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Acht Stunden mit Panzern und Leichen

Sie sind standfeste Wächter und stumme Beobachter – zwei Museumswärterinnen berichten vom Alltag zwischen Exponaten.

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Von Doreen Hübler

Barbara Bergmann, 63, arbeitet seit zehn Jahren im Militärhistorischen Museum Dresden

Wenn es um Panzer geht, kann Barbara Bergmann so schnell niemand etwas vormachen. Sie weiß alles: Seriennummern, Baujahre, Einsatzgebiete. Fast so, als hätte sie selbst schon einen gelenkt. Mit eiligen Schritten tippelt sie durch das Militärhistorische Museum am Rand von Dresden, zeigt mal hier auf ein Ausstellungsstück, klärt mal dort über einen Sachverhalt auf und sagt einen Satz immer wieder: „Ich bin wirklich stolz, dass ich das alles hier bewachen darf.“ Immer noch, immer wieder. Seit zehn Jahren verdient sie ihr Geld als Museumswärterin. Es ist die letzte Station eines langen Berufslebens. Drei Ausbildungen hat die gebürtige Dresdnerin absolviert, erst war sie Kellnerin, dann Verkäuferin, später Schneiderin, irgendwann hat es sie zum Militär verschlagen. Oder zumindest an den Ort, in dem der Krieg hinter Schaufensterglas ausgestellt ist. So lange, wie das Hauptgebäude des Museums umgebaut wird, ist die Dauerausstellung im benachbarten Interimsquartier zu sehen. Der Platz reicht gerade einmal für ein Viertel der Exponate. Ab und zu muss sich Barbara Bergmann dazu nörgelnde Kommentare von Besuchern anhören. Das ist aber auch schon der einzige Wermutstropfen, den sie über ihren Job vergießt. Der sei wundervoll, weil man jeden Tag etwas dazulernen kann. Bei ihren Gängen durch die Halle ergeben sich ständig neue Fragen. Oft leiht sie sich die Antworten aus der Bücherei aus, manchmal erkundigt sie sich bei Experten. Zum Beispiel nach der Übersetzung einer lateinischen Inschrift auf einer Pickelhaube. Die sei ihr vorher nie aufgefallen, nun will Barbara Bergmann genauste Informationen. „Ich muss ja den Gästen Auskunft geben können“, sagt sie. Heute hält sich der Andrang in Grenzen. Ein echter Sauerbier-Tag, sagt Barbara Bergmann. Nicht für sie. Wenn wenig los ist, hat sie Zeit darüber nachzudenken, was man in der Ausstellung denn noch verbessern könnte.

Kerstin Müller, 47, steht in der Sonderausstellung „Six Feet Under“ des Hygienemuseums

Im Dienstplan von Kerstin Müller ist der Tod eingetragen. Ein, zwei Tage die Woche, manchmal häufiger, breitet er sich an ihrem Arbeitsplatz aus. Dann dreht sich für acht Stunden alles um Verwesung, Bestattung und Wiederauferstehung. Seit über zwei Jahren arbeitet die Dresdnerin als Aufsicht im Hygienemuseum. Mal wacht sie über die kleinen Gäste im Kindermuseum, dann wieder steht sie im Schatten der Gläsernen Frau in der Dauerausstellung und schließlich wandert sie mit ihrem Funkgerät seit September letzten Jahres auch durch die Sonderschau „Six Feet Under“. Ein Job wie jeder anderer. Wenn denn nicht der Tod, der sonst tief in der Gesellschaft vergraben ist, plötzlich überall wäre.

Abwechselnd mit ihren Kollegen beaufsichtigt Kerstin Müller die vier Abteilungen des morbiden Komplexes. Für sie eine besondere Erfahrung, weil das auch das Thema sei. „Es ist mit Sicherheit die krasseste Schau, die ich bisher begleitet habe“, sagt die 47-Jährige. Das liegt vor allem an den Exponaten, von denen sie an einem Arbeitstag im rechten Flügel des Gebäudes umgeben ist. Skelette, nachgebildete Leichen, riesige Fotos mit verfallenen Körpern. Das Sterben in allen Etappen. Für manche Bilder oder Gegenstände brauche sie das routinierte Auge eines Museumswärters. Das schaut sich die Ausstellungsstücke an und blickt doch hindurch. „Ich konzentriere mich auf Sachen, die mir gefallen“, sagt Kerstin Müller. Den Vorschlag eines Künstlers zum Beispiel, der das Regal eines schwedischen Möbelherstellers zum Sarg umfunktioniert hat. „Das ist doch mal eine gute Idee“, sagt sie.

Die Konzentration in ihrem Berufsleben hat sich im Laufe der Jahre verändert. Früher, als Kerstin Müller noch als Zahntechnikerin arbeitete, habe sie sich viel mit den Händen beschäftigt, erzählt sie. Nun hat sich der Schwerpunkt auf die Beine verlagert. Immer wieder am selben Fleck stehen, manchmal ein paar Meter auf und ab gehen. Viele, lange Stunden. Alles eine Frage der Gewohnheit, erklärt sie. Und Langeweile, an die sei überhaupt nicht zu denken, winkt sie ab. „Und, falls doch mal weniger Besucher kommen, lese ich mir einfach die Informationstafeln durch.“

Jedes Mal ist sie wieder gespannt, wenn eine neue Ausstellung eröffnet wird, dann freut sie sich auf den ersten Rundgang und die Exponate, die sie während der folgenden Monate begleiten. Lange dauert es nicht mehr, bis Kerstin Müller den letzten Tag mit dem Tod verbringt und sich einem anderem Thema widmet. Am 6.März wird die nächste Sonderausstellung präsentiert. In der geht es um Glück. Das sei doch mal ein guter Wechsel, sagt Kerstin Müller. Denn irgendwann sollte auch das Sterben ein Ende haben.