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Ärger um Metallbaufirma in Rattwitz

Ein Unternehmen freut sich über einen Großauftrag. Doch die Anwohner sind genervt.

© Thorsten Eckert

Von Christoph Scharf

Präzision! Darauf kommt es bei der Firma Drehverbindungen Bautzen an. Zehntelmillimeter sind bei der Fertigung von Zahnkränzen entscheidend – egal, ob die Stahlteile mit 50 Zentimetern Durchmesser bequem auf die Werkbank passen oder mit vier Metern bloß noch per Kran bewegt werden können. Und die Präzision hört bei den Abmessungen noch lange nicht auf. Vor der Auslieferung nimmt ein externer Gutachter stundenlang ein Werkstück unter die elektronische Lupe, um die Härte des Stahls zu prüfen. Für den Laien wirkt das Erzeugnis wie ein überdimensioniertes Zahnrad. Tatsächlich ist das präzise gefertigte Stück mit fast vier Metern Durchmesser mehrere 10 000 Euro wert.

Stars im Strampler aus Bautzen
Stars im Strampler aus Bautzen

Auch in der letzten Woche sind Babys auf die Welt gekommen, die im Landkreis Bautzen zu Hause sind.

Das Produkt aus Rattwitz wird später in einem Schiffskran eingebaut. Andere Zahnkränze kommen in Baumaschinen, Windrädern oder Gießerei-Anlagen zum Einsatz. Was in der Werkhalle hinter dem Backofenbauer Debag gefertigt wird, geht nach ganz Europa, genauso nach Thailand oder Brasilien. Der jüngste Großauftrag umfasst Drehverbindungen für U-Bahn-Fahrgestelle, die unbedingt noch vor Weihnachten ausgeliefert werden müssen. „Sonst hätten wir den Auftrag gar nicht bekommen“, sagt Verkaufsleiter Eberhard Kellert. Nun sind die insgesamt 29 Mitarbeiter rund um die Uhr im Drei-Schicht-System im Einsatz. Gut für die Einhaltung der Lieferfrist, schlecht für die Anwohner. Denn die beschweren sich bereits seit mehr als zwei Jahren über Krach aus der Fabrikhalle des Unternehmens.

„Manchmal geht der Lärm die ganze Nacht durch“, sagt Thomas Frenzel, der nur wenige Meter jenseits des Werkzauns wohnt. „Wenn die früh um halb vier hämmern, ist Glockenläuten nichts dagegen.“ Sein Nachbar Jörg Müller möchte manchmal am liebsten umkehren, wenn er zum Feierabend nach Hause kommt. „Da gibt es einen nervigen Fiepton, der ist auf Dauer nicht auszuhalten.“ Und manche Maschinenschwingung bemerke man sogar noch bei geschlossenem Fenster im Wohnzimmer. „Da hört der Spaß auf!“

Der Bautzener hat sich nicht nur beim Ortschaftsrat über den Krach jenseits des Gartenzauns beschwert, sondern auch ans Umweltamt des Landkreises geschrieben. Dort ist die Bautzener Firma schon seit zwei Jahren bekannt. „Die ersten Beschwerden kamen 2011, als das Unternehmen seine Produktion ausbaute“, sagt Torsten Seidler. Der für den Lärmschutz zuständige Sachgebietsleiter ordnete darauf Messungen an. Das Ergebnis damals: Die für die Tagstunden zulässigen Werte wurden knapp eingehalten: 55 Dezibel sind erlaubt, 53,6 wurden gemessen. Nachts wären 40 Dezibel zulässig. Das wurde damals aber gar nicht überprüft, weil seinerzeit nachts laut Unternehmen keine lärmenden Tätigkeiten anstanden.

In der Folge beruhigte sich das Verhältnis unter den ungleichen Nachbarn. Laut Umweltamt wurde eine Vereinbarung zwischen Firma und Ortschaftsrat abgeschlossen, dass die Türen der Fabrikhalle bei lauten Arbeiten zu bleiben und morgens erst ab sechs Uhr gelärmt werde. Von so einer Vereinbarung will Geschäftsführer Falk Scholze allerdings nichts wissen. „Eine Sechs-Uhr-Regelung gab es nie! Wir haben schon immer früh um fünf angefangen.“

Allerdings habe man seit 2010 mehr als 100 000 Euro in lärmgedämmte Fenster und zwei schallschluckende Fassaden investiert. Außerdem sei man dabei, einen leiseren Maschinenpark anzuschaffen. Nicht zuletzt habe man den Mitarbeitern nicht nur das nächtliche Hämmern, sondern sogar das Radiohören verboten – alles mit Rücksicht auf die Nachbarn. Verkaufsleiter Eberhard Kellert verweist darauf, dass es zu DDR-Zeiten am Standort viel lauter zuging – damals fertigte Fortschritt in der Halle Getriebe. Weil das Areal seitdem als Gewerbegebiet für die Metallverarbeitung ausgewiesen ist, kann das Kreis-Umweltamt auch nicht so ohne Weiteres Lärm verbieten. Allerdings soll es nun unregelmäßig neue Messungen geben. Sollten dabei die zulässigen Werte überschritten werden, drohen Strafzahlungen.

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