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Ach, wäre Merkel doch wie Klopp!

Wunder gibt es nicht, sagen Rationalisten. Wunder gibt es immer wieder, singt Katja Ebstein. Ein Kommentar zum Triumph des FC Liverpool. 

Hat das Unmögliche möglich gemacht: Trainer Jürgen Klopp.
Hat das Unmögliche möglich gemacht: Trainer Jürgen Klopp. ©  dpa

Von Malte Lehming 

Die ersten Reaktionen auf ein Ereignis sind zumeist authentisch. Sie drücken ein starkes Gefühl aus, nicht immer einen klugen Gedanken. Reflektiertes, Ausdeutendes und Einordnendes kann später kommen. Das waren die Schlagzeilen am Tag nach dem 4:0-Sieg des FC Liverpool gegen den FC Barcelona im Halbfinale der Champions League: „Das Wunder von Liverpool“, „gegen die Regeln der Logik“, „der Wahnsinn von Anfield“, „eine magische Nacht“, „Momente für die Ewigkeit“, „ein episches Spiel“, „das Fußball-Wunder“. Das Team um Trainer Jürgen Klopp hatte das Unmögliche möglich gemacht und ersatzgeschwächt gegen die beste Vereinsmannschaft der Welt einen 0:3-Rückstand aus dem Hinspiel übertroffen. Das war außergewöhnlich, sensationell, fantastisch. Aber war es ein Wunder?

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Wunder gibt es nicht, erwidern die Rationalisten, alles lässt sich erklären, der Glaube an übernatürliche Kräfte ist ein Aberglaube. Mag sein. Doch umgangssprachlich drückt das Wort etwas Profanes aus – die spontane Begeisterung über eine großartige menschliche Leistung. Auch die sieben Weltwunder der Antike wurden von Menschen geschaffen, der Koloss von Rhodos, die Pyramiden von Gizeh, die Zeus-Statue des Phidias von Olympia. Sie werden bewundert, ganz ohne Rückgriff auf das Wirken eines Gottes oder einer anderen höheren Macht. Dass Menschen aus sich heraus fähig sind, solche Taten zu vollbringen, ist in diesem Sinne vielleicht eines der größten Wunder überhaupt.

Wie machen sie das? Nach dem Spiel des FC Liverpool mangelte es nicht an Erklärungsversuchen für den Erfolg. Der besondere Mannschaftsgeist wurde gelobt, der Kampfeswille, die Unterstützung der Fans („You'll Never Walk Alone“), die Taktik des Trainers, die Leidenschaft, eine ansteckende Begeisterungsfähigkeit, der geniale Eckentrick eines 20-jährigen Spielers.

Und weil Fußball in Deutschland schon immer mehr war als ein Spiel, drängten sich einige Analogien auf. Ach, wäre Merkel doch ein bisschen wie Klopp, würde der Klimaschutz doch ebenso vorangetrieben, wie die Kicker von Liverpool es mit dem Ball in Richtung Barcelona-Tor taten, gäbe es doch dieselbe Leidenschaft, wie sie auf dem Rasen entfacht worden war, für die Europawahl! Solche Reflexe gehören dazu. Ein Traum, der wahr geworden ist, verführt zu weiteren Träumereien.

Ein wenig träumten auch Karl Marx und Friedrich Engels in ihrem „Manifest der Kommunistischen Partei“. Dort heißt es: „Die Proletarier dieser Welt haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.“

Wer diese zwei Sätze aus ihrem klassenkämpferischen Kontext löst, erkennt in dem Geist, den sie atmen, die Ausgangslage des FC Liverpool. Die Spieler hatten nichts zu verlieren, aber eine Welt zu gewinnen, das spornte sie an. Aus Wunsch wurde Wille, und der Wille verwandelte sich in den Glauben, etwas erreichen zu können, von dem alle Experten vor dem Spiel gesagt hatten, es würde ein Wunder sein.

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Nie aufgeben, die Hoffnung nicht verlieren, auch wenn die Lage Hoffnung nicht zu erlauben scheint: Das lehrt das Wunder von Liverpool. Diese Lehre haben die Spieler all jenen geschenkt, die ebenfalls hoffen wollen, aber sich nicht trauen, warum auch immer. In der Hoffnung überspringt die Phantasie die Wirklichkeit. Dass Menschen diese Fähigkeit haben, ist auch so ein kleines Wunder.