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Adels-Feriensitz und später Heimatort 

Vor 40 Jahren ließ die Staatsmacht das Hermsdorfer Schloss sprengen. Die Geschichte wird bewahrt.

Roland Trentzsch zeigt die original erhalten gebliebene Wetterfahne. Auf den Tafeln finden sich auch Fotos der früheren Schlossbesitzer-Familie wieder. Dazu gehört unter anderem das Foto mit Julius Theodor Apel (der letzte Schloss-Eigentümer 1945) mit Soh
Roland Trentzsch zeigt die original erhalten gebliebene Wetterfahne. Auf den Tafeln finden sich auch Fotos der früheren Schlossbesitzer-Familie wieder. Dazu gehört unter anderem das Foto mit Julius Theodor Apel (der letzte Schloss-Eigentümer 1945) mit Soh © Foto: Andreas Kirschke

Hermsdorf. Von 1790 stammt die Wetterfahne aus Guss-Eisen. Ganz oben, auf dem Turm des Schlosses in Hermsdorf Spree, zeigte sie die Windrichtung an. „Kurz vor der Sprengung 1979 wurde sie heruntergerissen. Mutige stiegen damals hinauf auf den Turm“, erinnert sich Roland Trentzsch (58), Ortschronist und Inhaber der Heimatstube, an die Sprengung des Schlosses. 40 Jahre liegt sie zurück. Nur wenig blieb an originalen Zeugnissen erhalten. Die Wetterfahne gehört dazu. Außer ihr entdeckt der Besucher in der Heimatstube noch Bodenfliesen aus dem Eingangsbereich des früheren Schlosses, ebenso Türschlösser, Türbeschläge und Teilstücke der früheren originalen Wasserleitung aus Holz. „150 Meter hinter dem Schloss, in Richtung Oppitz, lag damals die Wasserquelle. Hermsdorf ist seit jeher Sumpfgebiet. Hier liegen viele Wasserquellen“, erzählt Roland Trentzsch.

Seit früher Kindheit wohnte er im Schloss. 1963 zog die Familie ein. Roland Trentzsch war erst zwei Jahre alt. Die Mutter – alleinerziehend – zog arbeitsbedingt mit den Kindern Roland (2), Michael (4) und Ramona (6) hierher. In der LPG Hermsdorf Spree war sie Tierwirtin. „Im Schloss wohnten auch viele Umsiedler. Stalin hatte sie aus Ostpolen vertrieben. Wir Kinder spielten oft Fußball. Wir freundeten uns an.“ Die Schlossbewohner, so Roland Trentzsch, waren wie Flüchtlinge und Vertriebene von heute. Sie brauchten lange, um sich im Ort zu Hause zu fühlen. Einheimische mieden sie anfangs, machten einen Bogen um die „Auswärtigen aus der Ferne“. Das Schloss selbst, so erzählt der Chronist, bestand aus sehr hohen Wohnungen. Bis zu 3,80 hoch waren die Zimmer. Holzdielen und massive Steinwände prägten sie.

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Auf Pfählen erbaut

Um 1790 entstand das Hermsdorfer Schloss. Aufgrund des morastigen Untergrundes wurde es auf Pfählen erbaut. Zuerst entstand das Herrenhaus. Später kam ein Anbau hinzu. Als dritter Teil folgte der Turm. „Dieser war rechteckig, 25 Meter hoch und mit Zinnen ausgestattet“, sagt Roland Trentzsch und vertieft: „Das Schloss insgesamt war dreigeschossig und von barocker Bauart.“ Zum Schloss gehörten als Nebengebäude die Gutsförsterei (als Wohnsitz für Verwalter und Gutsförster Pfefferkorn mit Familie), das Anwesen (gebaut für die Unterbringung von Kutschen und Pferden) und zwei Scheunen. Um 1810/1811 kaufte Gutsherr Friedrich August Ferdinand Freiherr von Apel das Schloss. Dazu gehörten damals 698 Hektar Land. Der Freiherr kam ursprünglich aus Leipzig. Nach seiner Erhebung in den Adelsstand lebte er in Dresden. Hermsdorf war sein Feriensitz. Jahrzehntelang blieb das Schloss im Besitz der Familie. Meist hielt sie sich in der Ferienzeit der Kinder hier auf. Oft kamen viele Kinder verwandter Familien. So war das Schloss fröhliches und erholsames Feriendomizil. Der letzte Eigentümer, Julius Theodor Apel, starb 1949.

Nach dem Krieg geplündert

1945 war das Schloss noch in gut möbliertem Zustand. „Als bekannt wurde, dass Umsiedler einziehen sollten, wurden viele der schönen Möbel von den Einwohnern herausgeräumt. Das Schloss wurde geplündert“, sagt Roland Trentzsch. 1945/ 1946 zogen die ersten Umsiedler ein. Letztendlich wohnten hier bis zu 15 Familien auf drei Etagen. Sehr dürftig und schlicht waren die sanitären Bedingungen. Im Turm befand sich in jeder Etage ein Plumpsklo. Unten in der Schlossküche wurde in Holzrohren – von einer nahen Quelle im Wald aus – Wasser ins Schloss geleitet. „Baden mussten die Familien – je nach Absprache – an einem einzigen Tag gleich hintereinander“, erinnert sich Roland Trentzsch. „Nachdem die Wasserrohranlage nicht mehr standhielt, wurde mit- hilfe einer Schwengel-Pumpe notdürftig Wasser aus dem Boden gepumpt und mit der Hand ins Schloss hinübergetragen.“

