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Dresden

"Ich bin Dresdner, ich sächsel wie verrückt"

Charlotte Simunek ist ein Dresdner Original. Ihre Sprüche sorgen für so manchen Lacher im Pflegeheim.

"Ich sächsel wie verrückt": Charlotte Simunek ist auch mit 99 Jahren nicht auf den Mund gefallen.
"Ich sächsel wie verrückt": Charlotte Simunek ist auch mit 99 Jahren nicht auf den Mund gefallen. © René Meinig

Hier noch ein bisschen zuppeln, da noch ein bisschen friemeln, dann endlich hat Charlotte Simunek die kleine gestrickte Wärmflasche in die richtige Form gebracht. Bei der früheren Lohnbuchhalterin muss das schon alles korrekt passen. Allerdings machen ihre Finger nicht mehr so richtig mit, deswegen überlässt die 99-Jährige das Stricken selbst lieber Ines Horlebeck, ihrer Betreuerin im Senioren-Wohnpark "Am Großen Garten". Dabei hat Charlotte früher alles umstrickt, was nicht weglaufen konnte. Vom Kissen bis zum Kaffeewärmer.

Heute ist Bastelstunde und die Bewohner arbeiten gerade an einem wichtigen Auftrag. Die Uniklinik hat 200 kleine Wärmflaschen für ihr Teddykrankenhaus bestellt, mit dessen Hilfe Kindern die Angst vor dem Arzt genommen werden soll. Wahlweise werden die Flaschen gestrickt oder gehäkelt. Auch Charlottes Tochter Brigitte ist fleißig dabei und hat neulich schon etliche Exemplare abgeliefert.

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Brigitte kommt jeden Mittwochvormittag und bringt ihr Rätselheft mit. Mama Charlotte hat dasselbe im Abo, sodass die beiden gleich die Lösungen vergleichen können. Dafür reicht Charlotte dank ihrer Augenoperationen ihre 2,95-Euro-Lesebrille. "Ich habe auch schon viele Preise gewonnen", sagt Charlotte, unter anderem eine Badetasche, ein elektrische Zahnbürste und Blumensträuße. Seit sie vor vier Jahren ins Pflegeheim kam, schickt sie allerdings keine Lösungen mehr ein.

Gemeinsam mit ihrer Betreuerin Ines Horlebeck gestaltete Charlotte Simunek in der Bastelstunde Bilder aus Scherben.
Gemeinsam mit ihrer Betreuerin Ines Horlebeck gestaltete Charlotte Simunek in der Bastelstunde Bilder aus Scherben. © Christian Juppe

Notgedrungen hat sich einiges verändert für die "flotte Lotte", wie sie früher während ihrer Kindheit im Hechtviertel genannt wurde. Sie sei immer äußerst mobil und temperamentvoll gewesen, sagt sie. Heute ist sie nur noch letzteres, wobei sie sich immerhin noch hinter ihrem Rollator ganz passabel durch die Gänge bewegen kann. Mit Vorliebe unterhält sie dabei ihre Mitbewohner und Betreuer mit ihrer flapsigen Sprüchen, vortragen in einem herrlich unverfälschtem Sächsisch. "Ich bin ja ein alter Dresdner, ich sächsel wie verrückt."

Ihre ersten Monate im Pflegeheim waren nicht einfach. "Charlotte brauchte einige Zeit, um sich einzugewöhnen", erinnert sich Ines Horlebeck. Noch heute sage sie manchmal zu ihrer Tochter: Hol mir mal dies oder das aus dem Büffet - obwohl es gar kein Büffet mehr gibt. Über 50 Jahre wohnte sie zuletzt auf der Wurzener Straße in Mickten, davon die letzten 37 Jahre allein. Wenn Charlotte Simunek von früher erzählt, dann sitzen noch jeder Name und jede Jahreszahl. Und wenn ihr doch mal etwas nicht einfallen sollte? "Dann klopp ich hier hinten droff, damit es vorrutscht", erklärt sie und schlägt sich dabei energisch auf den Hinterkopf.

Charlottes erster Mann, der Vater ihrer beiden Kinder, blieb in Stalingrad. Nach ihrer Hochzeit 1940 hatte sie ihn nur noch dreimal für 14 Tage sehen dürfen. Gerhard wurde 1949 für tot erklärt. Zwei Jahre später nahm sie ihren Rudi zum Mann, der 1983 starb. Noch einmal zu heiraten, kam für sie danach nicht infrage. "Das hat mir gelangt, ständig die langen Unterhosen zu waschen", sagt sie und ihre Betreuerin kringelt sich einmal mehr von Lachen.

