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Pet Shop Boys kommen nach Sachsen

Die Ikonen der Achtziger nehmen ein Liebesalbum für Berlin auf und stellen es live in Leipzig vor. Wir trafen sie zum Gespräch.

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„Die Pet Shop Boys machen immer ihr Ding“, sagt Neil Tennant (l.). Mit Chris Lowe (r.) singt er jetzt ein Loblied auf Berlin.
„Die Pet Shop Boys machen immer ihr Ding“, sagt Neil Tennant (l.). Mit Chris Lowe (r.) singt er jetzt ein Loblied auf Berlin. © Phil Fisk

Der erste Hit der Pet Shop Boys handelte von London – „West End Girls“ war jedoch nicht wirklich ein Loblied. Rund 35 Jahre später feiert das britische Pop-Duo nun die deutsche Hauptstadt als „Hotspot“. Sänger Neil Tennant spricht im Interview über Berlin und Bowie, das neue Album und eine lange Pop-Karriere.

Das neue Album der Pet Shop Boys wurde in den berühmten Berliner Hansa Studios produziert. Haben Sie da noch ein paar gute alte David-Bowie-Schwingungen aus den 70ern verspürt?

Wir haben natürlich viel über David gesprochen. Und wir haben uns gefragt, ob er wirklich wie behauptet die Berliner Mauer vom Studio aus sehen konnte. Wir waren nicht überzeugt ... Im Ernst, wir saßen im selben Raum, in dem Bowie damals mit Brian Eno war. Es war aufregend, zu arbeiten, wo diese berühmten Alben entstanden. Und das Studio hatte auch großen Einfluss auf den Sound von „Hotspot“.

In einigen neuen Songs erwähnen Sie konkret „Mitte“ und „Warschauer Straße“, es gibt das Sample der U-Bahn-Ansage „Hallesches Tor“, ein Video wurde am Alexanderplatz gefilmt. Wie hat sich Ihre Verbindung zu Berlin entwickelt?

Vor zehn Jahren haben wir ein Apartment in Berlin gekauft. Und wir haben da Songs geschrieben. Wir mögen Berlin also sehr, das ist ein sehr produktiver Ort für uns. Dann ging es darum, das dritte Album einer Trilogie mit rein elektronischen Platten zusammen mit unserem Produzenten Stuart Price zu machen. Und da dachten wir uns: Warum lassen wir Stuart diesmal nicht aus Los Angeles herkommen und nehmen das Album stärker mit analoger Technologie auf als die beiden davor? Es ist dann auch ganz anders geworden. Und die Platte ist wie ein Liebesbrief an die Stadt.

Was mögen Sie eigentlich an Berlin – und was nicht?

Das Leben hat viel weniger Geschwindigkeit als in London. Es gibt dort mehr Fläche für viel weniger Menschen, und es ist sehr grün. Ich finde es toll, einen Wald mitten in der Stadt zu haben. In 20 Taxi-Minuten sind wir von unserem Apartment aus an einem See. Und wir lieben auch die Musikszene, die vielen kleinen Klubs an der Warschauer Straße, die Galerien, das Herumflanieren. Was die etwas ruppigen Berliner betrifft: Ich komme aus Newcastle, da bin ich an so was gewöhnt. Was ich an Berlin nicht mag, sind diese Hipster. Die denken, sie seien cool und hip, nur weil sie in Berlin leben und einen Bart tragen.

Die neuen Songs sind typisch für die Pet Shop Boys mit ihrer Mischung aus Melancholie und Euphorie. Vieles erinnert an Ihre Songs aus den 80ern und 90ern. Ist „Hotspot“ ein Retro-Album?

Nein, eigentlich nicht. Vielleicht nur insofern, als wir alte analoge Keyboards benutzt haben. Aber wir schreiben keine Retro-Songs. „Monkey Business“ hat wohl etwas davon, mit seinem 70er-Jahre-Styling und Stuarts fantastischer Produktion. Es gibt auch 80er-Jahre-Einflüsse, etwa in „Only The Dark“. Das Stück klingt vielleicht nach einem romantischen Film der späten 80er. Aber insgesamt versuchen wir, nicht retro zu sein.