1950 entstand vor dem Schloss ein Brunnen. Er war jedoch nicht ergiebig genug. Es handelte sich nicht um Trinkwasser. So holten die Umsiedler vorsorglich Trinkwasser bei Familie Reisner im Dorf mit dem Leiterwagen. Dieses Wasser konnten sie zum Kochen, Waschen und Wäsche-Reinigen nutzen. Als Erleichterung für die Familien entstand 1953/1954 eine Waschküche für alle Familien. Zusätzlich erhielt jede Familie einen Schuppen. Sie stehen heute noch. Und zwar an der Stelle des Jugendklubs. „In den Jahren 1962/1963 wurde eine Wasserleitung gebaut. So befand sich jetzt auf jeder Etage im Schloss ein Waschbecken“, erzählt der Chronist. „Seit den 1950er-Jahren bekamen die Familien Gärten zugeteilt. So wurde nach und nach das Leben in Hermsdorf für die Schlossbewohner leichter und lebenswerter.“

In sich zusammengesackt

Im Umfeld förderten die Tagebaue Lohsa und Bärwalde Braunkohle. Durch Entzug des Grundwassers trockneten die Pfähle, auf denen das Schloss stand, immer mehr aus. Es kam zu Zersetzungserscheinungen und zu Rissen im Mauerwerk. „In der Folgezeit sackte das Schloss regelrecht in sich zusammen“, erinnert sich Roland Trentzsch. „Eine Rettung war nicht mehr möglich. Zudem zeigte die Staatsmacht auch kein Interesse dafür. Gutsherrschaften, Gutshöfe und Schlösser galten als Relikt rückschrittlicher, vergangener Zeiten.“ Im Januar 1979 ließ die Staatsmacht das Hermsdorfer Schloss sprengen. Mittel für den hohen Renovierungs- und Sanierungsaufwand standen nicht zur Verfügung. „Dem Einsatz der Hermsdorfer ist es zu danken, dass wenigstens der Gutspark mit seinem ursprünglichem Bestand erhalten blieb“, erläutert Roland Trentzsch. Er selbst zog kurz vor der Sprengung des Schlosses mit der Familie in die Gutsförsterei nebenan. Dieses Fachwerkhaus ist das einzige noch erhaltene Gebäude des früheren Schloss-Ensembles. Unweit von hier steht eine Plastik aus Zink-Guss. Sie zeigt auf einem massiven Sockel die römische Jagdgöttin Diana mit dem Hirsch. „Es ist die Nachbildung der Diana von Versailles aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die jetzt im Pariser Louvre zu sehen ist“, unterstreicht der Ortschronist.

Bewegende Erinnerungen an das Schloss spürt er beim Rundgang durch die Heimatstube. Am 27. September 2009 erhielt er einen Brief von Rita Klopsch aus Weimar. Sie hatte die Kindheit im Hermsdorfer Schloss miterlebt. „Meine Familie, die im Mai 45 ins Schloss zog, bestand aus meiner Mutter Berta Klopsch, meiner Schwester Inge, meinem Bruder Klaus sowie den Großeltern Heinrich und Anna Steuer und der Großmutter Wanda Klopsch, die aber bereits 1946 verstarb“, schrieb sie an Roland Trentzsch. „Die Schlossbewohner arbeiteten für die Russen, die das Gut bewirtschafteten und dafür Nahrungsmittel bekamen.“ Links neben dem Schloss wurde den Bewohnern Grabeland zur Bewirtschaftung zugeteilt, rechts vom Schloss waren Schuppen für Kleintier-Haltung. Eine grausige Erinnerung schilderte Rita Klopsch in ihrem Brief: In den Wäldern hatten Füchse etliche gefallene Soldaten freigescharrt…. Die Toten wurden dann auf dem Friedhof bestattet.

Die Rettung war nicht gewollt

Entbehrungsreich schilderte Rita Klopsch ihre Kindheit damals in Hermsdorf. Doch die Kinder fühlten sich zusammengehörig. Sie schufen sich Plätze zum Spielen. Das war manchmal wie ein Abenteuer. „Durch den Suchdienst des Roten Kreuzes fand uns mein Vater Konrad Klopsch, den es durch die Kriegswirren nach Weimar verschlagen hatte und wohin er uns 1950 holte“, schrieb sie im Brief an Roland Trentzsch. Die anderen Bewohner zogen – infolge der Sprengung des Schlosses – später nach Lohsa, nach Königswartha, nach Groß Särchen und nach Uhyst/Spree. „Damals, zum 1. April 1979, trat in der DDR eine neue Verordnung zum Schutz denkmalgeschützter Gebäude in Kraft“, sagt Roland Trentzsch. „Die Sprengung unseres Hermsdorfer Schlosses konnte damit leider nicht mehr verhindert werden. Eine Rettung des Schlosses war nicht wirklich gewollt“. Umso wertvoller ist die Rettung der Erinnerungen. Jene Erinnerungen sammelt Roland Trentzsch sorgfältig und kontinuierlich Quelle für Quelle. „Die Enkel und Urenkel werden es uns danken.“

Die Heimatstube Hermsdorf Spree öffnet nach Vereinbarung. Kontakt: Roland Trentzsch, Tel. 035724 568143. Möglich sind Führungen für Besucher und Projekttage für Schulen.