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Acht Etagen Leselust

Die SZ trifft Menschen in Pirnas Altstadthäusern. Gaby Langmann und ihr Team bemuttern Buchfreunde in der wohl schönsten Bibliothek Sachsens.

© Daniel Förster

Von Jörg Stock

Pirna. Angenommen, diese Tür hätte ein heute gängiges Maß. Dann wäre Gaby Langmann, die daneben steht und das Türblatt um Einiges überragt, etwa zwei Meter dreißig groß. Sie lacht über diese Rechnung. In echt ist die Chefin von Pirnas Stadtbibliothek mit einem Meter siebenundsechzig beileibe keine Riesin. Doch um diese Öffnung zu durchschreiten, muss selbst sie in die Knie gehen. Es ist die kleinste Tür im ganzen Haus, nur anderthalb Meter hoch. Fast scheint es so, als sei sie für Kinder gemacht. Irgendwie stimmt das auch. Die Kleinen drücken nur zu gern die urige Eisenklinke, erzählt Frau Langmann. „Kinder lieben diese Tür.“

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Die schönst Bibliothek Sachsens

Barocker Schick: Dieser herrliche Durchblick bietet sich in der Sachbuchabteilung in der ersten Etage.
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Leselöwe Bibolino wartet in der Kinderbibliothek unterm Dach auf seine Fans.
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Mystischer Unterbau: Die romanischen Kellergewölbe stammen aus der Frühzeit von Pirnas Stadtgeschichte.
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Fahrstuhl durch die Jahrhunderte: Von der Haushalle im Erdgeschoss geht es acht Haltestellen nach oben.
Fahrstuhl durch die Jahrhunderte: Von der Haushalle im Erdgeschoss geht es acht Haltestellen nach oben.
Kopf einziehen! Reporter Jörg Stock passiert die kleinste Tür des Hauses.
Kopf einziehen! Reporter Jörg Stock passiert die kleinste Tür des Hauses.

Wer in der Stadtbibliothek nach Kopfnahrung sucht, der muss aufpassen, dass er sich keine Beule holt. Niedrige Türhöhen sind hier die Norm. Sogar die Benutzerordnung warnt davor. Ja, die Leute des 17. Jahrhunderts waren kleiner als wir und sie beschränkten Raumöffnungen auf das Minimum. Für Gaby Langmann ist das ein Umstand, mit dem sie leben muss. Das alte Gemäuer unterwirft sich nicht bedingungslos seinen modernen Nutzern. Es fordert Kompromisse. Vielleicht liegt es an solchen kleinen Schrullen, dass die Pirnaer ihr „Medienhaus“, wie die Chefin es nennt, so lieben. Hier gibt es Informationen und zugleich Aufenthaltsqualität. Manche reden von der schönsten Bibliothek in Sachsen. Frau Langmann würde das unterschreiben.

Das Haus Nummer 76 ist das größte in Pirnas Dohnaischer Straße. Ein grimmiges Löwenhaupt mit Goldreif im Maul wacht über der Pforte. Der Koloss ist aus zwei mittelalterlichen Urbauten entstanden und mit den Jahrhunderten immer weiter gewachsen. Hier wohnten Ratsherren und Bürgermeister, Großkaufleute und Richter, Ärzte und Militärs. Im 20. Jahrhundert verlotterte das Anwesen mehr und mehr, bis die Stadt Pirna es Anfang der 1990er-Jahre kaufte. Wie sollte neues Leben in den kleingliedrigen Riesenbau kommen? Der Stadtrat entschied, die Bibliothek vom schäbigen Quartier auf der Klosterstraße hierher zu verlegen. Für Gaby Langmann eine der prägendsten Entscheidungen des Rates in dieser Zeit. „Es war sensationell!“

Gaby Langmann, 50 Jahre alt, blonde Mähne, sportliche Statur, lernte die Bibliothek ihrer Heimatstadt Pirna schon als kleines Mädchen kennen. Der Großvater nahm sie dort hin mit. Er war es, der sie zum Lesen verführte, sagt sie. Sie „schwartete“ damals alles, was ihr in die Hände fiel, auch Philosophisches und ähnlich schwere Kost. Sie liebte es, mit dem Buch in der Hand in andere Menschen hineinzuschlüpfen und ihre Geschichten zu erleben, neue Welten zu erkunden. Das tut sie bis heute. Das Lesen, sagt sie, ist wie eine Sucht, die man in sich hat und die man nicht wieder loswird.

Ihrer Leidenschaft folgend, wurde Gaby Langmann Bibliothekarin. Den Beruf hat sie noch zur DDR-Zeit in Leipzig studiert. Eigentlich wollte sie nach Berlin gehen, an eine Kinderbibliothek. Mit Kindern arbeiten hatte ihr stets gefallen. Und Berlin gefiel damals sowieso. Es war ein Sehnsuchtsort, der trotz Mauer ein Stück Freiheit und alternative Lebensart versprach. Doch der Staat durchkreuzte den Plan. Gaby Langmann wurde nach Pirna zurückgeschickt. Damals ärgerte sie das. Andererseits sagte sie sich: Wer weiß, wozu es gut ist.

