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Abwanderung hat den Osten alt gemacht

Nach '89 gingen über dreieinhalb Millionen Ostdeutsche in den Westen. Ein riesiges Problem und fast alle Städte und Kreise sind betroffen.

Nach der Öffnung der Grenze fuhren Tausende Ostdeutsche in den Westen. Für die meisten war es nur ein Ausflug, doch in den Monaten und Jahren nach dem 9. November 1989 zogen Millionen endgültig nach Westdeutschland.
Nach der Öffnung der Grenze fuhren Tausende Ostdeutsche in den Westen. Für die meisten war es nur ein Ausflug, doch in den Monaten und Jahren nach dem 9. November 1989 zogen Millionen endgültig nach Westdeutschland. © dpa

Gegen diese Rückkehrer-Prämie war das Begrüßungsgeld ein Klacks: Die Thüringer CDU beschloss in ihrem Programm für die anstehende Landtagswahl, jedem zurückkehrenden Thüringer 5.000 Euro zahlen zu wollen. Auch wenn es sicher zum Teil dem Wahlkampf geschuldet ist, zeigt das doch, dass die Politik sich dem rasanten demografischen Wandel im Osten, der mit dem Mauerfall begann, entgegenstemmt.

In einer Anfang September veröffentlichten Allensbach-Umfrage gab fast jeder zweite junge Ostdeutsche an, sich vorstellen zu können, in den Westen zu ziehen, wegen der besseren beruflichen Chancen. Umgekehrt konnte sich das nur gut ein Fünftel der jungen Westdeutschen vorstellen. Die Bereitschaft, in jungen Jahren die Heimat aus beruflichen und wirtschaftlichen Gründen zu verlassen, ist unterschiedlich ausgeprägt – und zwar links und rechts der mittlerweile blühenden Landschaft entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

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Beide Meldungen zeigen, dass Deutschland noch immer bei den beruflichen und finanziellen Verhältnissen geteilt ist. Die Lohnlücke klafft zwischen Ost und West trotz milliardenschwerer Investitionen im Osten in Häuser, Straßen, Brücken und Betriebe seit der Wende. Sanierte Städte und Dörfer haben zur Angleichung aber nicht zur Gleichheit der Lebensverhältnisse geführt. Das merken selbst die vom Allensbach-Institut befragten 15- bis 24-Jährigen. Sie waren beim Fall der Mauer gar nicht geboren.

Wie eine aufwendige Datenrecherche und -auswertung sowie hervorragende Visualisierung von Zeit Online zeigt, hat die millionenfache innerdeutsche Migration seit 1989 zu enormen Veränderungen des Ostens und Westens geführt. Die negativen Folgen treffen vor allem die ländlichen Gebiete zwischen Kap Arkona und Zittau. Die Ergebnisse im Überblick:

Millionen gingen, Millionen kamen:

Rund sechs Millionen Umzüge gab es von 1991, dem ersten durchgehend gesamtdeutschen Jahr, bis 2017 von Ost nach West und umgekehrt. Zeit Online hat jeden ausgewertet. Nicht berücksichtigt wurden Umzüge von und nach Berlin, da Daten nur für die gesamte Stadt vorliegen und man keine Unterscheidung in Ost und West vornehmen konnte. Fast ein Viertel der ursprünglichen Bevölkerung Ostdeutschlands von 16 Millionen zog in den Westen: 3.681.649. Zwar gab es auch 2.451.176 Zuzüge aus dem Westen, Rückkehrer oder Westdeutsche. Sie konnten aber den Niedergang vieler Orte nicht aufhalten.

© SZ-Grafik

Wanderung geschah in drei Wellen:

Die innerdeutsche Wanderung war durch einen Trend und drei Wellen geprägt: Jedes Jahr verließen mehr Menschen den Osten gen Westen als umgekehrt. Ein Trend, der seit 1957 erfasst ist und erst 2017 kippte. Bis zum Mauerbau 1961 kehrten jährlich Hunderttausende DDR-Bürger ihrem Staat den Rücken. Die erste Welle war damit gestoppt. Die zweite setzte mit dem Mauerfall ein. 1989 und 1990 zogen jährlich knapp 400.000 Ostdeutsche in den Westen. 

Die meisten gingen, weil Betriebe schlossen, und die bis dahin kaum verbreitete Arbeitslosigkeit drastisch stieg. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wurden zwischen 1989 und 1991 mehr als 2,5 Millionen Ostdeutsche arbeitslos. Bis dahin belegen die Daten seit 1957 viel geringere Zuzüge aus dem Westen. Um die Jahrtausendwende setzte eine dritte Abwanderungswelle ein. Es waren vor allem die Jungen, Frauen, gut Ausgebildeten, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Westen zogen.

© SZ-Grafik

Situation in Sachsen:

1990 lag das Durchschnittsalter der Sachsen bei 39 Jahren – 2018 bei 47, ein enormer Anstieg. War zur Wende noch jeder vierte Sachse jünger als 20, ist es jetzt jeder Sechste. Der Anteil der 60-Jährigen oder Älteren stieg von 21 auf 33 Prozent.