 Ihren ersten Mann Gerhard durfte Charlotte Simunek nach der Hochzeit nur noch selten sehen.
 Ihren ersten Mann Gerhard durfte Charlotte Simunek nach der Hochzeit nur noch selten sehen. © Repro: Rene Meinig

Auch, um sich von der plötzlichen Einsamkeit abzulenken, arbeitete Charlotte Simunek viel länger, als sie gemusst hätte. Erst 1989 ging sie mit 70 als Gruppenleiterin im Elektromotorenwerk in Rente. Bis in diese Position hatte sie sich über die Jahre hochgearbeitet, nachdem sie zunächst als Reinigungskraft angefangen hatte. Während ihr Temperament sie dort weit brachte, hatte es ihr zuvor bei der Küchenarbeit in einem Kinderheim manches Mal Probleme eingebracht. Als sie sich zum Beispiel mit Kolleginnen über ihren Chef lustig machte, mussten sie anschließend abends um elf mit der Zahnbürste die Küche schrubben.

Heute sind die Zeiten nicht mehr ganz so wild. Am liebsten sitzt Charlotte in ihrem Zimmer am Fenster und beobachtet das Treiben auf dem Comeniusplatz. Das ist allemal unterhaltsamer, als das Fernsehprogramm. Für die frische Luft öffnet Charlotte Simunek auch gern oft und lange ihr Fenster. Den Pflegekräften wird ihr Zimmer dann zwar viel zu kalt, aber sie besteht darauf. "Ich will doch nicht im Mief sitzen."

Aus ihrer Wohnung hat sie nur eine Kommode und einen kleinen Tisch mit genommen. An den Wänden hängen Fotos ihrer Lieben. Die Kinder, die Urenkel und Ururenkelin Vanessa, die vier Jahre als ist. Auch zwei besondere gerahmte Bilder haben einen Ehrenplatz bekommen. Sie sind aus Scherben zusammengesetzt, die vermutlich von den Angriffen auf Dresden im Februar 1945 stammen. Die äußerst kreative Betreuerin Ines Horlebeck hat sie an verschiedenen Orten eingesammelt und ihnen in den Bastelstunden im Pflegeheim eine neue Bedeutung geschenkt.

Obwohl Charlotte Simunek fast ihr ganzes Leben in Dresden verbracht hat, erlebte sie die Weltkriegsbomben im März 1945 in Chemnitz. Ihr Sohn Peter war gerade zwei Jahre alt, als ihre Familie ausgebombt wurde. Nach Kriegsende zog sie nach Volkersdorf und nach der Rückkehr ihres Rudis zurück nach Dresden. Anfangs wohnten sie zeitweise zu zwölft in der Drei-Raum-Wohnung an der Wurzener Straße. Für sie sollte es für mehr als 50 Jahre das Zuhause werden.

Schon in der Schule gehörte die Hecht-Lotte (obere Reihe rechts) zu den temperamentvollsten Schülerinnen.
Schon in der Schule gehörte die Hecht-Lotte (obere Reihe rechts) zu den temperamentvollsten Schülerinnen. © Repro: Rene Meinig

Aus den Scherben in der Bastelstunde legte Charlotte eine weiße Rose in Gedenken an die Opfer und später noch einen Schutzengel. Der Engel soll etwas von einem Selbstporträt haben, deswegen hat Charlotte für das Kleid eine etwas breitere Scherbe ausgesucht. "Man kann gar nicht mehr glauben, dass ich früher mal dürr wie eine Bohnenstange war."

Im Schrank unter den Fotos steht noch ein besonderer Schatz: Jede Menge Eierlikör. Erst kürzlich feierte Charlotte ihren 99. Geburtstag und fast jeder Gast wusste, dass sie bei Eierlikör nicht widerstehen kann. Natürlich getrunken aus den kleinen Bechern mit Schokoüberzug. "Wenn schon, denn schon", sagt sie. Immer mal ein Gläschen in netter Gesellschaft, das müsse sein. "Aber nicht so viel, dass es in der Rübe rumpelt!"

Nein, langweilig wird es mit der flotten Lotte nicht so schnell, aber jetzt macht sie unmissverständlich deutlich, dass sie sich erst einmal wieder ihren Wärmflaschen widmen wird. "Ich muss hier noch ein bissel weiterfuzzeln", sagt sie. Die Einladung zum 100. Geburtstag im Januar 2021 steht aber. Und wie geht's danach weiter? "Eine ganz blöde Frage. Dann geht’s natürlich wieder mit eins los." 

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