Heute weiß sie es. Nach zehn Jahren Dienst in der Stadtbibliothek übernahm sie 1997 den Chefposten und durfte so die Verwandlung des Renaissance-Hauses Dohnaische Straße 76 in eine Zentrale der Leselust mit bewerkstelligen. Mit ihren Ideen hat sie dazu beigetragen, dass die historische Bausubstanz ihrem neuen Zweck gerecht wird. Beispiel: der Bücherfahrstuhl. Er wurde in einen alten Kaminzug eingebaut, der durch das ganze Haus reicht. So können Bücher – pro Tag werden an die tausend Stück an der Rückgabetheke im Erdgeschoss eingenommen – schnell in die richtige Etage gebracht und dort einsortiert werden. Das Herumschleppen der Bände in Körben treppauf und treppab entfällt.

Einen Lift gibt es auch für Menschen. Auch auf den ist Frau Langmann ein wenig stolz. Man denkt, in ein Hochaus zu fahren. Vom Empfang in der Haushalle bis hinauf unters Dach sind es acht Haltestellen, was Besucher regelmäßig verdutzt. Jedes Zwischengeschoss wird vom Fahrstuhl bedient und die Türen können sich nach drei Seiten öffnen. Für die Fahrstuhlbauer war die Konstruktion eine Herausforderung, sagt Gaby Langmann. Eine Tür ist sogar aus Glas gemacht. So können die Leser das Haus schon vom Lift aus erleben.

Mit Elvis zum Bücherball

Leser – ein Wort, das im Bibliotheksbetrieb auf dem Rückzug ist. Man spricht jetzt häufiger von den Kunden. Die Bibliothek ist längst nicht mehr die bloße Ausleihstation für Lesestoff. Die Medien sind vielfältiger geworden. Mittlerweile geht es vor allem um Informationsmanagement, sagt Gaby Langmann. „Die Leute fragen, wo sie die gesuchten Informationen herbekommen, und das schnell.“ Das trifft auch und besonders auf die Flüchtlinge zu. Sie wollen über ihr Gastland Bescheid wissen. Viele von ihnen, vor allem die Kinder, saugen Neues auf, wie ein Schwamm.

Bisher haben sich rund siebzig Asylbewerber als ordentliche Nutzer der Pirnaer Stadtbibliothek eingetragen. In der „Willkommensbibliothek“ sind ständig die Wörterbücher aus. Mancher Flüchtling sitzt jeden Tag am Computer, um übers Internet Kontakt mit der Heimat zu halten. Gaby Langmann mag es, fremde Gesichter in ihrem Haus zu sehen, das sie als einen Ort der Begegnung zwischen Menschen versteht. Und Flüchtlinge, sagt sie, sind in erster Linie Menschen wie jeder andere auch.

Die Stadtbibliothek hat etwa sechseinhalb Tausend Nutzer und beherbergt rund 70 000 Medieneinheiten. Täglich kommen vier- bis fünfhundert Menschen her und leihen etwa tausend Bücher aus. Mit diesen Leistungsdaten ist die Pirnaer Bibliothek eine der führenden in Deutschland. Ein Selbstläufer ist das keineswegs, sagt Gaby Langmann. Es reicht nicht, allen zu erzählen, wie schön Lesen ist. Ideen sind gefragt und ein Gespür für das, was die Leute wollen. „Man muss die Trends riechen, bevor sie da sind.“

Unter Gaby Langmanns Führung haben sich zahlreiche Veranstaltungen etabliert, die Menschen an das Haus binden, so die Krimi-Nacht und der Bücherball. Wo sonst Regale stehen, wird dann geschwoft, zuletzt im Stile der „Rocking Sixties“ mit Petticoats und Elvis-Double. Auch wenn das Haus schon sieben Jahrhunderte auf dem Buckel hat – man muss es deshalb nicht zu einem Museum machen, sagt Frau Langmann. „Man muss flexibel sein.“

Ganz oben, direkt unterm Dachgebälk von 1613, liegt der Lieblingsort von Gaby Langmann – die Kinderbibliothek. Ob Krabbelkind oder Oberschüler – hier findet jeder, was er mag. „Für mich wäre es das Paradies gewesen“, sagt sie. Hin und wieder kann man hier auch Bibolino treffen, den Leselöwen, der die Kinder bei ihren Entdeckungsreisen im Bücherreich begleitet. Oft genug hat Gaby Langmann selbst in dem dicken Fell des knuffigen Maskottchens geschwitzt und nach Luft gerungen. Der Erfolg ist die Mühe wert, findet sie. „Und es macht unheimlich viel Spaß.“

Gaby Langmann hat noch siebzehn Jahre Berufsleben vor sich. Sie freut sich darauf. Ihr wird nicht langweilig werden. Es gibt noch so viele Ideen, sagt sie, so vieles, was man sich vorgenommen hat. „Und immer wenn man denkt, jetzt wird es ruhiger, dann passiert wieder irgendwas.“