Die Gitarre in „Burning The Heather“ von Bernard Butler, der früher bei Suede spielte, überrascht. Sie klingt ungewöhnlich in diesem konsequenten Elektro-Sound. Wie kam es dazu?

Heute kann man ja ganz einfach mit einem Apple-Programm eine akustische Gitarre generieren. Das fanden wir lächerlich, und wir nahmen die Gitarre von Bernard, die ein bisschen folky klingt. Das passte da einfach gut rein. Aber es ist dann auch der einzige nicht elektronische Moment auf den drei Alben.

Lassen Sie uns über dieses wunderbar schräge Schlussstück „Wedding In Berlin“ sprechen, das den berühmten Hochzeitsmarsch von Mendelssohn Bartholdy zitiert. Da geht es ja eindeutig nicht um den Berliner Stadtteil Wedding, sondern um eine Hochzeit. Also: Wer hat da geheiratet?

Stimmt, ein Freund von uns, der Künstler Thilo Heinzmann, hat in Berlin geheiratet. Wir konnten da nicht hin, weil wir auf Tour waren. Stattdessen haben wir für Thilo und seine Frau ein Stück geschrieben, es wurde nur ein einziges Mal gepresst, wir gaben es den beiden. Sie haben es auf der Hochzeitsparty gespielt. Dann hörte Stuart den Song und sagte, wir sollten ihn nutzen. Das war überhaupt nicht geplant. Jetzt passt er richtig gut ans Ende des Albums. Als Mixtur von Mendelssohn Bartholdys Hochzeitsmarsch und den Techno-Sounds aus dem Berliner Berghain – also zwei gute deutsche Traditionen in einem Lied.

Voriges Jahr haben Sie die überraschend politische EP „Agenda“ herausgebracht. Haben Sie sich vom Thema Politik seitdem wieder abgewandt?

Nein. Wir haben die Stücke von „Agenda“ ja praktisch zeitgleich mit den meisten von „Hotspot“ geschrieben, uns dann aber entschlossen, zunächst eine eigenständige Vier-Song-EP herauszubringen, als starkes politisches Statement mit satirischen Elementen. Es geht da um den Brexit, Trump und all diese Dinge, um Social Media und am Ende um die Flüchtlinge. Wir wollten „Hotspot“ danach wirklich als unsere Berlin-Platte sehen. Daher die klare Unterscheidung.

Die Pet Shop Boys sind eine der einflussreichsten Popbands der 80er und 90er. Wo stehen Sie heute, im Zeitalter von Spotify? Und welche jungen Künstler finden Sie selbst inspirierend?

Die Pet Shop Boys machen immer ihr eigenes Ding, sie erschaffen ihre eigene Welt. Und genau das tun wir auch weiterhin. Wir sehen uns als Teil der elektronischen Musik und der europäischen Popszene. Über unseren Status machen wir uns aber nicht so viele Gedanken. Wir finden immer noch ein Publikum, wir machen einfach weiter. Was junge Künstler betrifft: Ich mag The Weeknd, der wohl von unserem melancholischen Elektropop beeinflusst ist. Auch bei Lana Del Rey oder Taylor Swift hört man das heraus.

Wie lange werden wir noch neue Musik von den Pet Shop Boys zu hören bekommen? Und was denken Sie, welche stilistische Richtung wird sie wahrscheinlich nehmen?

Ach, wer weiß. Wir schauen nie allzu weit zurück oder allzu weit nach vorn, wir leben lieber in der Gegenwart oder der nahen Zukunft. Wenn man die neue Platte hört, merkt man ihr nicht an, dass sie von zwei Männern in ihren Sechzigern gemacht wurde, oder? Das ist doch schon mal eine tolle Sache. Ich bin auch sehr glücklich, dass meine Stimme nicht gealtert ist. Jetzt sind wir erst einmal auf Tournee, bald auch in Deutschland, mit allen Songs, die es von uns als Singles gab. Das werden euphorische und aufregende Konzerte.

Das Interview führte Werner Herpell, dpa.

Das Album: Pet Shop Boys, Hotspot. x2Records/Kobalt

Die Pet Shop Boys live in Sachsen: 8.5., Leipzig, Arena