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Achtung, Rentner!

Auf den Straßen im Kreis sind immer mehr ältere Menschen mit dem Auto unterwegs. Mit gefährlichen Folgen.

Von Sebastian Kositz

Blinkende Lichter, große Tafeln mit roten und weißen Streifen. Auffälliger geht es nicht. Der Schilderwagen der Autobahnmeisterei, mit dem für gewöhnlich auf das Ende von Wanderbaustellen hingewiesen wird, ist eigentlich nicht zu übersehen. Und doch krachte am Dienstag auf der A 4 bei Pulsnitz ein Wohnmobil frontal auf genau dieses Fahrzeug. Der 84-jährige Fahrer des Wohnmobils hatte das Gefährt offenkundig viel zu spät erkannt. Glücklicherweise gab es keine Verletzten.

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Es sind Vorfälle wie diese, welche die Debatte um ältere Menschen hinterm Steuer stets aufs Neue anfachen. Und jetzt hat die Polizeidirektion in Görlitz Zahlen geliefert, die deutlich machen, wie sehr Rentner immer mehr zum Problem auf den Straßen werden können. Allein im vergangenen Jahr registrierten die Beamten demnach im Landkreis Bautzen 148 Unfälle mit Verletzten, bei denen Rentner die Verursacher waren – 24 mehr, als noch im Jahr zuvor.

Bislang waren es vornehmlich die Fahranfänger, die einen Anlass zur Sorge boten. Die verursachten 2011 im Landkreis noch 230 Unfälle mit Verletzten, vergangenes Jahr waren es nur noch 155. Die Hauptursache dafür ist die demografische Entwicklung. Während immer weniger junge Leute in der Oberlausitz wohnen, nimmt die Anzahl der alten Menschen und damit auch der Senioren hinterm Steuer immer mehr zu. Schätzungen gehen davon aus, dass bis 2030 jeder zweite Verkehrsteilnehmer in Ostsachsen älter als 65 Jahre sein wird. Allein deshalb geht die Polizei davon aus, dass künftig immer mehr Senioren als Verursacher an Unfällen beteiligt sein werden.

Generell gelten ältere Autofahrer aus Sicht der Polizei als vorausschauende, eher defensiv eingestellte Autofahrer. Doch der Blick auf die konkreten Ursachen der Unfälle zeigt, dass bei den Senioren oft Unachtsamkeiten den Ausschlag geben. Anders als bei den Fahranfängern spielt bei Rentnern das Rasen und der Alkohol weniger einer Rolle. Stattdessen machen Fehler beim Abbiegen, das Missachten der Vorfahrt oder zu geringer Abstand fast die Hälfte der Gründe bei Unfällen mit Personenschäden aus, bei denen Menschen im Alter über 65 Jahre die Verursacher sind (siehe Grafik). In der Rubrik „Sonstiges“ sind zudem noch Verstöße gegen das Rechtsfahrgebot oder Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr enthalten, wie Polizeisprecherin Susanne Heise sagt.

Der renommierte Bautzener Verkehrsexperte Dieter Müller weiß um die Gründe für die Defizite älterer Autofahrer. Für Senioren sind nach seiner Einschätzung Situationen im Verkehr, wo genau geschaut und der Kopf gewendet werden muss, mitunter sehr schwierig. „Das gelingt manchen nicht mehr, ohne den gesamten Oberkörper zu drehen. Daraus resultiert eine Unsicherheit, die sich bei der Fahrweise fortsetzt – und dann auch zu Unfällen führen kann“, erklärt der Fachmann.

Experte fordert medizinische Tests

Dass sich mit dem demografischen Wandel und der Alterung der Gesellschaft deshalb künftig zwangsläufig mehr Unfälle mit Senioren ereignen werden, glaubt auch Dieter Müller. Der Wissenschaftler hält aber nichts davon, älteren Menschen deshalb das Autofahren ab einem gewissen Alter pauschal zu untersagen. Schon deshalb, weil die Menschen gerade in ländlichen Räumen auf das Auto angewiesen sind. „In den Landkreisen Bautzen und Görlitz ist der Öffentliche Personennahverkehr in den vergangenen Jahren immer mehr ausgedünnt worden. Das Auto ist für viele ältere Herrschaften die einzige Alternative, um Einkäufe zu erledigen oder zum Arzt zu gelangen“, so der Verkehrsexperte.

Insoweit sieht Dieter Müller zunächst die Politik in der Pflicht, wieder mehr ÖPNV-Angebote zu schaffen: „Die Senioren werden sonst ja geradezu gezwungen, solange wie möglich Auto zu fahren.“ Zugleich fordert er aber auch, ältere Menschen bei ihren Problemen mit dem Autofahren zu unterstützen. Vorrangig durch Prävention. Dieter Müller verweist dabei auf medizinische Tests. „Wir haben allerdings das Problem, dass es im Landkreis bislang nicht annähernd ausreichend Verkehrsmediziner gibt. Dort muss gehandelt werden“, sagt der Wissenschaftler, der dabei auch nicht ausschließt, entsprechende Überprüfungen für Menschen ab einem Alter von 70 Jahren zur Pflicht zu machen.

Zudem plädiert Dieter Müller für mehr Aufklärung. In Arztpraxen oder vor Supermärkten könnten an Infoständen ältere Autofahrer für die Problematik sensibilisiert werden. „Es spricht doch nichts dagegen, dort Sehtests anzubieten, wo Senioren herausfinden können, ob es mit der Sehkraft noch reicht“, so Dieter Müller.

Die Polizei appelliert an ein gesundes Bewusstsein dafür, was sich die Senioren noch selbst zutrauen können. „Auch vertrauensvolle Gespräche mit Familienangehörigen können hilfreich sein“, sagt Susanne Heise. Denkbar seien zudem regelmäßige Seh-, Hör- und Reaktionstests. „Darüber hinaus sind Auffrischungen bei Fahrlehrern – nicht nur für Senioren – ein gutes Mittel, um für den Verkehr fit zu bleiben“, rät Polizeisprecherin Susanne Heise.