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Ärger um riesige Tomatenplantage

Beim sächsischen Umweltministerium liegt die erste Beschwerde wegen grenzüberschreitender Lichtbelästigung vor. Ob sich etwas ändert, ist fraglich.

© Jens Neumann

Von Jan Lange

Die Drittelstunde – der SZ-Podcast

Aktuelle Themen sowie Tipps und Tricks für den Alltag: Fabian Deicke stellt Experten verschiedener Gebiete die Fragen der SZ-Community.

Der Himmel leuchtet in einem grell-gelben Licht. Dabei ist es nach 18 Uhr, und es müsste, jahreszeitlich bedingt, eigentlich dunkel sein. Dass der Himmel dennoch taghell erscheint, liegt vielmehr an der Beleuchtung der riesigen Tomatenplantage hinter dem polnischen Kraftwerk in Turow. Viele Anwohner hatten im ersten Moment vermutet, dass das Kraftwerk wieder brennt.

Nun gibt es die erste Beschwerde eines Bürgers über grenzüberschreitende Lichtverschmutzung. Das bestätigte Landrat Bernd Lange (CDU) auf Anfrage von Kreisrat Jens Thöricht (Die Linke). Die Angelegenheit, so Lange, werde aber von Sachsens Umweltministerium bearbeitet. Wie die SZ aus der Dresdner Behörde erfuhr, gibt es noch keine abschließende Entscheidung zu der Beschwerde. „Eine ordentliche Bewertung ist erst nach einer Messung vor Ort möglich“, erklärt Pressesprecher Falk Hofer. Nun werde nach einem geeigneten Messort im Haus des protestierenden Bürgers gesucht. Wie auch ein günstiger Zeitpunkt für die Messung. Danach werden die Umweltfachleute über das weitere Vorgehen entscheiden.

Ganz einfach wird das jedenfalls nicht. Denn es gibt keine europaweiten Grenzwerte für Lichtimmissionen. Selbst in Deutschland existieren nur Richtwerte. Demnach darf die Raumaufhellung in einem Dorf tagsüber fünf Lux und nachts ein Lux betragen. Für ein Wohngebiet betragen die Richtwerte drei Lux tagsüber und ein Lux nachts. Die Beleuchtungsstärke einer Kerze in etwa einem Meter Entfernung beträgt zum Vergleich ebenfalls ein Lux.

„Selbst bei der Überschreitung der deutschen Richtwerte sind Sanktionen nicht einfach so durchsetzbar“, räumt Hofer ein. Gegebenenfalls könne in Gesprächen darauf hingewirkt werden, dass die Beleuchtungsstärke verringert wird. Das hat beispielsweise schon im Fall des Kraftwerkes Turow geklappt. Auch für Lärm gibt es keine europaweit gültigen Grenzwerte. Trotzdem werden seit Längerem umfangreiche Lärmminderungsmaßnahmen im Kraftwerk umgesetzt. Erst vor einigen Wochen konnten sich die deutschen Nachbarn vor Ort ein Bild von dem machen, was passiert ist. Auch Hirschfeldes Ortsbürgermeister Bernd Müller war bei dem Treffen im Kraftwerk dabei. Beim Rundgang durch die Gebäude seien die Besucher auch aufs Dach geführt worden. Dabei wurde zufällig die neue Tomatenplantage entdeckt. Das war kurz vor deren Eröffnung. Zuvor habe es keinerlei Informationen von den Nachbarn bezüglich der geplanten Großinvestition gegeben, schon gar nicht zu den möglichen Lichtbelastungen, die auf die Anwohner zukommen. „Das ärgert einen schon ein wenig“, sagt Müller.

Auch Jens Thöricht ist darüber nicht sehr glücklich. „Es gibt doch grenzüberschreitende Informationskanäle, warum nutzen wir diese nicht?“, fragt sich der Kreisrat. Dass die deutschen Behörden in das Genehmigungsverfahren nicht einbezogen wurden, wird sowohl vom Umweltministerium wie auch von Zittaus Ex-Bürgermeister Michael Hiltscher (CDU) bestätigt. Dabei sind die polnischen Behörden aufgrund internationaler Vorschriften verpflichtet, Projekte gegenüber dem Nachbarstaat anzuzeigen, wenn diese erhebliche nachteilige grenzüberschreitende Umweltauswirkungen haben. Der betroffene Nachbarstaat hat dann Gelegenheit zu einer Stellungnahme. Im Fall der Windkraftanlagen, die in großer Anzahl über der Neiße auf polnischer Seite errichtet werden, waren die deutschen Nachbarn beispielsweise eingebunden.

Die Lichtbelästigung durch das Riesengewächshaus könnte zum Beispiel mit Jalousien verringert werden, schlagen Anwohner vor. Kein schlechter Vorschlag, sagt Energieberater Ludwig Koban, der sich wegen der außergewöhnlichen Beleuchtung an mehrere Kreistagsfraktionen gewandt hat. Das grelle Licht beeinflusse aus seiner Sicht wahrscheinlich auch die Insektenwelt. Von der Verringerung der Lichtimmissionen nach außen könne ebenso der Betreiber profitieren, da so der Energieverbrauch zurückgehe.

Bei der Beleuchtung der Plantage könne man von Lichtsmog reden, weil sie abnorm sei, findet Hiltscher, der selbst an der polnischen Grenze in Rosenthal wohnt. Nach Erkenntnissen des Umweltministeriums, so Hofer, wird die Lichtquelle derzeit gegen 17 Uhr abgeschaltet. Ortsbürgermeister Müller kann das nicht bestätigen. Er ist zum Beispiel am Montag kurz nach 18 Uhr zur Singstunde gefahren und habe dabei einen hellgelben Schein am Himmel gesehen. Beleuchtet werde die Riesenplantage aber nicht die gesamte Nacht, wie Hiltscher aus eigener Erfahrung weiß. Auch andere Anwohner bestätigen das. So sei die grelle Beleuchtung am Montagabend kurz vor acht ausgeschaltet worden. Am frühen Morgen, zwischen drei und vier Uhr, werde sie eingeschaltet, berichtet Hiltscher. Er selbst stört sich relativ wenig an der ungewöhnlichen Lichtquelle. „Andere stört es mehr“, meint der 65-Jährige. Viele Menschen seien einfach sensibler geworden. Hiltscher geht davon aus, dass die Beleuchtung im Sommer wahrscheinlich nicht eingeschaltet wird.

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