußern und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Ich habe die Geschichte satt. Seit Jahren prozessiert Herr Nartschik gegen mich und behauptet, das Grundstück sei seins. Dabei stand er nie im Grundbuch. Ich habe zwei Gerichtsurteile, alles ist sauber gelaufen“, sagt er lediglich. Er sagt, dass er 2010 das Grundstück ganz legal vom Eigentümer, also dem mit Nartschik befreundeten Unternehmer, für eine hohe fünfstellige Summe gekauft habe. „Die Gelegenheit war günstig, der Preis gut und ich hatte die Schlosserei als Mieter.“

Steffen Georg Nartschik aber betrachtet das Grundstück als sein Eigentum, das nur andere für ihn „treuhänderisch besitzen“, wie er das nennt. Dennoch unterschreibt er einen Mietvertrag, von dem er heute behauptet, er sei ihm untergejubelt worden. „Ich weiß nur noch eines: Ich habe vor meiner Rom-Reise mehrere Sachen unterschrieben und wusste nicht, was ich tue.“

Am 17. September 2010 macht er sich auf den Weg nach Rom, in schwarzen Herren-Slippern, mit einem dicken Rucksack auf dem Rücken. Seine Vorbereitungen, die Abreise, die ersten Etappen – all das ist als Fernsehbeitrag noch heute im Internet zu sehen. Der 150-Kilo-Mann schafft es bis Verona. Dort bricht er zusammen – Schlaganfall. Er kommt im Koma zurück, wacht erst nach fünf Monaten wieder auf. Es ist ein böses Erwachen.

Insolvenz und Gründung einer neuen Firma

Steffen Georg Nartschik ist körperlich weitestgehend gelähmt und von nun an auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Steffen Georg Nartschik Schlosserei und Stahlbau GmbH muss im Februar 2012 Insolvenz anmelden, ein von ihm als Geschäftsführer eingesetzter junger Mitarbeiter muss die Sache mit ausbaden. Sofort gründet Schlosser Nartschik ein neues Unternehmen und überredet denselben jungen Mitarbeiter und GmbH-Geschäftsführer, die Einzelfirma als Inhaber zu betreiben. Das geht nicht lange gut. Im Frühsommer 2013 überwerfen sich die beiden, der junge Mann muss für das Unternehmen Insolvenz anmelden und haftet mit seinem gesamten Privatvermögen. Auch Steffen Georg Nartschik ist inzwischen in Privatinsolvenz.

Die Scherben der GmbH kehrt nun Insolvenzverwalter André Nickel auf. Er hat versucht, Einblick in die wirren Geschichten, Handschlaggeschäfte, Verträge und Buchführungen zu bekommen. „Was da im Einzelnen immer gelaufen ist und was es mit der Grundstücksgeschichte im Detail auf sich hat, habe ich nie ganz herausbekommen“, sagt er. Es sei für die Abwicklung der Firma auch nicht alles wichtig gewesen. Er bezeichnet den Absturz des Steffen Georg Nartschik als eine selbstverschuldete Tragödie. „Man kann doch nicht ein Grundstück als sein Eigentum betrachten und dort Geld versenken, wenn es einem nicht gehört“, sagt André Nickel. Er habe den Eindruck gewonnen, dass Steffen Georg Nartschik in einer Fantasiewelt lebt, in der sich alle gegen ihn verschworen haben. „Er erzählt immer wieder die gleichen Geschichten, kann sie aber nie beweisen.“

Dem Grundstückseigentümer, Nartschiks ehemaligem Anwalt, reicht es inzwischen. Er hat die Räumung veranlasst, weil Steffen Georg Nartschik seit Jahren keine Miete mehr zahlt und ihn stattdessen mit Strafanzeigen überzieht. Nartschik sitzt nun in seinem Büro, abwechselnd schluchzt, flucht und schreit er, wenn er seine Geschichte vorträgt. In einem Moment wirkt er vernünftig, im nächsten Augenblick völlig wirr. Er sagt, ihm sei eigentlich egal, wem das Grundstück gehöre. „Ich will hier nur bis zu meinem Lebensende mietfrei leben und arbeiten.“

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