Weniger Junge, mehr Alte – vor allem die Abwanderung macht Sachsen zu schaffen. Im Jahr 1991 verlor Sachsen mehr als jedes andere Bundesland im Osten Einwohner: 72.000 gingen. 1994 war das Jahr, in dem erstmals einige Landkreise und kreisfreien Städte Wanderungsgewinne verbuchten. Allen voran: Dresden. Es kamen doppelt so viele wie gingen. Die Bilanz von 1991 bis 2017 ist trotzdem negativ: Es gingen drei Prozent mehr in den Westen, als von dort kamen, in Saldo 14.500 Einwohner – die rund 5.000 noch nicht eingerechnet, die Dresden allein im Jahr 1990 verlor. Überhaupt verloren alle kreisfreien Städte und Landkreise in Sachsen in Saldo an den Westen.

Dafür rechnete die Zeit sämtliche Wanderungen auf die heute gültigen Kreisgrenzen um. Leipzig büßte 1,1 Prozent an den Westen ein – allerdings mit starken Wanderungsgewinnen in den letzten acht Jahren. Görlitz (-10,3), Bautzen (-8,8), Mittelsachsen (-7,9), Meißen (-6,5) und die Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge (-6,3) büßten allesamt ein. 2017 erreichten sie dagegen alle einen leichten Wanderungsüberschuss.

© SZ-Grafik

Viele junge Frauen gingen:

Geburtendefizit, Abwanderung und gestiegene Lebenserwartung seit 1990 haben zu einem drastischen Anstieg des Durchschnittsalters geführt. Fast alle ostdeutschen Kreise und kreisfreien Städte sind davon betroffen. In Sachsen etwa sank die Zahl der Frauen im Alter von 18 bis 24 um über 45 Prozent laut Statistischem Landesamt im Zeitraum 1990 bis 2018. Es gibt zudem 30 Prozent weniger 25- bis 39-jährige Frauen. Dafür leben zwischen Görlitz und Plauen 45 Prozent mehr Frauen, die 80 Jahre oder älter sind. Die Anzahl der Männer diesen Alters stieg gar um knapp 120 Prozent.

Auf dem Lande sieht’s alt aus:

Welche Wucht die Abwanderung im Osten hatte, wird erst so richtig deutlich, wenn man sich alle Landkreise und kreisfreien Städte im Osten anschaut. Fast alle Landkreise verloren zwischen 1991 und 2017 Menschen an den Westen. Schon die Wortwahl „verlor“ zeigt, dass es nicht nur eine zahlenmäßige Veränderung der Einwohnzahl gab, sondern dass die Fortzüge fort wirken. Aus Sicht des Ostens kam es zu gesellschaftlichen Veränderungen, die selten da gewesen sind, wie Stephan Kühntopf und Susanne Stedtfeld in ihrer Studie zu den Folgen der Abwanderung aus Ostdeutschland 2013 feststellten. Die demografische Entwicklung in Ostdeutschland ist durch ein großes Defizit an jungen Frauen in den ländlichen Räumen geprägt, das selbst auf europäischer Ebene beispiellos ist. Grund ist die besonders starke Abwanderung von Frauen.

Das Demografieportal von Bund und Ländern sieht die Kommunen vor großen Herausforderungen. Weniger Einwohner bedeuten demnach auch eine geringere Auslastung von Kitas und Schulen, des öffentlichen Nahverkehrs, Einkaufsmöglichkeiten, Krankenhäusern, Vereinen. Die soziale Infrastruktur bricht weg. Sinkende Einwohnerzahlen führen zu sinkenden Steuereinnahmen und -zuweisungen.

Erst jetzt, bald 30 Jahre später, haben wieder die Hälfte aller ostdeutschen Regionen eine positive Wanderungsbilanz mit den alten Bundesländern. Erstmals ziehen mehr Menschen von West nach Ost als andersherum. Das liegt vor allem daran, dass immer weniger Menschen den Osten verlassen – auch weil in manchen Regionen kaum noch wanderungswillige Menschen da sind, die gehen könnten. Es liegt aber auch daran, dass einige Großstädte und Regionen im Osten wieder Menschen anlocken: Potsdam oder Leipzig zum Beispiel.

Die Auswertungen von Zeit Online basieren auf Daten des Statistischen Bundesamtes, die alle Umzüge zwischen Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland zwischen 1991 und 2017 enthalten. Die Daten wurden auf die Kreiszuschnitte aus dem Jahr 2017 umgerechnet.

Die umfangreiche Auswertung der Ost-West-Wanderungen finden Sie unter diesem Link

30 Jahre Wir

Die Serie "30 Jahre Mauerfall - 30 Jahre Wir" von sächsische.de erinnert mit mehr als 100 Porträts, Essays, Reportagen und Videos an die Friedliche Revolution 1989. Alle Beiträge finden Sie hier in der Themenwelt auf sächsische.de.

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