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Freitals Fahrradständer fallen durch

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub bemängelt die Abstellmöglichkeiten an Freitals Bahnhöfen. Die SZ macht den Praxistest.

Hans-Gunther Müller von der AG Rad demonstriert, wie schlecht der Radständer am Bahnhof Hainsberg-West funktioniert.
Hans-Gunther Müller von der AG Rad demonstriert, wie schlecht der Radständer am Bahnhof Hainsberg-West funktioniert. © Egbert Kamprath

Schon mehrfach fiel Freital bei Studien zur Fahrradfreundlichkeit negativ auf. Meistens ging es dabei um Radwege und Ausschilderungen, die oft nur die Note mangelhaft bekamen. Nun hat der Allgemeine Deutsche Fahrradclub ADFC die Abstellmöglichkeiten an Bahnhöfen unter die Lupe genommen. Freital fällt dabei durch. Zweimal vier, einmal fünf und einmal sechs - das ergibt im Durchschnitt eine 4,75. Damit liegt die Stadt sogar noch unter dem ohnehin schlechten sächsischen Durchschnitt von 4,5, heißt es seitens des ADFC.

Janek Mücksch, Mitglied im Vorstand des ADFC Sachsen, sieht ein großes Verbesserungspotential in Freital: „Fahrradabstellanlagen kosten wenig Geld, sind sehr platzsparend und erhöhen den Einzugsradius von Bahnhöfen enorm.“ Über 6.000 Personen kommen täglich in die Stadt und fast 11.000 Freitaler verlassen ihren Wohnort, um zur Arbeit zu gelangen. Viele Pendler wollen das Rad mit der Bahn kombinieren, behauptet Mücksch. Eine Kombination sei aber nur dann sinnvoll möglich, wenn man das Fahrrad angstfrei am Bahnhof stehen lassen kann. „Die Stadtverwaltung und der Verkehrsverbund Oberelbe müssen jetzt handeln und die unsicheren einfachen Vorderradhalter durch deutlich mehr hochwertige Fahrradabstellanlagen ersetzen."

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Hans-Gunther Müller kann die Kritik sofort nachvollziehen. Er gehört zur Arbeitsgemeinschaft Rad, einer Initiative in Freital, die sich für bessere Bedingungen für Radfahrer einsetzt. Und mit den Bedingungen ist das derzeit so eine Sache, wie man am Bahnhof Hainsberg-West sieht. Die Station liegt etwas abseits der Wohngebiete. Wer hier einsteigt, hat oft schon einen längeren Fußmarsch hinter sich. "Eigentlich müsste man denken, dass gerade hierher viele mit dem Rad kommen", sagt Müller. 

Aber wo abstellen? Der ADFC hatte keinen Radständer in Hainsberg-West gefunden. "Es gibt aber einen", sagt Hans-Gunther Müller und läuft vom Bahnhofszugang gut 70 Meter die Somsdorfer Straße entlang. Unter den Bäumen, im Grasstreifen zwischen Straße und Fußweg taucht eine stählerne Spirale auf. Müller klemmt sein Trekkingrad hinein, aber nur so weit, dass die Bremsscheibe nicht anstößt. Das Rad kippelt und wackelt. "Also ich würde mein Rad hier niemals den ganzen Tag abstellen. Diese Art Ständer machen doch nur die Felgen und Speichen kaputt", sagt er. 

Müller versucht spaßeshalber trotzdem, ein robustes Kettenschloss durch Ständer und Vorderrad zu fädeln. Es gelingt ihm nicht, weil die Zwischenräume der Spirale zu eng sind. Da verwundert es kaum, dass mancher sein Rad lieber an dem massiven Stahlzaun anschließt, der oberhalb des Haltepunktes verläuft.

Ähnlich schlecht ist die Situation am S-Bahnhof in Deuben, wo täglich 800 Fahrgäste einsteigen. Zwar gibt es hier zehn Fahrradparker, verteilt auf zwei Ständer. Aber ähnlich wie in Hainsberg-West kann man da nur das Vorderrad einklemmen. Für Räder mit Scheibenbremse, wie sie heute Standard sind, ein gewagtes Unterfangen. Die Zwischenräume der Ständer sind zudem so schmal, dass beispielsweise Mountainbikes keine Chance haben. Sie passen schlicht nicht hinein. Der ADFC vergab hier eine Schulnote fünf. 

