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Ärger um Firmenausbau

Anwohner sammeln in Leutersdorf Unterschriften gegen die Erweiterung eines Baustoffplatzes. Bekommen sie recht?

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Von Holger Gutte

Noch blickt Ralf Speerschneider von seiner Terrasse in Leutersdorf auf eine grüne Wiese. Mit Grauen denkt er daran, wie sich seine schöne Aussicht in ein paar Monaten verändert haben könnte. Statt der Wiese soll es dann einen Lagerplatz geben. Die Firma E. Raiss GmbH + Co. Baustoffhandel KG will ihr Tiefbaulager an der Seifhennersdorfer Straße bis hierhin ausdehnen. Als vor einigen Wochen ein Sturm aufkam, sind bereits ein paar Rohre über den Zaun geflogen. Landen die künftig in seinem Garten?

Schnappschuss eines Anwohners: Ein wartender Lkw blockiert die Busbucht.
Schnappschuss eines Anwohners: Ein wartender Lkw blockiert die Busbucht.
Diese Rohre flogen beim letzten Sturm über den Zaun des Baustofflagers.
Diese Rohre flogen beim letzten Sturm über den Zaun des Baustofflagers.
Frank Elbert, Steffen Behrisch und Rene Borostowski (v. re.) haben mit anderen Anwohnern Unterschriften gegen die Erweiterung der Firma Raiss gesammelt. Fotos: M. Weber (2), privat (2)
Frank Elbert, Steffen Behrisch und Rene Borostowski (v. re.) haben mit anderen Anwohnern Unterschriften gegen die Erweiterung der Firma Raiss gesammelt. Fotos: M. Weber (2), privat (2)

Das Wiesengrundstück ist schon im vergangenen Jahr von der Gemeinde Leutersdorf an die Firma verkauft worden. Eigentlich sollte bereits im Mai dieses Jahres gebaut werden. Aber Ralf Speerschneider und seine Nachbarn Steffen Behrisch, René Borostowski und Frank Elbert haben 400 Unterschriften gegen die geplante Firmenerweiterung gesammelt. „Für ein Bürgerbegehren wären nur 318 notwendig gewesen“, schildern die Anwohner. Sie haben Widerspruch gegen den Bebauungsplan eingereicht und darin 28 Einwände gegen die Standorterweiterung vorgebracht. Wenn künftig auch das Düngemittel- und Salzlager herkommt, nimmt der Laster-Verkehr noch mehr zu, vermuten sie. „Ich arbeite im Schichtsystem. Da ist es egal, ob ich einmal oder mehrmals am Tag durch Lärm aus dem Schlaf gerissen werde“, sagt René Borostowski. Munter ist munter. Sie glauben nicht daran, dass sich die Firma an einen Durchführungsvertrag hält. Darin steht zum Beispiel, dass pro Tag maximal 20 Lkw-Fahrten mit Anlieferungen oder Abtransporten von Baustoffen erfolgen dürfen. Bei lediglich zwei davon dürfen Schüttgüter verkippt werden. „Das kontrolliert doch keiner“, sagt Frank Elbert.

Jetzt passiere auch nichts, wenn die Laster mit den Baustoffen im Haltestellenbereich stehen und der Schulbus kaum Platz hat. Und da gibt es noch ein Problem. Wenn ein Lkw am Freitag zu spät kommt, steht er bis Montagfrüh. Meist sind es ausländische Fahrer, die sich dann ihr Essen an einem kleinen Kocher zubereiten und natürlich auch ihre Notdurft um das Firmengelände herum verrichten, schildern die Anwohner. Erst kürzlich sei das wieder passiert.

Die vier sind sich einig: Hätten sie gewusst, dass das Baustofflager so nah an ihre Grundstücke gebaut wird, hätten sie ihr Eigenheim woanders errichtet. Denn nun könnte ihr Haus an Wert verlieren. In ihrem Widerspruch machen sie auch auf eine mögliche Gesundheits- und Umweltgefährdung durch Lärm und Staub aufmerksam. Zudem fürchten sie, dass durch das Versiegeln des Geländes auf sie ein Regenwasserproblem zukommt. Sie glauben nicht, dass die Rohrleitung, die den Niederschlag ins Leutersdorfer Wasser leiten soll, ausreicht. Auch die alte Klärgrube, die als Auffang- und Sickerbecken genutzt werden soll, helfe da nicht, schildern sie.

„Wir haben die Bedenken geprüft und, wo nötig, im Durchführungsvertrag berücksichtigt“, sagt Bürgermeister Bruno Scholze (CDU). Im Gewerbegebiet, wo sich noch das Salzlager befindet, könne die Firma nicht bauen. Nicht nur wegen des Hochwassers. Im Winter hätten die Laster bei dem Gefälle Glatteisprobleme. „Wir müssen einen Kompromiss finden“, sagt er. Die Firma Raiss hat in Leutersdorf 1992 mit drei Beschäftigten angefangen. Jetzt arbeiten hier 34 Leute. Sie hat 15 Niederlassungen in ganz Deutschland. „Wir haben es uns im Gemeinderat mit der Zustimmung für die Erweiterung nicht einfach gemacht“, sagt Bürgermeister Scholze. Die Firma legt einen Grüngürtel um das Gelände an. Damit keine Rohre und andere Baustoffe über den Zaun fliegen, soll nicht mehr so hoch gelagert werden.

Vom Landratsamt ist der Bebauungsplan geprüft worden. Dabei gab es lediglich einen Hinweis an die Gemeinde, dass der Schutz der angrenzenden Streuobstwiese – als geschütztes Biotop – gewährleistet sein muss, teilt der Leiter des Büros vom Landrat, Andreas Johne, auf SZ-Anfrage mit.

Der Geschäftsführer der Firma E. Raiss GmbH + Co. Baustoffhandel KG, Dieter Bergler, kann die unmittelbaren Nachbarn verstehen, dass sie nicht glücklich darüber sind, dass auf der grünen Wiese in ihrer Nachbarschaft ein Lagerplatz entstehen soll. Ihre Argumente wegen Lärm- und Staubbelästigung sowie eines möglichen Sicherheitsrisikos, Entwässerungsproblems oder einer Umweltbelastung teilt er allerdings nicht.

Für ein Baustofflager ist es wichtig, dass es möglichst eine geschlossene Einheit bildet. Das hängt mit der Logistik und dem Personaleinsatz zusammen, schildert der Firmenchef. In Leutersdorf gibt es drei Standorte. Mit der Halle, in der im Ort Düngemittel und Salz lagern, gab es in den letzten Jahren immer wieder Probleme wegen Hochwasser. Deshalb will die Firma Raiss das Salz- und Düngemittellager mit in den Standort des Tiefbaulagers in der Seifhennersdorfer Straße integrieren. „Wir haben unsere Argumente bei einer Informationsveranstaltung für die Bürger versucht darzulegen“, sagt Bergler. Für die Unternehmensentwicklung in Leutersdorf sei der Standort wichtig. Einen anderen gebe es nicht. „Um uns am Standort erweitern zu können, mussten wir einen langen Weg über einen neuen Bebauungsplan gehen. Da gab es teilweise sehr hohe Hürden“, schildert er. Die Firma Raiss will ihren Standort in Leutersdorf weiterentwickeln und investieren. „Es gibt einen Durchführungsvertrag zwischen uns und der Gemeinde. Und den halten wir ein“, sagt der Geschäftsführer.

Jetzt heißt es abwarten, was das Landratsamt nach der Prüfung der Unterschriftslisten sagt.