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Ärger am neuen Bahntunnel

Senioren und Fahrradfahrer haben Angst, die Stufen herabzustürzen. Lösen will die Bahn das Problem nicht. Dafür hat die Stadt Coswig eine Idee.

© Norbert Millauer

Von Philipp Siebert

Sybille Stolle schnauft. Nur mit Mühe hievt die 61-jährige Krankenschwester ihr über 15 Kilogramm schweres Fahrrad die Treppen hinauf. Stufe für Stufe. Ganz langsam. Zweimal täglich muss sich die Neusörnewitzerin so anstrengen. Fünf Tage in der Woche. Sie fährt mit der S-Bahn von Neusörnewitz nach Meißen, um auf Arbeit zu kommen und wieder zurück. Ihr Rad hat sie immer dabei. Das muss Sybille Stolle aber jedes Mal die Treppen runter und wieder hinauf tragen. Am Haltepunkt gibt es zurzeit nur einen Bahnsteig. Der Zweite wird in den nächsten sechs Monaten gebaut. Deshalb muss sie durch den Tunnel. „Das ist doch kein Zustand.“

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Früher, vor den Umbaumaßnahmen am Haltepunkt, konnte sie einfach den Bahnübergang an der Sörnewitzer Straße nutzen. Doch der wurde beim Umbau beseitigt. Dafür hat die Bahn einen Fußgängertunnel gebaut. Nutzen kann den aber nicht jeder. Für Rentner mit Rollatoren und Fahrgästen, die ein Rad mitnehmen wollen, sind die Treppen ein Hindernis.

„Ich bin zwar durch meine Arbeit noch fit, habe aber schon Probleme. Senioren mit Gehhilfen oder Leute, die auf den Rollstuhl angewiesen sind, haben gar keine Chance mehr, zur Bahn zu kommen.“ Die Stufen sind zu steil. Viele haben Angst zu stürzen. Beim Ab- und Aufstieg helfen nur selten Passanten. Sybille Stolle lässt ihr Rad deswegen jetzt oft Zuhause stehen. „Lieber laufe ich durch Meißen, als mich hier ständig zu quälen.“

Keine Zwischenlösung

Das wird die Neusörnewitzerin jedoch noch über ein halbes Jahr so machen müssen. Erst Ende Mai 2014 soll der zweite Bahnsteig am Haltepunkt fertig sein – wenn alles nach Plan läuft. „Dann wird es auch Rampen auf beiden Seiten der Gleise geben“, heißt es aus der Pressestelle der Deutschen Bahn.

Eine Zwischenlösung will der Konzern aber nicht schaffen. Aufgrund der Enge beim Bau sei es nicht möglich, Behelfsrampen anzulegen oder eine oberirdische Gleisquerung zu ermöglichen. Nur eine Hilfe bietet die Bahn an: „Unsere bauausführenden Auftragnehmer sind angewiesen, mobilitätseingeschränkten Personen für die Dauer dieses Bauzustandes während der Arbeitszeiten bei der Überwindung der Barrieren zu unterstützen.“

Sybille Stolle findet das lächerlich. „Die arbeiten nur auf der einen Seite der Gleise, Meter tief im Boden. Wie sollen die mich sehen oder hören, wenn ich auf der anderen Seite Hilfe brauche und nach ihnen rufe?“ Die 61-Jährige fühlt sich von der Bahn verschaukelt. „So viel Geld wird hier verbaut, da muss man doch eine Übergangslösung schaffen können.“

Darum will sich nun Coswigs Ordnungsamtsleiter Olaf Lier kümmern. „Wir könnten die Bushaltestellen umlegen“, schlägt er vor. Dort, wo heute noch Baucontainer stehen, will Lier eine Wendeschleife für den Linienbus anlegen. Bahnreisende aus Brockwitz oder Neusörnewitz könnten so mit dem Bus von der August-Bebel-Straße über die neue Brücke bis zum Bahnsteig fahren.

Mit dem Betreiber der Busflotte, der Verkehrsgesellschaft Meißen und den Bauverantwortlichen von der Bahn hat Lier die Idee bereits besprochen. „Wir brauchen aber noch ein paar Tage, um die Verlegung der Haltestelle zu prüfen.“

Für Olaf Lier ist das zwar keine Lösung auf Dauer, aber zumindest ein Anfang. Und sie bietet sowohl den Bahnreisenden als auch den Bauarbeitern Vorteile: „Das Ticket für die Bahn gilt auch für den Bus, Mehrkosten entstehen also nicht“, so Lier. Und die Bauleute brauchen in wenigen Tagen sowieso mehr Platz neben dem Tunnel. Das Stellwerkshäuschen soll in den Wintermonaten abgerissen werden. Auf dessen Fläche wird eine der neuen Rampen angelegt. „Den Bauleuten wäre es eh lieber, wenn während des Abrisses weniger Leute den Tunnel benutzen.“