"Felgenfresser" nennen Radfahrer bezeichnenderweise die Radständer wie hier am Bahnhof Deuben. Sonderlich beliebt sind sie nicht, zumal sich Räder dort kaum diebstahlsicher anschließen lassen.
"Felgenfresser" nennen Radfahrer bezeichnenderweise die Radständer wie hier am Bahnhof Deuben. Sonderlich beliebt sind sie nicht, zumal sich Räder dort kaum diebstahlsicher anschließen lassen. © Egbert Kamprath

Doch Freital kann es auch besser. In Hainsberg zum Beispiel. Der größte Freitaler Bahnhof, auch touristisch wegen der Kleinbahn ein Anziehungspunkt, verfügt über die modernste Anlage, welche die Stadt zu bieten hat. Sie ist sogar überdacht. Hier gibt es 16 Bügel, an die man sein Rad bequem anlehnen und abschließen kann. Rein rechnerisch haben also locker 32 Räder Platz. 

Ganz nachvollziehbar ist die ADFC-Bewertung mit der Schulnote vier für Hainsberg und dem Verweis, die Anzahl der Stellplätze sei zu gering, von daher nicht. An einem normalen Wochentag bei warmem Sommerwetter stehen hier sieben Räder, eines davon ist allerdings nur noch Schrott mit platten Reifen und müsste mal entsorgt werden. Das meint auch Radexperte Müller: "Der Abstellplatz in Hainsberg ist doch ganz ordentlich, schon fast Luxus", meint er. Für eine Stadt wie Freital sei das insgesamt betrachtet aber zu wenig. "Solche Unterstände mit Bügeln, um Fahrräder sicher abzuschließen, brauchen wir in der Stadt viel mehr."

Am Bahnhof Hainsberg gibt es einen überdachten Unterstand mit 16 Bügelständern. Dem ADFC ist das zu wenig, obwohl an einem normalen Wochentag nur gut die Hälfte der Ständer belegt ist.
Am Bahnhof Hainsberg gibt es einen überdachten Unterstand mit 16 Bügelständern. Dem ADFC ist das zu wenig, obwohl an einem normalen Wochentag nur gut die Hälfte der Ständer belegt ist. © Egbert Kamprath

Hans-Gunther Müller denkt dabei auch an Potschappel. Der Bahnhof hat ein großes Einzugsgebiet - und nur ein kleines Angebot für Pendler, die mit dem Rad bis zum Haltepunkt fahren. Immerhin gibt es hier seit kurzem sieben im Boden verankerte Fahrradbügel, dazu zwei weitere auf dem angrenzenden Platz des Handwerks. Bei der ADFC-Studie reicht das immerhin für eine Schulnote vier. Aber eine mit Potenzial. 

Denn die Stadtverwaltung plant, nahe dem Bahnhof ein Parkhaus zu errichten. Dort sollen weitere zehn Abstellplätze mit Bügel für Räder untergebracht werden. Und es soll sogar 17 Fahrradmietboxen geben, also kleine Metallcontainer, in die man gegen eine Bezahlung sein Rad regen- und diebstahlsicher einparken kann. Zudem sollen dort auch sechs Ladesäulen für Elektroräder aufgebaut werden.

Am Bahnhof Potschappel gibt es sieben in den Boden eingelassene Bügelständer, an denen sich Räder komfortabel anlehnen und anschließen lassen.
Am Bahnhof Potschappel gibt es sieben in den Boden eingelassene Bügelständer, an denen sich Räder komfortabel anlehnen und anschließen lassen. © Egbert Kamprath

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Aus Sicht von Radfahrer Müller und seinen Mitstreitern kann das nur der Anfang für mehr Radfreundlichkeit in Freital sein. Er appelliert an die Stadtverwaltung, bei der Verkehrsplanung das Thema Radfahrer mehr zu beachten. Denn während die Händler und die Zweiradindustrie derzeit Verkaufsrekorde melden, sei in Freital der Radverkehr immer noch unterbelichtet, so Müller. Es werde zwar viel geredet, aber das Interesse bei der Stadtverwaltung, mehr für Radfahrer zu tun, sei seiner Meinung nach gleich Null.

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